Theater & Bühne

In der Krise

Gast
17. Februar 2016
Theater Augsburg

Das deutsche Theatersystem befindet sich in der Krise. Es stiftet weder einen Zusammenhalt der Stadtgesellschaften noch hilft es bei der Integration des Fremden. Es ermöglicht weder die kritische Reflexion des Strebens nach Vollkommenheit noch schützt es vor den Dämonen der Globalisierung. Dabei sollten die Programme der Theater, sollte der Ausgang aus der unverschuldeten Unmündigkeit einst die »weltfremden Versprechungen« der Religionen ersetzen. Die deutschen Großtheater konnten ihre Versprechungen nicht einlösen. Sie sind mit ihrem Aufklärungseifer an der eigenen Selbsterhöhung gescheitert. Die Stadttheater müssen sich immer stärker bezüglich ihres gesellschaftlichen Auftrags hinterfragen lassen, das ist nicht nur in Augsburg so.

Legitimationsdefizite erzeugen Spardruck. Dabei sieht es auf den ersten Blick großartig aus: 143 städtische Bühnen sowie 131 Orchester, 218 Privattheater und 73 Festspiele gehören zur einzigartigen deutschen Theaterlandschaft, über 35 Millionen Besucher zieht sie pro Jahr in ihren Bann. Sieht man aber genauer hin, fällt auf, dass in den letzten 50 Jahren der Publikumszuspruch um gut eine Million Zuschauer pro Jahrzehnt sank. Die Bedeutungshoheit der subventionierten Repräsentationsbühnen hat sich hinsichtlich der Herausforderungen der Moderne verflüchtigt. Mit einem Besuch in einem Theater ist längst nicht viel mehr als ein Unterhaltungsanspruch verbunden. Popkonzerte, Filmkunst und andere Formate sind für 95 Prozent der deutschen Bevölkerung längst nicht mehr niederschwelliger als ein Besuch in einem ortsansässigen Theater.

Die Theater versuchen diesem Trend gegenzusteuern. Veranstaltungen wie Lesungen, Podien, Symposien haben in den letzten Jahren um ein Vielfaches zugenommen. Die Anzahl der Spielstätten wurde verdoppelt, ohne der Abwärtsspirale ernsthaft entgegenzuwirken. Mit immer größeren Anstrengungen erreicht man immer weniger Zuschauer. Zugleich wurde Personal abgebaut. Anfang der Neunzigerjahre waren deutschlandweit noch 45.000 Menschen im Theater beschäftigt, heute sind es noch 38.000. Gegenläufig haben sich die Kurzarbeitsverträge in diesem Zeitraum verdreifacht. Die Zunahme der prekären Arbeitsverhältnisse und projektgebundenen Honorare sind die Antwort auf den Sparzwang der Kommunen, deren permanent klamme Haushaltskulissen einen Stadttheaterunterhalt im traditionellen Sinn politisch immer fragwürdiger erscheinen lassen. Für das Augsburger Stadttheater mit seinen knapp 380 Beschäftigen reichen circa 24 Millionen Euro »Subventionszulage«, davon circa 15 Millionen aus dem Augsburger Stadtsäckel, nicht zum Leben, nicht zum Sterben, während die Stadt Augsburg sich diese Beträge für den normalen Betriebsunterhalt ihres Stadttheaters jedes Jahr aufs Neue unter großen Schmerzen aus dem mageren Fleisch ihres Haushalts schneidet, der von der kommunalen Aufsichtsbehörde nur noch mit Auflagen und drohendem Zeigefinger genehmigt wird.

Das »Kunstproblem« ist nicht weniger gravierend: Circa 90 Prozent der Zuschüsse werden von den »nicht künstlerischen Angestellten« des Stadttheatersystems aufgebraucht, weil sie nach Tarif des öffentlichen Diensts bezahlt werden. Das System frisst die Kunst, statt sie zu fördern.

Ein weiteres Strukturproblem sind die Gehaltsdifferenzen auf der »Künstlerebene«, die weder mit Lohnabstandsgeboten noch mit üblichen Gehaltsdifferenzen beruflicher Standards zu rechtfertigen sind. Es gibt wohl außerhalb der FIFA kaum eine andere Firma, die ihre Existenz mit einem gesellschaftlichen Auftrag rechtfertigt, aber zugleich Gehaltsscheren abbildet, die an feudalistische Strukturen erinnern: Schauspieler bekommen im Schnitt in etwa 2.500 Euro brutto im Monat. Intendanten verdienen nicht selten das Zehnfache. Hospitanten und Praktikanten, ohne die die Theater nach eigener Einschätzung schließen müssten, arbeiten in der Regel ohne Bezahlung, was nichts daran ändert, dass das personalintensive Theaterbetriebswesen kostensenkend nicht geführt werden kann.

Während also die Kosten für den normalen Theaterbetrieb jährlich zunehmen, nimmt die Relevanz der Theaterkunst ab – und somit auch die Akzeptanz der Schmerzen, die die Kosten bereiten. Die Stadttheater stehen vor einer grundlegenden Neustrukturierung. Drückt sich die Politik davor, implodiert mittelfristig das gesamte System. Ein System, das Subventionen zu 90 Prozent zum Systemerhalt verwendet, verliert dauerhaft Anspruch auf Förderung. Von Theaterleitern, die wie Fürsten agieren, ist keine Reformhilfe zu erwarten. Die Kulturpolitik der Kommunen ist in aller Regel von durchschlagender Inkompetenz gezeichnet.

Nach Bekanntwerden der Augsburger Sanierungspläne haben Bürger einen offenen Brief an Oberbürgermeister Kurt Gribl adressiert. Die Planung aus dem »verborgenen Nichts der Stadtverwaltung« solle gestoppt werden, das gigantische Projekt, das ursprünglich mit 235 Millionen Euro Kosten veranschlagt war, neu gedacht und öffentlich diskutiert werden, dann könne man wieder planen. Das Resultat aus den Gesprächen der Bürger mit Vertretern der Stadt: ein Bürgerbeteiligungsprozess zur Frage, wie die Zukunft des Theaters aussehen soll. Die Sanierungskritiker haben sich inzwischen von diesem Prozess distanziert, weil er aus ihrer Sicht eine Farce darstellt. Eine aus dieser Gruppe stammende Bürgerinitiative wird wohl nach § 18a Gemeindeordnung in Sachen Theatersanierung ein »eigenes Bürgerbeteiligungsverfahren« starten. Die dafür korrekte Bezeichnung: Bürgerbegehren. Ob damit der erste Schritt eines langen Marsches, der aus der »Strukturfalle Stadttheater« herausführt, unternommen wird, gehört zu den spannenden Fragen der kommenden Monate und Jahre.

Wird dieser Marsch innerhalb einer sich rasend schnell im Wandel befindlichen Stadtgesellschaft nicht unternommen, stirbt das Stadttheater an seinem Relevanzverlust. Ein in der Stadtgesellschaft geerdetes Theater mit einem neu formulierten gesellschaftlichen Auftrag könnte ein kulturpolitisches Ziel sein, das es zu entwickeln gilt. Der erste Zweck dieser Anstrengung bestünde darin, das »Konzeptmodell Stadttheater« zu vitalisieren. Die Stadt Augsburg steht nämlich vor einem tiefen Abgrund, den sie selbst gegraben hat. Es geht um die Fortführung eines Stadttheaters, das von der Stadt über Jahrzehnte hinweg systematisch kaputt gespart wurde und deshalb vor der Schließung steht.

Die Frage lautet also: Wird das Augsburger Stadttheater temporär geschlossen, damit ein Bühnenkonzept aus den Fünfzigerjahren für circa 120 Millionen Euro restauriert wird? Oder wird es geschlossen, um einen Schlussstrich unter dieses Bühnenkonzept zu ziehen? Eine Antwort auf diese Frage wird wohl ein Bürgerbegehren geben müssen, da sich der Stadtrat aufs Restaurieren festgelegt hat und dabei den Denkmalschutz hochhält. Die populärste Bühne fehlt bei der geplanten Ertüchtigung der Augsburger Theaterlandschaft: die Freilichtbühne. Ein wesentlicher Mangel wurde ebenfalls als solcher noch nicht genannt: ein Konzertsaal.

Den zukünftigen Intendanten, André Bücker, der genau dann seinen Job in Augsburg beginnt, wenn 2017 die Sanierung des Großen Hauses beginnen soll, dürfte das alles vorerst kaum kratzen. Er wird seine erste Intendanz in Augsburg ohne Großes Haus über die Bühne bringen müssen.

Siegfried Zagler ist Gründer und Herausgeber der Internetzeitung daz-augsburg.de. Mit seinen Kommentaren zur »Achatz-Planung« hat er die Bürgerproteste gegen die Theatersanierungspläne der Stadt mit ausgelöst.


In unserer Printausgabe #02/2016 präsentieren wir die wichtigsten Kulturbaustellen der Region. Insgesamt 16 Kulturmacher haben hierzu Gastbeiträge beigesteuert.

Weitere Positionen

16. September 2021 - 10:00 | Marion Buk-Kluger

Für den September können wir Kabarett- und Comedy-Fans (fast) aus dem Vollen schöpfen, denn es ist angerichtet. Quergelacht – die a3kultur-Kolumne von Marion Buk-Kluger im September.

15. September 2021 - 10:47 | Bettina Kohlen

Die erste Premiere der neuen Spielzeit des Staatstheaters setzt digitale Zeichen mit einer VR-Brillen-Produktion, dem Ballett »kinesphere«.

15. September 2021 - 10:34 | Sarvara Urunova

Das Festival »Mozart @ Augsburg« ging am Wochenende zu Ende. a3kultur-Autorin Sarvara Urunova besuchte das Konzert von Sebastian Knauer und Daniel Hope.

14. September 2021 - 13:38 | Sophia Colnago

»Lisa & me« ist die neue Podcastreihe von a3kultur: zwei Personen, ein Mikrofon und jedes Mal ein anderes Thema. Jürgen Kannler und Lisa McQueen im Talk. Hier anhören!

13. September 2021 - 16:06 | Anna Hahn

Ein Hotelzimmer, drei Frauen, ein gemeinsamer Plan – Das Staatstheater feierte Premiere und widmet sich dem Rape and Revenge-Genre.

12. September 2021 - 0:00 | Iacov Grinberg

Iacov Grinberg besucht ungern Wahlveranstaltungen. Für die von Ulrike Bahr (SPD) ausgerichtete Podiumsdiskussion zum Thema »Gut aufwachsen und zusammenleben in der Stadt« machte er eine Ausnahme. Eine Zusammenfassung.

10. September 2021 - 15:00 | Bettina Kohlen

Anlässlich des 500jährigen Bestehens der Augsburger Fuggerei richtet eine Ausstellung des Diözesanmuseums St. Afra den Blick auf das Weltgeschehen der Zeit um 1521.

10. September 2021 - 10:00 | Juliana Hazoth

Die Lyrik, so Dichter Knut Schaflinger, hat es nirgendwo einfach, doch in Augsburg noch weniger. Ein Gespräch mit dem Mitorganisator der Langen Nacht der Poesie.

9. September 2021 - 15:10 | Bettina Kohlen

Hinter dem Augsburger Rathaus kann noch bis Mitte Oktober eine hölzerne Rauminstallation des Saarbrücker Bildhauers Martin Steinert erlebt werden.

8. September 2021 - 13:55 | Jürgen Kannler

Ein Gespräch im Rahmen der a3kultur-Serie »Theater.Macht.Zukunft.« mit Philipp Miller, Kontrabassist und Personalrat am Staatstheater Augsburg.