Klavierstadt Augsburg – eine Wiederentdeckung

10. Januar 2018 - 8:16 | Gast

Das Leopold-Mozart-Zentrum der Universität Augsburg unterhält seit kurzem eine Professur für historische Tasteninstrumente. Ein Gastbeitrag von Christoph Hammer

Seit der Zeit der Renaissance war der Instrumentenbau in Augsburg beheimatet, wovon einige höchst kunstvolle Kleinorgeln im Kunsthistorischen Museum in Wien zeugen. Neben diesen vorzüglich gearbeiteten Kostbarkeiten besaß Raymund Fugger d. J. (1528–1569) eine der größten Instrumentensammlungen weltweit, sowie eine umfangreiche Musikbibliothek. Bedeutende Instrumente wurden von Orgelbauern wie Eusebius Amerbach (Dom und Klosterkirche St. Ulrich und Afra) oder Marx Günzer geschaffen. Nach den bedeutenden Meistern aus den Familien Bidermann, Weidner und Leu wirkte ab 1750 Johann Andreas Stein (1728–1792) in Augsburg.

Nach Vollendung seiner großen Orgel für die Barfüßerkirche widmete Stein sich überwiegend dem Bau besaiteter Tasteninstrumente und Erfindungen zu deren Verbesserung. Die von ihm seit 1770 entwickelte Klaviermechanik mit der so genannten Auslösung (von W.A. Mozart anlässlich seines Besuches im Herbst 1777 gerühmt) verschaffte dem Hammerklavier den Durchbruch in der Musikgeschichte, da dem Spieler mit ihr erstmals eine perfekte und hochsensible Kontrolle über den Anschlag gegeben war. Steins Erfindung fand nicht zuletzt über seine zahlreichen Schüler rasche Verbreitung und verschaffte den Augsburger Klavieren internationalen Ruf: tatsächlich waren diese zu Mozarts Zeit das Nonplusultra des Instrumentenbaus. Mit dem Umzug der Firma nach Wien durch Nanette und Johann Andreas Streicher etablierte sich die Steinsche Erfindung schließlich als »Wiener Mechanik« und behauptete sich in seiner genialischen Konstruktion als Grundlage für den Wiener Klavierbau bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gegenüber vielfältigen anderen Patenten.

Man kann Augsburg mit Fug und Recht als Geburtsstadt des modernen Klaviers bezeichnen

2019 wird Augsburg den 300. Geburtstag von Leopold Mozart begehen – doch neben dem bekannten Pädagogen und Komponisten bedeutet ebenso auch der Name Johann Andreas Stein einen buchstäblichen Meilenstein im Musikleben des 18. Jahrhunderts. Über die Freundschaft der Familien Mozart und Stein – ergänzt durch die bedeutenden Musikverlage Lotter und Gombart – bildet damals Augsburg einen Fokus der musikalischen Avantgarde nach der Mitte des 18. Jahrhunderts. Man kann Augsburg also mit Fug und Recht als Geburtsstadt des modernen Klaviers bezeichnen. Und eben diese Tradition soll nicht nur eine geschichtliche Randbemerkung in dieser an Geschichte so reichen Stadt bleiben, sondern wieder zu lebendigen Klängen finden am Leopold-Mozart-Zentrum der Universität Augsburg.

Seit kurzem ist hier eine Professur für historische Tasteninstrumente verortet, die jungen Studenten ebenso wie einer breiten Öffentlichkeit die spannende Vielfalt der Tastenwelt in ihrer Geschichte näherbringen will – im Idealfall im besten Geiste eines Leopold Mozarts als glückliche Verbindung von pädagogischer Lehre und kreativem künstlerischen Entdeckergeist, als Inspiration aus der Geschichte für unsere heutige Welt. In diesem Sinne will das Leopold-Mozart-Zentrum auch allgemein die Musik der Mozartzeit in enger Verbindung mit moderner Musik als profilbildenden Schwerpunkt stärken. Und vielleicht gelingt es ja, in der Mozartstadt Augsburg in naher Zukunft eine angebotene einzigartige Sammlung von historischen Tasteninstrumenten zu positionieren, die für Augsburg eine erhebliche Profilierung auch in diesem Aspekt seiner Geschichte bedeuten könnte. Das Leopold-Mozart-Zentrum wird 2018 neben vielfältigen Konzerten auch eine Tagung über den Klavierbau in Augsburg veranstalten. Lassen Sie sich überraschen!

Christoph Hammer zählt international zu den profiliertesten und vielseitigsten Musikern im Bereich der historischen Aufführungspraxis. Seit 2013 lehrt er am Leopold-Mozart-Zentrum der Universität Augsburg als Professor für historische Tasteninstrumente und Kammermusik. Er leitet das LMZ gemeinsam mit Prof. Andrea Friedhofen und Prof. Dominik Wortig.

www.philso.uni-augsburg.de/lmz/


Was bringt das neue Jahr? Die a3kultur-Redaktion hat 16 Kulturmacher*innen aus unserer Region um einen Gastbeitrag zu ihren Projekten 2018 gebeten. Mehr in unserer aktuellen Printausgabe: http://a3kultur.de/ausgabenarchiv

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