Konterrevolutionäres

5. November 2018 - 8:04 | Gast

Brecht und die Räterepublik. Ein Gastbeitrag von Jürgen Hillesheim, Leiter der Brecht-Forschungsstätte Augs­burg

Zum hundertsten Mal jähren sich nun die Ereignisse, die in Deutschland seit Ende 1918, einige Monate später konkret auch in Augsburg, beinahe zu einem politischen Umsturz geführt hätten. Eine deutsche bzw. bayerische Räterepublik sollte konstituiert werden. Brechts Drama Trommeln in der Nacht wurde angeregt durch die Geschehnisse in Berlin und München, später, im April 1919, befand er sich dann in Augsburg mitten in dieser revolutionären Dynamik, die in Deutschland einige Hundert Menschen das Leben kostete. Dies ist nicht weniger als Brechts erste Begegnung mit dem Kommunismus und in der Brechtforschung ein sehr komplexes Thema. Die Ereignisse um die Räterepublik nämlich bestimmten Brechts Verständnis einer kommunistischen Revolution bis zu seinem Lebensende; Anlass genug also, diese Vorgänge und Entwicklungen in Denken und Werk Brechts in Form einer Ausstellung und entsprechenden Publikationen zu dokumentieren. Nirgendwo sonst auf der Welt ist eine solche Ausstellung so gut realisierbar wie in Augsburg, auf der Basis der Sammlung der Brecht-Forschungsstätte und dem Bestand der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg. Zu nennen sind hier im Einzelnen knapp vierzig originale Briefe Brechts an seine Augsburger Jugendliebe Paula Banholzer, in einigen aus dem Frühjahr 1919 äußert er sich über seine Rolle als vermeintlicher Räterevolutionär. Darüber hinaus ist auf ein Konvolut aus Dokumenten und Fotos aus dem Nachlass Lilly Prems, der Augsburger Räterevolutionären, zu verweisen und auf den Zeitungsbestand der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg. Zu diesem gehört unter anderem das weltweit einzige noch existierende komplette Exemplar des Volkswillens, jener USPD-Zeitung, für die Brecht von Oktober 1919 bis Januar 1921 über zwanzig Besprechungen und Essays schrieb.

Die Ausstellung trägt den Titel »… vollends ganz zum Bolschewisten geworden …«? Die Räterepublik 1918/1919 in der Wahrnehmung Bertolt Brechts. Sie wird in der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg am 28. Februar 2019 eröffnet und ist dann vom 1. März bis 31. Mai 2019 zu sehen. Gleichfalls am 28. Februar wird der umfangreiche Katalog zur Ausstellung, der den selben Titel trägt, der Öffentlichkeit vorgestellt. Als Autoren konnten renommierte Wissenschaftler aus fünf Ländern gewonnen werden. Im April 2019 schließlich erscheint die Untersuchung Bertolt Brecht und die Revolution – zwischen Affirmation und Verweigerung von Jürgen Hillesheim, die, über das enge Thema der Räterepublik hinaus, Brechts Wahrnehmung der kommunistischen Revolution und seinen Umgang mit ihr in seinem Gesamtwerk darstellt.

Wer glaubt, Brecht sei 1919 mit diesem Schlüsselerlebnis in Augsburg, kurz nach dem Ersten Weltkrieg, der Revolution begegnet und habe sich ihr dann in den folgenden Jahren zunehmend angenähert, um ihr dann, bis zu seinem Tod in der DDR, die Treue zu halten, der geht fehl, und zwar gründlich. Der junge Autor entwickelte nämlich im Frühjahr 1919 auf der Basis seiner (wenn auch nur sehr indirekten) Kriegserfahrungen ein Revolutionsverständnis, das er Zeit seines Lebens nicht völlig ablegen sollte. Das heißt, er blieb, trotz gegenteiliger Lippenbekenntnisse, dem Kommunismus gegenüber letztlich immun, was eine provokante Behauptung, aber anhand von Werken und biografischen Aussagen durchgängig nachweisbar ist. Die anstehende Räterevolution betrachtete er schlicht als Fortsetzung des Krieges, als Weiterführung dessen Leides, wenn auch nun unter anderer Flagge. Das brachte er nicht nur durch mehrere Gedichte der Hauspostille, wie etwa den Gesang des Soldaten der Roten Armee, sondern vor allem durch jene Komödie Trommeln in der Nacht zum Ausdruck, in der Kriegsheimkehrer Kragler am Schluss das Bett seiner Exverlobten, die zwischenzeitlich von einem anderen geschwängert wurde, einem Einsatz für die Revolution ganz nüchtern vorzieht. Ein weiteres äußerst revolutionskritisches Werk dieser Zeit ist das Fragment gebliebene Drama Fatzer (entstanden zwischen 1926 und 1931). Hier beschreibt Brecht die Proletarier als »Masse ohne Kopf«, als fremdbestimmte Menschen mithin, die ihr Ureigenstes, ihre Identität, aufgeben zugunsten einer Ideologie, der sie sich ausliefern.

Diese Nüchternheit, sein individualistischer Vorbehalt gegenüber politischen Vereinnahmungsversuchen, kennzeichnete auch Brechts, wie er selbst es ausdrückt, »lavierendes« »Einrichten in Deutschland«, seinen eigenen Weg während der Weimarer Republik hin zu einem »Städtebewohner«. Mit der Dreigroschenoper hatte er es dann geschafft und verdiente unter dem Vorwand der Gesellschaftskritik Geld; und zwar nicht wenig. Grundprinzip seines Schaffens war und blieb die Doppelbödigkeit. So kann man das Lehrstück Die Maßnahme (1930/31) zwar als kommunistisches Propagandastück lesen, auf einer anderen Ebene jedoch nachweisbar auch als ein solches, in dem der Autor die »Kreuzigung« des Individuums durch eine totalitäre Ideologie anklagt. Nicht umsonst wird in der Maßnahme Musik aus der Matthäuspassion Johann Sebastian Bachs zitiert. Bis zuletzt lassen sich solche mehr oder minder verdeckten Vorbehalte der Revolution gegenüber nachweisen, bis hin zu den Buckower Elegien.

Durch Trommeln in der Nacht geriet Brecht bei seiner Annäherung an den Marxismus allerdings in Schwierigkeiten. Er übte Selbstkritik, bearbeitete das Stück, ließ aber Kragler, seinen antirevolutionären Protagonisten, unangetastet, auch noch bei der letzten Bearbeitung 1953. Nach Brechts Tod wurde das Drama dann im Umfeld des Berliner Ensembles »bearbeitet«, das heißt auf eine korrekte revolutionäre Linie gebracht. Helene Weigel, Brechts Witwe, gab es als letzte autorisierte Fassung aus und wollte es auf die Bühne bringen lassen, was misslang. Das einzige noch erhaltene Exemplar dieser Bearbeitung, das diese Fälschung dokumentiert, gehört zur Augsburger Brechtsammlung und wird ein Glanzstück unserer Ausstellung sein.

Prof. Dr. Prof. h.c. Jürgen Hillesheim leitet die Brecht-Forschungsstätte Augs­burg und ist mit über dreißig Buchveröffentlichungen und über hundert Buch- und Zeitschriftenbeiträgen weltweit einer der ausgewiesensten Brechtforscher.

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