Konsum – über alles?

26. November 2020 - 10:53 | Jürgen Kannler

Der Teil-Lockdown geht verschärft in die Verlängerung. Die Stimmung bei den Kulturmacher*innen sinkt in den Keller. Ein Kommentar von Jürgen Kannler

Seit Wochen gefährlich hohe Corona-Fallzahlen in Augsburg. Es werden Fragen laut, inwieweit die Stadtregierung Mitverantwortung an dieser alarmierenden Situation trägt. Demnach unterschätzte das nach der Wahl beschlossene Bündnis aus CSU und Grünen die Risiken beim Wechsel der Verantwortungen mitten in der Pandemie.

Das in der Corona-Krise maßgebliche Ordnungsreferat bekam im Mai eine neue Führung und tat sich schwer, nicht nur sommerliche Partyhotspots unter Kontrolle zu bringen. Gleichzeitig verfügte die neue Koalition, die Verantwortung für das Gesundheitsamt vom schwarzen Ordnungs- ins grüne Umweltreferat zu verlegen. Liegt auch in dieser Rochade eine Ursache für die dürftige Vorbereitung des Amtes auf die schon im Frühling prognostizierte zweite Corona-Welle? Wie im Ordnungs- gab es auch im Bildungsreferat einen Wechsel an der Spitze. Zur Ausarbeitung coronatauglicher Konzepte für unsere Schulen blieb wenig Zeit. Das war, alles in allem, ein denkbar schlechtes Timing.

Auch Eva Weber als Wahlsiegerin kann nicht mit Regierungserfahrung als OB in der Krise punkten. Ihre Erklärung, das bis Oktober führungslose Kulturreferat in der Interimszeit zur Chefinnensache zu machen, zeigte kaum positive Wirkung.

Jürgen Enninger, seit Herbst Kulturreferent in Augsburg, fand in seinem Haus nur bedingt schlagkräftige »Kultur trotz Corona-Konzepte« vor. Was er in seinen ersten Wochen einbringen konnte, überzeugte die Kulturmacher*innen vor Ort kaum. So stieß die nun zerschlagene Idee vom Winter-Zeltprogramm auf dem Gaswerkareal in den Szenen auf mehr Kritik als Zustimmung. Weitere mögliche Optionen für Raumalternativen in Coronazeiten wurden nicht konsequent gedacht.

Dass das Team um den Kulturreferenten auch anders kann, beweist die von der a3kultur-Redaktion vor wenigen Tagen angeregte und vollzogene Umwandlung der H1 im Glaspalast vom reinen Ausstellungsraum in eine Galeriefläche. Letztere kann auch unter den nun verschärften Shutdown-Bedingungen für Publikum öffnen. In den ehemaligen Räumen der Staatsgemäldesammlung, gegenüber dem Augsburger Zentrum für Gegenwartskunst H2, startet demnächst die 72. Große Schwäbische Kunstausstellung des BBK. Sie ist traditionell die größte und wichtigste Verkaufsschau für Künstler*innen unserer Region.

Die Kultur braucht positive Signale. Die bisherigen Bemühungen aus Politik und Verwaltung greifen kaum. Die einberufenen runden Tische werten Macher*innen der lokalen Szenen als »zahnlose Tiger«. Sie verbuchen sie als PR-Kampagne des Kulturreferats und wundern sich über einige veröffentlichte Statements des Referenten. Derweil sinkt die Stimmung bei den Kulturmacher*innen der Stadt weiter in den Keller. Enttäuschung macht sich breit. Wut bricht sich Bahn. Die Kritik zielt – unisono – auf die Politik auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene.

Die Vorwürfe: Die angekündigten Förderungen vom Bund greifen nicht richtig. Sie kommen zu spät. Die Regierungen lassen es am gegebenen Respekt fehlen, sie behandelt Kulturschaffende wie lästige Verwandtschaft, die sich aushalten lässt. Agieren als Verhinderer, wo Optionen möglich wären. Stellen den Konsum über alles. Erkennen Kunst und Kulturwirtschaft nicht als wirtschaftlich leistungsfähige Branche an. Setzen den Kulturstandort Deutschland in seiner heutigen Form aufs Spiel.

Die Etats werden schmäler. Längst ist hinter den Kulissen der Verteilungskampf entbrannt. Dabei gilt im Kleinen wie im Großen häufig das Prinzip: alle gegen alle. Einige bayerische Städte legen die Karten schon offen auf den Tisch. Sprechen von Kürzungen, auch im Kulturhaushalt. In Bamberg sollen es 2,5 Prozent werden. In München 6,5 Prozent – die freien Szenen sollen davon ausgenommen sein.

Kulturreferent Jürgen Enninger wertet fehlende Kürzungspläne in Augsburg als gutes Signal für die Kultur. Vergisst dabei zu erwähnen, dass die Ausgaben der Stadt für Kultur pro Kopf gewohnheitsmäßig weit unter dem Schnitt anderer Kommunen liegen. Einige konnten über Jahre kürzen, ohne dabei auf das traurige Niveau von Augsburg herabzusinken.

Es wird spekuliert, dass bisher lediglich das Festhalten an den umstrittenen Bauplänen für das Staatstheater, zu denen sich die schwarz-grüne Koalition trotz Kostenexplosion uneingeschränkt auch in Corona-Zeiten bekennt, für den Status quo in Sachen Kulturetat verantwortlich ist.

Einsparungen würden die letzten Reste vorweihnachtlicher Festtagsruhe wohl erheblich stören. Selbst für die trägsten Kulturträger*innen dieser Stadt könnte dieser Schritt einer zu viel sein und in der Folge den Regierungen das Lametta vom Christbaum blasen.

Abbildung oben:

Grünes Licht
Interaktive Lichtinstallation / anonyme Künstler*in / 2020

Die Betrachter*innen werden auf Basis eines für den Kunstraum per Ansichtsgenerator dargestellten maximalen Besucher*innenvolumens ins Verhältnis gesetzt.

Das Lichtsignal gibt für das Individuum den Weg frei – oder verwehrt ihn.

Die Besucher*innen haben keinen Einfluss auf das gegenwärtig zulässige Gesamtvolumen.

Sie können den Ist-Stand jedoch beeinflussen, indem sie sich individuell für oder gegen den Ort entscheiden.

Preis auf Anfrage.

 

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