Klein, aber nicht oho

4. Januar 2018 - 8:14 | Thomas Ferstl

Schrumpffantasien in der Januar-Ausgabe der a3kultur-Kinokolumne »Projektor«.

»Hättest du mich mal ein bisschen früher geküsst, dann wäre AIDS jetzt besiegt und die 90ies nicht zurück«, singen Kraftklub in »Songs für Liam«. AIDS besiegen, klar, das wäre geil. Aber die 90er nicht wieder aufleben lassen? Die haben immerhin einige geniale Dinge hervorgebracht: die Wiedervereinigung, Nirvana oder mich zum Beispiel. Ob es aber so gut ist, die Schrumpffantasien der 90er-Jahre-Hit-Serie »Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft« filmisch wieder aufleben zu lassen, erfahren Sie hier

»Hilfe, ich habe meine Eltern geschrumpft« (18. Januar, CinemaxX) ist die Fortsetzung von »Hilfe, ich habe meine Lehrerin geschrumpft«. Ein Schalk, wer bei dieser Namenswahl über Kreativität und Originalität ins Nachdenken gerät. Es spukt wieder in der Schule von Felix (Oskar Keymer). Diesmal treibt aber nicht der wohlwollende Schulgründer Otto Leonhard (Otto Waalkes) sein Unwesen, sondern die verhasste und vor langer Zeit verstorbene Direktorin Hulda Stechbarth (Andrea Sawatzki). Ein Zufall lässt den seinerzeit geschrumpften und skelettierten Schülerschreck wieder auferstehen. Derweil ist Felix genervt von seinen Eltern (Axel Stein, Julia Hartmann). Denn kaum läuft es für ihn am Otto-Leonhard-Gymnasium unter der Leitung von Schuldirektorin Dr. Schmitt-Gössenwein (Anja Kling) so richtig gut, wollen seine Eltern mit ihm nach Dubai umziehen, weil sein Vater dort einen neuen Job annehmen möchte.

Felix ist dagegen und wünscht sich, dass seine Eltern auch mal gezwungen sein sollten, das zu tun, was er will. Dieser Wunsch geht schneller in Erfüllung, als Felix es erwartet hat, denn nach einem unfreiwilligen Aufeinandertreffen mit Hulda werden seine Eltern geschrumpft. Mitten in der Nacht stehen sie plötzlich völlig erschöpft und hilfesuchend neben seinem Bett, nachdem sie sich auf abenteuerliche Weise nach Hause gekämpft haben. Auf einmal ist Felix derjenige, der sich um seine Eltern kümmern muss, was gar nicht so einfach ist. Gemeinsam mit seinen Freunden schmiedet er einen Plan, wie er seine Eltern wieder groß machen und die Schule vor Hulda retten kann, die »Schmitti« gefangen hält und versucht, die Macht an sich zu reißen.

Vorlage für diesen Film ist abermals ein Kinderbuch von Sabine Ludwig. Allerdings weist dieser Film, wie auch sein Vorgänger, nur noch wenige Gemeinsamkeiten mit der Vorlage auf. Lediglich die grundlegende Idee und einige Figuren sind erhalten geblieben. Weiterhin fällt negativ auf, dass Regisseur Tim Trageser, vorwiegend bekannt für Kriminalfilme, starke Probleme mit dem Timing der zahlreichen komödiantischen Szenen hat. Auch plätschert der Film erzählerisch lange Zeit vor sich hin und nimmt erst im letzten Drittel richtig Fahrt auf. Da können auch die wenig gelungenen Gags und die recht liebevoll gestalteten Animationen leider nicht für Abhilfe sorgen. Otto übrigens auch nicht.

Alexander Paynes Schrumpfungsdramödie »Downsizing« (18. Januar, CinemaxX, Foto) wählt da einen erfrischend philosophischen Ansatz. In naher Zukunft: Durch den exzessiven Ressourcenverbrauch der Menschheit sind die Reserven des Planeten beinahe erschöpft. Da finden norwegische Wissenschaftler einen Weg, Personen auf eine Körpergröße von zwölf Zentimetern schrumpfen zu lassen. Die Idee dahinter ist simpel: Ein Mensch, der nur noch einen Bruchteil seiner eigentlichen Maße groß ist, verbraucht auch deutlich weniger Wasser, Luft, Nahrung und Platz und produziert weniger Abfall. Da es um ihr Leben nicht besonders gut bestellt ist und in der Miniaturwelt »Leisureland« selbst Durchschnittsbürgern wie ihnen ein luxuriöses Leben winkt, beschließen auch Paul Safranek (Matt Damon) und seine Frau Audrey (Kristen Wiig), sich verkleinern zu lassen. Doch als Paul nach der Prozedur aus der Narkose erwacht, muss er feststellen, dass Audrey kalte Füße bekommen hat. So muss er ganz allein sein Leben in Leisureland auf die Reihe bekommen, wo er schon bald neue Freund wie seine Nachbarn Dusan (Christoph Waltz) und Konrad (Udo Kier) oder die aus Vietnam geflohene Ngoc Lan (Hong Chau) trifft.

Weniger erfrischend ist jedoch, dass auch dieser Film mit einigen Schwächen zu kämpfen hat. Sobald der Film von der großen in die kleine Welt wechselt, scheint es, als ob Payne die Kontrolle über die vielen Nebenhandlungen verloren hätte. Auch der Hauptplot wirkt eher gut gemeint als gut gemacht. In der realen Welt angesiedelt, wäre die Sozialromanze zwischen Paul und seiner Putzfrau Ngoc eine erzählerische Katastrophe. Vor dem Hintergrund der Miniaturwelt ist der erzählerische Hauptstrang aber noch erträglich. Rein von der Idee, Besetzung und den Effekten her ist der Film bedingt sehenswert, erzählerisch darf man jedoch nichts, gar nichts erwarten.
 
Meine Empfehlung für diesen Monat: Gucken Sie sich einen der Filme an, den ich Ihnen nicht vorgestellt habe, und hoffen Sie mit mir auf einen umso grandioseren Februar.

Thema:

Weitere Positionen

19. Juli 2018 - 14:31 | Dieter Ferdinand

Mit dem Vortrag »Die Juden Bulgariens zwischen Deportation und Überleben« beendete Souzana Hazan im Festsaal der Synagoge die ersten drei Beiträge der Reihe »Die europäische Dimension des Holocaust«.

daniela_kammerer_haut_ums_hirn_pr005.jpg
18. Juli 2018 - 10:53 | Bettina Kohlen

Eine große Einzelausstellung in der Schwäbischen Galerie in Oberschönenfeld gibt Einblick in das aktuelle Werk von Daniela Kammerer.

17. Juli 2018 - 14:11 | Iacov Grinberg

Die Ausstellung »Alles fließt! Flößerei in Augsburg auf dem Lech und der Donau« ist noch bis Oktober im Grafischen Kabinett zu sehen.

16. Juli 2018 - 10:35 | Renate Baumiller-Guggenberger

Hell gesehen und musikalisch virtuos gespielt: Das finale Konzert der bayerischen kammerphilharmonie begeistert die Hörer im Parktheater nachhaltig.

13. Juli 2018 - 12:30 | Dieter Ferdinand

Die Syrisch-orthodoxe Gemeinde in Augsburg feiert am 15. August das 20-jährige Bestehen ihrer Marienkirche.

11. Juli 2018 - 9:34 | Renate Baumiller-Guggenberger

Das 20. Open-Air-Festival »Konzerte im Fronhof« präsentiert vom 20. bis 22. Juli hochkarätige Stamm- und Stargäste in einem Jubiläumsprogramm, das »zaubert und flötet«, Mozart, Bruch und Beethoven, aber auch Jazz und Weltmusik vereint.

5. Juli 2018 - 8:42 | Patrick Bellgardt

17 Jahre lang leitete Benigna Schönhagen das Jüdische Kulturmuseum Augsburg-Schwaben. In dieser Zeit entwickelte sich das Haus zu einer überregional renommierten Institution.

4. Juli 2018 - 8:09 | Gino Chiellino

Für seine Kolumne »Deutsch richtig und gut« hat Gino Chiellino Begriffe gesucht, die er paarweise umschreibt, um zu zeigen, wie er sie anders versteht als seine Gesprächspartner. Der 20. Teil der Serie.

3. Juli 2018 - 15:14 | Julian Stech

André Bückers Mut hat sich ausgezahlt: Standing Ovations bei der Uraufführung des mit Spannung erwarteten Fugger-Musicals »Herz aus Gold« auf der Freilichtbühne.

3. Juli 2018 - 0:56 | Iacov Grinberg

Am 3. Juli wurden in Anwesenheit von vielen Beteiligten und Pressevertretern die »Rathaus-Taschen« vorgestellt.