Klirrende Klänge im Weltall

28. Mai 2018 - 9:54 | Geoffrey Abbott

Bis zum 16. Juni spielt das Theater Augsburg die Oper »Solaris« von Dai Fujikura im martini-Park. Dies ist eine sehenswerte Seltenheit, denn es handelt sich um modernes Musiktheater, das rundum gelungen ist.

Wo soll ich anfangen? Ich fange mit der Bühne an, denn die Bühne wird in einer Rezension oft spät erwähnt, obwohl sie schon vor der Musik vom Publikum wahrgenommen wird. Robert Schweers Bühnenbild, Marco Vitales Licht und Frank Lichtenbergs Kostüme sind beeindruckend und ziehen von Beginn an den Zuschauer in den Bann. Dem Theater gelingen optische Effekte und Stimmungen, die man sonst nur aus dem Kino kennt. Alleine deswegen lohnt sich schon ein Besuch.

Dann gibt es die schauspielerische Leistung und die Inszenierung: die vier Sänger auf der Bühne agieren vollkommen überzeugend, präzise und natürlich. Vor allem Jihyun Cecilia Lee und Wiard Witholt in den Hauptrollen spielen hervorragend. Dirk Schmedings Inszenierung holt das Maximum aus dem Stück heraus und ist als deutsche Erstaufführung deswegen bemerkenswert, da (laut schneller Internetrecherchen) die Uraufführung in Paris gar nicht von Sängern gespielt wurde, sondern zu Gesang aus dem Off getanzt wurde. So hat Dirk Schmeding Fujikuras Werk als gut spielbares Stück bestätigt.

Dann gibt es die Oper an sich, und hier hat das Theater Augsburg mit der Stückauswahl ins Schwarze getroffen. Stanislaw Lems Sci-Fi-Roman von 1961, seinerzeit Kult und mehrmals Inspiration für Film und Musik, handelt von einem Ozean auf dem Planeten Solaris, der die Fähigkeit besitzt, menschliche Gedanken zu interpretieren. Man denkt an die Metadaten unserer heutigen »Digitalozeane«, die jetzt schon menschliche Gedanken beeinflussen können. Gelungen auch das Programmheft der Dramaturgin Sophie Walz.

Jihyun Cecilia Lee und Wiard Witholt brillieren nicht nur spielerisch sondern auch gesanglich. Roman Poboinyi, Stanislav Sergeev und (hinter der Bühne) Alexander York ergänzen in den anderen Rollen überzeugend. Das Orchester unter Lancelot Fuhry spielt in kleiner Besetzung intensiv, prägnant und sicher. Subtile, wirkungsvolle Live-Elektronik erweitert das interessante, permanent klirrende Klangbild.

Gibt es etwas zu kritisieren? Wenn nicht speziell bei dieser Produktion, dann kritisiere ich dennoch eine Tendenz, die bei diesem Werk wieder sichtbar wird. Schade, dass so viel moderne Musik den Duktus der Sprache ignoriert. Je nach Sprache wird die jeweilige Satzmelodie so entstellt, werden Sätze durch Extreme der Vertonung so verunstaltet, dass sie einfach nicht zu verstehen sind! Das ist nicht die Schuld der Darsteller. Auch ich als Brite musste sehr oft die deutschen Übertitel lesen, um zu verstehen, was (auf Englisch) gesungen wurde. Das ist schade, denn man wird immer wieder aus dem optischen und musikalischen Zauber herausgerissen. Das hätte Dai Fujikura besser machen können – er lebt ja in London! Nichtsdestotrotz sollte man »Solaris« im martini-Park gesehen haben!

Weitere Termine: 31. Mai sowie 6., 8., 10. und 16. Juni

www.theater-augsburg.de

Foto (Jan-Pieter Fuhr): Wiard Witholt, Jihyun Cecilia Lee

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