Klanggemisch

17. August 2015 - 8:54 | a3redaktion

a3kultur präsentiert Ihnen einige der bemerkenswertesten, mit Lokalkolorit versehenen Neuerscheinungen der letzten Monate auf einen Blick.

Electronica-Kreuzungen, sphärische Streicherklänge, Folk mit Psychedelic-Einschlag, historische Balladen und Deathmetal auf einer Seite? Das gibt es nur bei uns. 

Im Juli erschien auf dem Augsburger Label Headape Records das bereits dritte Album von Jack Snipe, es trägt den Titel »Noch immer«. Unter der tontechnischen Mithilfe von Matthias Zimmer haben die fünf Mitglieder Anna (Violine, Vocals), Marko (Bass), Riccardo (Gitarre), Simon (Drums, Sampling) und Stefanie (Cello) ein klanglich beeindruckendes Werk produziert. Es sind zumeist langsame, unkomplizierte Kompositionen, die davon leben, den Hörer durch sphärische Streicherklänge, elektronische Sounds und mit Reverb verzierte Vocals in eine Traumwelt zu befördern. Sängerin Anna verleiht mit ihrem unverkennbaren, zarten Gesangsstil jedem der zwölf Songs einen fast unschuldigen Charakter. Doch die teils deutschen, teils englischen Texte beweisen, dass schon gelebt und geliebt, viel gedacht und geträumt wurde. Dieses Werk ist für jeden ein Muss, der in einen bewusstseinsverändernden Pop-Ozean eintauchen möchte. (jst) www.jacksnipe.bandcamp.com

Zwei alte Electronica-Haudegen der Augsburger Szene hauen ein gemeinsames Schallplättsche raus: elektrojudas & XNDL veröffentlichen ein unbetiteltes Split-Vinyl (auch als Download) in auf 200 Exemplare limitierter, handnummerierter Auflage. Das Ergebnis ist ein homogenes, schmuckes Stück Wohnzimmer-Electronica-Listening. Während elektrojudas (aka Wolfgang Wilholm) seine sanfte Seite zeigt und derart sphärisch an Alan Wilder oder Depeche Mode erinnert, arbeitet XNDL mit einem dezenten, zitatartigen Rückgriff auf den Breakbeat der 90er und kreuzt Minimal Techno mit EBM-Trance und Gothic Hip Hop Drums. Ein mega-entspanntes, fast verspieltes Split, das von seinem stylishen Minimalismus lebt. Elektrojudas und XNDL ergänzen sich kongenial, hier haben zwei Leute echt zusammengearbeitet. (msc) www.attenuationcircuit.de

Impotenz greifen wieder an. Die vierköpfige Punkcombo um Sänger Arno Loeb – seines Zeichens auch regelmäßig als Autor für a3kultur tätig – veröffentlichte Anfang des Jahres ihre neue Platte »Da musst du durch«. Abzocker, Spießbürger, Geizhälse, Schmarotzer, Machtmenschen, Moralisten – alle bekommen sie in gewohnt deftiger Art ihr Fett weg. Kostprobe gefällig? »Ihr Leben hat null Sinn, sind nur zum Scheißen da, und wenn ihr Darm dann leer ist, wie ihr Gehirn bereits, dann kommt ihr Glitzerarsch aufs Magazin Brechreiz.« Und sonst so? Schöne Basslines und Gitarrensoli sowie zwei versteckte Unplugged-Songs am Ende der Platte. Mit »Da musst du durch« setzen die unverwüstlichen und unverbesserlichen Oldiepunks ihre Krawall-Karriere fort. Eines ist sicher: Auch nach über dreißig Jahren im Geschäft bleiben Impotenz die berüchtigtste Band der Stadt. (pab) www.impotenz-band.jimdo.com

Ulcerous Phlegm (1989–1993) war die erste Band, die die Ende der 80er neu entstandenen Genres Deathmetal und Grindcore ins ahnungslose Augsburg verfrachtete, was an musikhistorischer Leistung in etwa der einstigen Landung der Alliierten an Omaha Beach gleichkommt. Über 50 verschiedene Bands aus aller Welt haben seitdem den UP-Song »Consequence« gecovert. Mit dem Ziel, die Lech-Stahlwerke zu übertönen, hatten UP 1989 ihren ersten Proberaum in Meitingen, das Abschiedskonzert der Ultrabrutalo-Blastbeat-Berserker fand bizarrerweise in der heimeligen Kresslesmühle statt. Das Album »Phlegm as a last consequence« (als LP, CD und Tape via Power It Up/Cargo Records) umfasst die beiden längst ausverkauften EPs plus Unveröffentlichtes. Historisches Must-have-Material. Im Booklet ein Ausschnitt aus einem Fanzine-Interview (1991) mit UP-Mitglied Bernd Spring: »Ich habe mir überlegt, ob ich mir ein Auto oder einen Bass kaufen will. Ich habe mich für das Zweite entschieden.« Beim Bass ist Bernd Spring (heute: Bass-Drone-Duo Deep) bis heute geblieben. (msc) www.power-it-up.de

Die kürzlich erschienene Single von Je suis Julie wirft hauptsächlich eine Frage auf: Wann, verdammt noch mal, kommt das Album? 2015 sollte es endlich so weit sein. Julie und ihre Kompagnons G. Fernando, K. Bühler und R. Ferrara sind jedenfalls fleißig im Augsburger Offshore-Studio am Arbeiten und haben mit »Screen Addiction« und »Commitment Phobia« schon einmal einen herrlichen Vorgeschmack geliefert. Rock-Pop auf höchstem Niveau, in dem Julie ihren einzigartigen Gesangsstil aufscheinen lässt: In einem Moment noch cool und lässig, flattern im nächsten Moment die Tremolos durch den Raum und verursachen Glücksgefühl und Nachsinnen. Auch Ferraras groovige Gitarrenriffs auf »Commitment Phobia« dürfen nicht unerwähnt bleiben. Vor dieser Musik besteht keine Gefahr der Bindungsangst! Digital erhältlich bei iTunes, Amazon, Spotify etc. (jst) www.facebook.com/jesuisjuliemusic

Auf dem titelgebenden Album-Opener »Stadt Land Fluss« (Honu Lani Records/Universal) klingt Claudia Koreck wie das Missing Link zwischen Roger Cicero und Nicki (»Wenn i mit dir tanz« – erinnert sich noch wer?). Einen feschen Clip, siehe Youtube, gibt’s auch dazu. Die schönste und diplomatischste Art, das Album zu besprechen, ist: Wem so was gefällt, dem gefällt so was. Die 28-jährige blonde Bayerin, in Kufstein geboren und heute in München lebend, verknüpft auf ihrem mittlerweile sechsten Album Soul, Pop und auch mal Blues; die Produktion experimentiert auch mal mit Banjolin, Cajon und Hackbrett. Der Erfolg scheint Koreck recht zu geben: Im Frühjahr spielte sie zwei Abende hintereinander im Parktheater Augsburg. Korecks Produzent (und Lebenspartner) Gunnar Graewert war übrigens mal Dozent für Songwriting an der Uni Augsburg. (msc) www.claudia-koreck.de

Pinewood Soul widmen sich auf ihrer CD »Woodpecker’s Cry« auf großartige Weise dem 60er- und 70er-Folk und allem, was heutiger Americana den Weg bereitet hat. Ihr Interesse und ihre Leidenschaft ist echt, das abgeklärte Zitatengehabe und die eklig schmunzelnde Ironie des »Retro« sind ihnen egal, wenn nicht sogar genuin fremd. Musik mit Bart, aber lieber Hippie als Hipster! Countryfolk, mehrstimmiger Harmoniegesang und leichter Psychedelic-Einschlag lassen Neil Young mit Syd Barrett knutschend über die Augsburger Maxstraße flanieren, ihre selbst gedrehten Zigarettenkippen an den Schuhen der Latte-schlürfenden Büroangestellten ausdrückend. Das Ganze ist ultranah am Original-Vibe, dabei sind die Buben ja noch so jung, und weil es sich um rohe Demo-Aufnahmen handelt, nennen Pinewood Soul ihre elf Tracks umfassende CD bescheiden trotzdem eine EP. Hat Charme, Talent und Potenzial. (msc) www.facebook.com/pinewoodsoul

Elias Loeb ist häufig in Antiquariaten unterwegs. Dort hat der Augsburger Sänger nach einigem Stöbern unzählige traurige, morbide, skurrile und düstere Balladen gefunden, die es eigentlich verdient hätten, vertont zu werden. Aus diesen vergessenen Geschichten entstanden im letzten Winter zwölf Eigenkompositionen, die Loeb prompt in seinem Heimstudio aufnahm. Nach erfolgreicher Crowdfunding-Kampagne erschienen die Songs unter dem Titel »Das Herz ist mir zersprungen« nun auf CD. Uralte deutsche Balladen? Da liegt der Gedanke natürlich nahe, dass diese nicht umsonst von der Bildfläche verschwunden sind. Aber weit gefehlt – Loeb, der vornehmlich als freischaffender Maskenbildner seine Brötchen verdient, lässt die Balladen mal mit viel Blues, mal mit einer Prise Folk neu aufleben. Tiefe Gefühle, tödliche Liebe und wilde Outlaws – Stoff, dem man gerne lauscht. (pab) www.elias-loeb.blogspot.de

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