Krimi im Alltäglichen

4. November 2019 - 7:47 | Thomas Ferstl

Projektor: Die a3kultur-Film-Kolumne im November

Wissen Sie, was ich kriminell finde? Einen Film auf Basis der bestialisch-grausamen Ohrenschändung »Last Christmas« von Wham! zu drehen und diesen dann auch noch mehr als einen Monat vor Weihnachten in die Kinos zu bringen. Als wären die Grabbeltische mit Lebkuchen und Glühwein in den Supermärkten seit gefühlt August nicht schon Oh-du-Schreckliche genug. Es muss aber nicht immer der perverse Seriengehörgangsmörder aus den Achtzigern oder der coole Auftragskiller sein, der im Kino die Leinwand einnimmt. Manchmal reicht es auch, alltäglichen Figuren bei scheinbar ganz banalen Alltagskrimis über die Schulter zu schauen – obendrein, wenn diese wohltemperiertes Klavier statt Synthesizer spielen.

Welcher Film gemeint ist, erfahren Sie wie immer hier:

Regisseur Jan-Ole Gerster platzte 2012 mit seinem Langfilmdebüt und Überraschungserfolg »Oh Boy« in die deutsche Kinolandschaft. War dieser Film die Odyssee eines jungen Mannes (Tom Schilling) auf der Suche nach einem Kaffee, begleitet von schrägen Nebencharakteren, ist sein zweiter Film »Lara« (7. November, CinemaxX, Kinodreieck) eher ein Krimi. Wohlgemerkt kein Krimi im traditionellen Sinne, mit Mord, Totschlag oder anderen Kapitalverbrechen, auch wenn der Anfang anderes vermuten lässt. Jedoch ist »Lara« ein moderner, emotionaler Alltagskrimi in familiärem Milieu, der in seinen entsättigten Farben den Geist des Film noir in sich trägt.

An ihrem 60. Geburtstag möchte die pensionierte Stadtbeamtin Lara (Corinna Harfouch) gleich nach dem Aufstehen aus ihrer kleinen Hochhauswohnung springen, aber dann klingelt die Polizei an der Tür. Eine Beamtin als Zeugin für eine Wohnungsdurchsuchung wird gebraucht. Zudem soll am selben Abend ihr hochtalentierter, von ihr viele Jahre lang angetriebener Sohn Viktor (Tom Schilling) seine erste eigene Komposition bei einem großen Konzert auf dem Flügel vorstellen. Allerdings reagiert er schon seit Tagen nicht mehr auf die Anrufe seiner Mutter. Lara macht sich auf Spurensuche durch Berlin, hebt all ihr Geld vom Konto ab, kauft ein viel zu teures und enges Abendkleid sowie alle verbliebenen Konzertkarten, die sie daraufhin an alte Kollegen, neue Freunde und sogar an zufällige Bekanntschaften auf der Damentoilette zu verteilen beginnt. Als sie jedoch beim Konzert ankommt, beginnt der Abend eine überraschende Wendung zu nehmen.

Kürzlich auf dem Filmfest Oldenburg als Eröffnungsfilm gezeigt, beweist »Lara«, dass Gerster keine Eintagsfliege auf dem deutschen Filmmarkt ist. Die Nebencharaktere und die Umwelt sind präzise gezeichnet. Corinna Harfouch ist jedoch die omnipräsente Quintessenz des Films, die mal selbstzweifelnd, mal bösartig, mal voll schwarzem Humor die Leinwand beherrscht. Zu Recht wurde vor allem sie, aber auch Gerster für sein Werk vom Filmfestpublikum nach dem Abspann frenetisch beklatscht.

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