Die Konsequenz des Fortschritts

6. November 2018 - 12:29 | Bettina Kohlen

»Der Lechner-Edi schaut ins Paradies«: Das Staatstheater Augsburg schickt einen Mann, eine Frau und eine Maschine im Kühlerhaus des Gaswerks auf eine Zeitreise, um den Fortschritt aufzuhalten.

Schuhe macht er keine mehr, der Lechner Edi. Arbeitslos ist er, denn eine Maschine, die das billiger und schneller kann, hat seine Arbeit übernommen. Wenn es keine Maschine gäbe, dann… wäre alles besser? Doch der Elektromotor Pepi sieht sich nicht in der Verantwortung, die Elektrizität ist Schuld. Also macht der Edi sich mit Freundin Fritzi und dem alles kommentierenden Pepi auf in die Vergangenheit, um den Fortschritt aufzuhalten. Ein erster Stopp wird bei Luigi Galvani eingelegt, der die Elektrizität erfunden hatte. Doch die dringende Bitte der Zeitreisenden, von seiner Erfindung abzusehen, findet kein Gehör. Dr. Galvani winkt ab: wenn nicht er, dann würde ein anderer… Die drei gehen weiter zurück, versuchen es bei Galileo Galilei, Christoph Kolumbus und Johannes Gutenberg, doch auch die verweisen auf die Natur und Neugier des Menschen. Manchmal liege eben was in der Luft, Entdeckungen und Erfindungen werden gemacht, ob von ihnen oder anderen. Dem Fortschritt sei nichts entgegen zu setzen. Edi schließt messerscharf, dass der Mensch die Ursache allen Übels ist und macht sich auf ins Paradies, um die Erschaffung des Menschen zu verhindern. Immer noch besser, als arbeitslos zu sein, zumal Fritzi sich gerade mehr für den Schwerenöter Kolumbus interessiert. Dennoch: Am Ende geht es zurück in die Zukunft, mit Mann, Frau und Maschine. Denn eigentlich problematisch ist nicht der maschinelle Fortschritt sondern das kapitalistische System, das es zu überwinden gilt.

Jura Soyfers Wiener Volksstück »Der Lechner-Edi schaut ins Paradies« aus dem Jahr 1936 ist Arbeiterkomödie und Lehrstück, das unterhalt- und einprägsam seine These präsentiert. In seinem kurzen Leben schrieb Soyfer fünf Stücke. Bei seiner Flucht aus Österreich 1938 Soyfer war Jude wurde er festgenommen. Er starb ein Jahr später im KZ Buchenwald an Typhus.

Das durch seine Atmosphäre und die Proportionen reizvolle Kühlerhaus erweist sich als wunderbarer Spielort für Miriam Lochers Inszenierung. In der Mitte des Raumes zentriert sich das Geschehen auf einen leuchtenden rotierenden Ring, eine irgendwie retro-futuristische Zeitmaschine, die aber auch als Symbol eines Kreislaufes gelesen werden kann. Hier agiert die Reisegruppe mit ernsthaftem Witz, aber auch der nötigen Distanz, unterstützt von Musik, die die Episoden verbindet. Ute Fiedler und Gerald Fiedler verkörpern die historischen Gestalten, denen das reisende Trio unterwegs begegnet. Thomas Prazak gibt den zunächst naiven, aber lernwilligen Edi, Katja Sieder spielt die kecke Fritzi und Katharina Rehn mutiert zum schlauen Elektromotor. Das Ganze führt wunderbar vor Augen, wie politisches Theater der 1930er-Jahre funktioniert hat, wird aber von Regisseurin Locher als interessantes Gedankenspiel auch für das Heute angepackt. Lohnt sich!

Termine am 10., 13., 24., 30. November und am 7., 14., 22., 28. Dezember

www.staatstheater-augsburg.de

Foto (Jan-Pieter Fuhr): Katja Sieder, Thomas Prazak, Katharina Rehn

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