Klewan – leiwand!

16. August 2016 - 13:16 | Jürgen Kannler

»Rendezvous der Künstler«: Das Schaezlerpalais zeigt bis in den Herbst hinein eine berauschende Schau mit Meisterwerken aus der Sammlung Klewan.

Die Liebe zur Kunst wurde Helmut Klewan in die Wiege gelegt. Schon die Eltern des Galeristen und Sammlers waren mit ihrem »Haus der Bilder« eine bedeutende Adresse der Wiener Kunstszene in der Nachkriegszeit. Über gemeinsame Geschäfte mit Jugendstilvasen lernte er in den 1960er-Jahren Arnulf Rainer kennen und seine Serie der schwarzen Übermalungen lieben. Bis dahin vorwiegend den alten Meistern verpflichtet, wurde der angehende Kunsthändler zum frühen Sammler dieses heute hochpreisig gehandelten Künstlers. Dieser war es auch, der Klewan als Schlüsselfigur in die Gruppe der Wiener Aktionisten einführte. Maria Lassnig, Hermann Nitsch, Otto Mühl, Günter Bruns und Christian Ludwig Attersee gehören neben Rainer zu den prominenten österreichischen Künstlern dieser Generation, deren Werk Klewan früh zu schätzen gelernt hatte und mit denen ihn eine oft Jahrzehnte überdauernde Freundschaft verbindet.

Folgerichtig sind hervorragende Arbeiten dieser Maler auch eine der Säulen, die die Schau in den Räumen der Augsburger Barockgalerie tragen. Empfangen werden die Besucher jedoch in einem Saal, der von Alberto Giacomettis filigranen Figurenabstraktionen beherrscht wird. An den Wänden Ölbilder des Meisters, einige wunderbare Arbeiten von Francis Bacon und Bernard Buffet. Sensationell dessen großformatige Arbeit »Le Bar du Liberty’s« von 1950.

Von hier aus wandelt man durch die Flucht der Kabinette des Palais und begegnet dabei auf Schritt und Tritt den großen Namen der Kunstgeschichte. So sind Jean Dubuffet und Pablo Picasso wunderbare Stationen gewidmet, ausgestattet mit Zeichnungen, aber auch einigen größeren Arbeiten, die in dieser Präsentationsform allesamt eine gelassene Intimität schaffen.

Neben großartigen Vertretern der Art brut wie Gaston Chaissac und Louis Soutter wird auch den Positionen des Surrealismus eindrucksvoll Reverenz erwiesen. Salvador Dalí und Meret Oppenheim, vor allem aber Giorgio de Chirico, um nur drei der hier Vertretenen zu nennen, wird viel Platz beim Rendezvous eingeräumt. Die »Piazza d’Italia con cavallo« des Letzteren wirbt auf Plakaten für die Ausstellung und wurde von Helmut Klewan auch als Titelbild des Ausstellungskatalogs bestimmt.   
 
Dieser Band empfiehlt sich nicht nur durch die hervorragenden Abbildungen auf den gut 200 großformatigen Seiten, sondern auch wegen seiner ebenso spannend wie unterhaltsam zu lesenden Beiträge, die allesamt einen guten Einblick in das Leben und die Arbeit von Helmut Klewan gestatten. Neben Auszügen aus seinem Buch» 60 Jahre im Galopp« gelingt vor allem dem Freund Alfred Gulden ein leidenschaftliches Porträt des Sammlers. Er lernte Klewan in den frühen 1970er-Jahren im Rahmen einer rauschhaften Session und Plattenpräsentation in dessen damaliger Galerie in der Wiener Dorotheergasse kennen. Der gemeinsame Freund Hermann Nitsch hatte sie bekannt gemacht und Gulden, nach eigenen Worten zu jener Zeit des Wienerischen noch nicht mächtig, verstand im allgemeinen Trubel »Leiwan«, als sich Klewan vorstellte. Nitsch ereilte ein gehöriger Lachanfall, als Gulden ihn Tage später auf diesen Herrn Leiwan ansprach, damals noch nicht wissend, das in Wien »leiwand« als gängiger Begriff für großartig oder kolossal gebräuchlich ist. Also Klewan gleich leiwand gleich großartig. Passt eh.

So beginnen große Freundschaften und Alfred Gulden verstand es, gemeinsame Begegnungen, Gespräche und Feste in einem erfrischenden Protokoll über Klewans Zeit in Wien und seinen späteren Umzug nach München festzuhalten.
Dort betrieb er ab 1976, immer in besten Lagen, seine Galerie und verhalf nicht nur seinen österreichischen Künstlern zu internationalem Durchbruch und Absatz. Neben seiner Eigenschaft als Kunsthändler und Sammler – sein wirtschaftlicher Erfolg kam dieser Leidenschaft sehr zugute – avancierte Helmut Klewan zu einer belebenden Figur nicht nur des Münchner Kulturlebens. Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass der Galerist und Kaufmann auch seine gesellige Ader pflegte. Als DJ brachte es Klewan unter diversen Künstlernamen zu einer beachtlichen Reihe von wilden Tanzpartys und laut Gulden zu einem geachteten Meister im Tischfußball.

Auch dem 1875 in Belgien geborenen Maler Armand Henrion widmet der Katalog einen feinen Aufsatz. Dies ist von besonderer Bedeutung, weil der 1950 in Paris verstorbene Künstler nicht zu den ganz großen Namen der Kunstgeschichte zählt, mittlerweile jedoch weltweit wachsendes Interesse vor allem an seinen geschätzt über tausend Selbstbildnissen als Pierrot weckt und damit nun auch in der Augsburger Ausstellung entdeckt werden kann. Seinen Verehrern wie Helmut Klewan – der Sammler besitzt vierzig dieser Porträts, zehn davon sind in Augsburg zu sehen – gilt Henrion mit diesem Werk als Vorläufer der Moderne. In logischer Konsequenz schließt sich seinen Arbeiten eine feine Auswahl von Künstlerporträts an, die den Weg zur Abstraktion veranschaulichen. Ganz stark darunter die Zeichnungen von Walter Pichler, Ludwig Meidner oder Alfred Kubin. 

Die hintersten Säle im Schaezlerpalais sind der Aktionskunst des 20. Jahrhunderts gewidmet. Hier trifft der Besucher, sofern er das 18. Lebensjahr erreicht hat, vor allem auf die bereits erwähnten Künstler aus Klewans Heimat, aber auch auf Arbeiten von Joseph Beuys, Dieter Roth oder Piero Manzonis »Merda d’artista«. Noch nicht volljährigen Besuchern bleibt der Zugang zum letzten Raum der Ausstellung verwehrt. Das hiesige Jugendamt will es so. Frei bleibt dem Nachwuchs der Blick in den als jugendfrei erachteten Katalog.

Kein Besucher sollte die Ausstellung nach diesen Sensationen verlassen, ohne sich Zeit für den knapp 30-minütigen Film zu nehmen, in dem Helmut Klewan wunderbar im Gespräch mit seiner langjährigen Mitarbeiterin Christiane Lange zu erleben ist. Die Dokumentation wurde speziell für die Ausstellung in der Münchner Wohnung des Sammlers aufgenommen. Hier begegnen dem Zuschauer zahlreiche Arbeiten, die nun auf Zeit in Augsburg zu bewundern sind. Eng gehängt in allen Räumen und durchmischt mit allerhand Edelkitsch aus aller Welt vermitteln diese Bilder die großartige Selbstverständlichkeit, mit der der Sammler mit seinen Kunstwerken lebt. Angesichts der Meisterwerke, die auch über dem Küchenherd ihren Platz behaupten, dürfte so manchem Museumsmitarbeiter der kalte Schweiß auf die Stirn treten. Vielleicht wird sich Helmut Klewan in den kommenden Monaten etwas einsam in seinen vier Wänden fühlen, solange diese wunderbare Auswahl seiner Sammlung nun in Augsburg, später in Wien und Liberec zu sehen ist. Doch Klewan möchte seine Sammlung zeigen, auch um der Antwort auf die Frage nach ihrem irgendwann endgültigen Verbleib näherzukommen. Flankiert wird der provisorische Filmsaal von figurativen Positionen von Rita Götz, Heinz Stangl und einigen anderen Künstlern.

Die wohlverdiente Schale Kaffee nach der Schau genießt der Besucher am besten im hauseigenen Café des Schaezlerpalais. Unter Uwe Lausens Arbeit »Der blonde Teppich« findet sich zum sportlichen Ausklang natürlich ein funktionsfähiger Kicker, eine Leihgabe der a3kultur-Redaktion zum Rendezvous der Künstler in diesem Haus.    
  
www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de

Foto (Daniel Biskup): Klewan am Tischfußball in seiner Wohnung

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