Ein kleines Lied kann Dunkel erhellen

29. November 2020 - 6:02 | Renate Baumiller-Guggenberger

Die Mitwirkung freiberuflicher Künstler*innen in Gottesdiensten ist mehr als eine »Notlösung«. Die Angebote, die von einigen Kirchen gemacht werden, unterstützen regionale Musiker*innen und bieten in dieser – coronabedingt besonders staden – Vorweihnachtszeit eine gute Möglichkeit, klassische Musik live zu genießen.

Peter Bader profitiert in der von ihm musikalisch verantworteten Basilika St. Ulrich und Afra von seinen langjährig gewachsenen Kontakten zu freiberuflichen Musiker*innen. Nicht allein, weil der Gemeindegesang jetzt während der Gottesdienste auf ein Minimum begrenzt werden muss, bot sich das Projekt »Musik im Gottesdienst« als ideale Ergänzung an, um dieses Vakuum mit unterschiedlichen Instrumenten und Stimmen zu füllen. »Es ist berührend, wie wertvoll den Künstlern das Gefühl ist, dass sie in dieser für sie so schwierigen Zeit weiterhin und eigentlich umso mehr gebraucht und gehört werden. Dass sie so vielen Menschen Freude bereiten, was beim Gottesdienst mit der Sopranistin Isabell Münsch gar zu Tränen rührte«, berichtet Bader. Ihm ist es wichtig, dass die musikalischen Beiträge stimmig mit dem Gottesdienst und dem jeweiligen Anlass sind. Ein Allerseelen-Requiem erfordert beispielsweise eine tröstlichere Musik als das triumphale Christkönigsfest, für das er als Organist gemeinsam mit den Trompeter*innen Andrea Gerblinger und Korbinian Geirhos spielte. Bader kann nachvollziehen, dass sich die Menschen in dieser livemusikarmen Zeit des Lockdowns umso mehr am Erleben der Musik im Gottesdienst erfreuen. Dies verdeutlicht er mit den Worten des heiligen Franz von Assisi: »Schon ein ganz kleines Lied kann viel Dunkel erhellen.« Bader plant für Dezember unter den bekannt erschwerten Bedingungen der pandemischen Unplanbarkeit die Fortsetzung von »Musik im Gottesdienst«.

Auch sein Kollege Marius Beckmann, der 2019 die Kirchenmusikstelle in der Augsburger Pfarreiengemeinschaft St. Georg/St. Maximilian/St. Simpert antrat, wollte Künstler*innen in der Corona-Krise helfen. Not macht definitiv erfinderisch: Beckmann überschrieb seine auf Facebook lancierte Initiative mit »Kirche hilft Künstlern«. Das Angebot schlug ein wie eine Bombe bzw. wie ein unverhoffter Kirchensegen. Über hundert professionelle Musiker*innen aus dem Großraum Schwaben zeigten ihr Interesse und bewarben sich um einen Auftrittstermin in einer der drei Kirchen. Bei der Qual der (Aus-)Wahl standen für ihn das musikalische Repertoire, das Können sowie die reelle finanzielle Situation der Künstler*innen im Fokus. Bis weit nach Jahresende sind alle Termine vergeben. Drei Beispiele im Dezember: Das Augsburger Klezmer-Ensemble Feygele gastiert am 5. in St. Georg, am 12. Vox Antiqua (mit Stefan Steinemann) und am 19. spielen Johanna Regenbogen (Violine) und Angelika Löw-Beer (Viola) gemeinsam mit Marius Beckmann.

Da passt es bestens, dass auch von »ganz oben« grünes Licht für Projekte dieser Art kommt. Pater Stefan Kling leitet das Amt für Kirchenmusik im bischöflichen Ordinariat des Bistums Augsburg. Auch ihn trieb die Sorge um, da in diesem Pandemiejahr vielerorts die traditionellen Orchestermessen ausfielen, weil die notwendigen Schutz- und Hygienekonzepte für die Gottesdienste sie nicht zuließen. Er weiß, dass soloselbstständige Musiker*innen in der Folge neben weiteren Einnahmequellen auch die Honorare fehlen, die sie für ihr Musizieren im Gottesdienst erhalten hätten. Entsprechende Budgets der Pfarrgemeinden wurden nicht ausgenutzt, da auch die »normale« kirchenmusikalische Arbeit limitiert war. So empfindet Pater Kling es als wertvolles und schönes Zeichen, dass Pfarreien regionale Sänger*innen und Instrumentalist*innen unterstützen und sie gerade jetzt »coronakonform« und am ehesten solistisch in die Gestaltung der liturgischen Feiern einbinden. Für ihn wirken »Kunst und Kirche in der Erfahrung des Unsagbaren seit jeher zusammen und sollten deshalb einander in diesen schwierigen Zeiten auch nicht allein lassen.«

Auf andere Weise unterstützt etwa auch die Barfüßerkirche die Musikschaffenden. »Für ein Projekt wie in St. Georg haben wir leider nicht die Mittel«, so Pfarrerin Gesine Beck, »weil wir keine Kirchenmusiker-Planstelle haben. So arbeiten wir seit vielen Jahren schon konzeptionell etwas anders, indem Musiker*innen unseren Gottesdienst mitausgestalten und dafür weitgehend kostenlos unsere Kirche für ein Konzert nutzen und die Einnahmen komplett behalten können.« Auch für die Lange Kunstnacht der Stadt Augsburg steht die Taufkirche Brechts jährlich kostenfrei zur Verfügung und im Sommer durfte das Leopold-Mozart-Zentrum den Gemeindesaal für Prüfungen nutzen. Jetzt wird im Kirchenvorstand darüber entschieden, ob man Musiker*innen für die Gottesdienstgestaltung nicht doch eine Gage als Unterstützung in Corona-Notzeiten zahlt. Gerne sei auch auf das festliche Orgelkonzert hingewiesen, mit dem Prof. Dominik Wortig in der Barfüßerkirche das Jahr ausklingen lässt.

Immer schon spielen die Augsburger Domsingknaben in der »Champions League« des Kirchenmusikgeschehens. Wie schön, dass trotz der immensen Herausforderungen, die bereits der erste Lockdown für deren neuen Leiter Stefan Steinemann bedeutete, nach Stand zum Redaktionsschluss im Dezember doch einige Konzerte in leichten Variationen stattfinden können. Am 2. Adventssonntag etwa kommt Hans Leitners Missa »Macht hoch die Tür« im Rahmen der Cantate-Domino-Reihe der Kapitelämter im Dom zur Aufführung, Claudio Crassinis »Missa Prima« eine Woche später. Die Christmesse gestalten Domchor, Domsingknaben und Domorchester und auch das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach steht am Sonntag, 20. Dezember, in der evangelischen Hl.-Kreuz-Kirche auf der Konzertagenda. Eine lange Tradition besitzen auch die Motetten, Weihnachtslieder und alpenländischen Weisen, mit denen der Kammerchor im Goldenen Saal Adventsstimmung zaubert (12./ 13. Dezember). Die Website gibt Auskunft über Details zu allen weiteren Terminen und Auftritten sowie möglichen Änderungen.

So erleben wir also Kirchenmusik der garantiert inspirierenden, tröstlichen, erbaulichen und »karitativen« Art! Nicht nur zur Weihnachtszeit sollte diese besondere Kooperation von Kirche und Kulturschaffenden auch andernorts motivierte Nachahmer finden. Ob sich die unterschiedlichen Spielarten der Musik in den Gottesdiensten dauerhaft im ohnehin breit gefächerten Portfolio der Kirchenmusik etablieren, die als Teil der kirchlichen Verkündigung gilt und seit jeher in den Dialog mit allen Menschen und ihren religiösen sowie ästhetischen Erfahrungen trat, kann man nicht vorhersagen. Für seine Pflege des kirchenmusikalischen Erbes und die professionelle Ausbildungsinfrastruktur genießt Deutschland internationale Wertschätzung. Rund 18.000 Kirchenmusiker*innen sind derzeit allein in katholischen Gemeinden tätig. In Deutschland wirken rund 30.000 Kirchenchöre, in denen etwa 800.000 Menschen aktiv singen. Bei der evangelischen Kirche sind rund 100.000 Bläser*innen in Posaunenchören aktiv und wenn man die weiteren Ensemblearten betrachtet – von Rockbands bis hin zu Kinderchören – kann man von einer knappen Million Menschen ausgehen, die sich aktiv an der Kirchenmusik beteiligen.

Foto oben: Mit einem zur »Orgelandacht« umfirmierten Konzert, das er am 2. Weihnachtsfeiertag (18 Uhr, St. Georg) gemeinsam mit Florian Geis gestaltet, stellt Marius Beckmann sich und sämtliche Register vor, die er auf der Königin der Instrumente zu ziehen weiß.

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