Kriegsspiele

30. März 2016 - 8:35 | Patrick Bellgardt

Die Ausstellung »Heimatfront Kinderzimmer« auf Schloss Höchstädt zeigt, wie der Krieg Einzug in den Alltag der Kleinsten hält – vom Ersten Weltkrieg bis heute. Kurz vor dem Saisonstart am 1. April sprachen wir mit der Kuratorin der Präsentation, Stefanie Kautz.

a3kultur: Bis an die Zähne bewaffnete Actionfiguren, Plastikpistolen und Holzschwerter gehören heute in vielen Kinderzimmern zur Grundausstattung. Wie kommt das?
Stefanie Kautz: Kinder haben schon immer mit solchen Gegenständen gespielt, egal ob das jetzt Plastikpistolen oder einfache Stöcke sind. Es ist eine Art und Weise, mit der Welt der Erwachsenen umzugehen und zu lernen, mit den eigenen Aggressionen klarzukommen. Gleichzeitig muss man aber dranbleiben: Als Erwachsener sollte man mit Kindern über Gewalt- und Kriegsspiele sprechen, damit sie selbst darüber nachdenken, was sie da gerade tun. Und natürlich darf es nicht zu weit gehen. Das Spiel sollte immer Spiel bleiben und sich nicht in Ernst verwandeln.

Für Eltern also kein Grund, Verbote auszusprechen?
Ich glaube, Verbieten bringt gar nichts. Man kennt es ja selbst: Was verboten ist, wird erst richtig interessant. Spätestens im Kindergarten, in der Schule oder bei Freunden kommen die Kinder ohnehin mit solchem Spielzeug in Kontakt.

Ist alles nur eine Frage des Geschlechts – Jungs spielen mit dem Camouflage-Panzer, Mädchen mit dem rosa Einhorn?
Es ist schon ein bisschen ein Jungsthema. Ein Blick in die Historie zeigt: Die Jungen sollten irgendwann Soldaten werden und sich deshalb früh in den damaligen Tugenden üben, während die Mädchen an der Heimatfront tapfer die Stellung halten sollten. Wenn man sich Spielschilderungen betrachtet, kam es aber auch schon damals vor, dass Mädchen es schade fanden, dass sie zum Beispiel nur die olle Krankenschwester verkörpern sollten. Mittlerweile wäre das nichts Schlimmes mehr. Die Trennung in den Köpfen existiert nicht mehr in diesem Maße.

Historisch betrachtet: Wann hielt der Krieg Einzug ins Kinderzimmer?
Die Ausstellung setzt einen Schwerpunkt auf den Ersten Weltkrieg, der nicht umsonst als erster Propagandakrieg gilt. Spielzeug, Bücher, Postkarten und andere Sammelobjekte wurden damals gezielt genutzt und instrumentalisiert. Der Markt hierfür war da. Gerade zu Kriegsbeginn herrschte eine große Kriegsbegeisterung, eine unglaublich nationalistische Stimmung. In dieser Zeit wurde der Krieg auch massiv ins Kinderzimmer getragen. Auch die industrielle Serienproduktion von Spielsachen kam langsam auf – das spielt sicherlich ebenfalls eine Rolle.

Apropos Spielzeugindustrie: Wenn ich mir die aktuelle Produktpalette von Lego so anschaue, stehen Ninjas, Ritter und vor allem Star Wars ganz oben.
Früher hatte man zum Beispiel Zinnfiguren, die meist ganz bestimmte Armeen darstellen sollten. Auch damals haben die Kinder so gespielt, wie sie gerade wollten. Ich glaube nicht, dass sie historisch korrekte Schlachtenformationen nachgebaut haben. Gerade bei solchen Spielfiguren ist es doch schön, dass man alle Freiheiten hat. Wenn ich einen Darth Vader aus Lego habe, kann er bei mir ja auch zu den Guten gehören.

Mit den syrischen Kriegsflüchtlingen kamen in den letzten Monaten auch Kinder zu uns, die Krieg nicht spielen, sondern ihn am eigenen Leib erfahren haben. Wie schon bei Ihrer letztjährigen Sonderausstellung »Neustart. Heimatvertriebenen- und Flüchtlingskindheit« greifen Sie also ein höchst aktuelles Thema auf.
Das wir auch ins Hier und Jetzt, vom Spiel in die Realität holen. In Kooperation mit dem Anne Frank Zentrum in Berlin zeigen wir das Projekt »Kriegskinder« als Ausstellung in der Ausstellung. In diesem Projekt waren Jugendliche dazu aufgerufen, Menschen in ihrem persönlichen Umfeld zu ihren Kriegserfahrungen als Kind zu befragen. Die Beiträge spannen den Bogen vom Zweiten Weltkrieg bis heute, von der Oma bis zum syrischen Flüchtlingsjungen von nebenan.

Auf dem Flyer zur Ausstellung stellen Sie die schöne Frage: »Alle spielen Krieg, aber wie spielt man eigentlich Frieden?« Eine rein rhetorische Frage?
Ich möchte, dass die Ausstellungsbesucher darüber nachdenken. Kann man Frieden spielen? Macht das überhaupt Sinn? Wenn man einen friedlichen Alltag erlebt, muss man diesen nicht aufarbeiten, Aggressionen und Gewalterfahrungen jedoch schon. Es gibt verschiedene Deutungsansätze, die ich anklingen lasse – eine Meinung dazu sollen sich die Besucher letztlich aber selbst bilden.

Foto: »Soldäterlesspiel« in Willishausen um 1930 – mit den einfachsten Mitteln, ein paar selbstgebastelten Fahnen und Uniformteilen, formiert in Reih und Glied spielen die Jungen Soldaten.


Begleitend zu der bis zum 9. Oktober laufenden Ausstellung »Heimatfront Kinderzimmer« bietet der Bezirk Schwaben auf Schloss Höchstädt ein umfangreiches Rahmenprogramm.
Das komplette Programm im Überblick finden Sie unter: www.hoechstaedt-bezirk-schwaben.de

 

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