Ein kritischer Blick auf Fritz Koelle

14. Oktober 2020 - 16:28 | Bettina Kohlen

Eine Ausstellung im Grafischen Kabinett mit Arbeiten des Bildhauers Fritz Koelle macht dessen politisch durchaus ambivalente Haltung deutlich.

Im Vorraum des Grafischen Kabinetts markiert »Hanna«, die eindrucksvolle Darstellung eines Mädchens von 1925, den Auftakt zu einer Schau, die das Werk des Bildhauers Fritz Koelle neu einordnet. Abgesehen von dieser eher großformatigen Figur eines Kindes beleuchtet die Ausstellung anhand von rund 50 Zeichnungen, kleinformatigen Bronze-Plastiken und Dokumenten aus dem Bestand der Kunstsammlungen, die Koelles künstlerischen Nachlass verwalten, wie sich sein künstlerischer Ausdruck von Weimarer Republik, über Nationalsozialismus zu sowjetischer Besatzungszone bzw. DDR in Anlehnung an jeweils politisch erwünschte Darstellungsformen wandelte.

Fritz Koelle, geboren vor 125 Jahren in Augsburg und ausgebildet an der Münchner Akademie der Künste, hat als Bildhauer vorzugsweise Menschen porträtiert, vielfach Arbeiter, insbesondere Bergleute, deren von Härte und Mühsal geprägtes Leben er thematisiert. Zugang zum Bergarbeiter-Milieu bekam Koelle durch das Umfeld seiner aus dem Saarland stammenden Ehefrau, der Malerin Elisabeth Koelle-Karmann.

Die Ausstellung macht deutlich, wie der stets figurativ arbeitende Koelle, dessen Werk zunächst gesellschaftskritische und sachliche Anklänge zeigt, sich während der Zeit des Nationalsozialismus deutlich an den herrschenden heroisch-antikisierenden Stil anpasste. Später bediente er zu frühen DDR-Zeiten das dortige ästhetische Ideal, das allerdings eine gewisse Ähnlichkeit zu dem der Jahre zuvor aufweist. Vor allem jedoch zeigten beide Systeme eine Vorliebe für heldenhafte Arbeiter-Darstellungen, was sich wiederum passgenau mit Koelles künstlerischem Profil deckt.

Koelles handwerkliches Können, seine Fähigkeit konsistente Plastiken zu schaffen, steht außer Frage. Die Ausstellung macht aber deutlich, wie Koelle sein gestalterisches Repertoire an politische Systeme angepasst hat, um auf diese Weise im Spiel zu bleiben. Koelle hat seine Biographie nach 1945 geschönt – damit ist er keine Ausnahme. Der Künstler hat wie andere – natürlich nicht nur Künstler*innen – seine Nähe zum nationalsozialistischen Staat heruntergespielt, hat sich zum Opfer stilisiert und darauf verwiesen, dass er keine Möglichkeit mehr bekam auszustellen. Allerdings wurden Arbeiten von ihm zum Beispiel bei einer Einzelausstellung 1935 im Kunstverein Augsburg gezeigt und ebenfalls mehrfach bei der Großen Deutschen Kunstausstellung im Münchner Haus der Kunst.

Koelles Arbeiter-Darstellungen wurden zunächst als »bolschewistisch« abgelehnt, doch konnte Koelle sich dann mit monumental heroischen Arbeitern (mit dem typischen Blick in die Ferne) ins System einpassen. Diese systemübergreifende Relevanz von Arbeiterdarstellungen spielt sicherlich eine Rolle für Koelles eher leichte Anpassung an verschiedene Regimes. Doch eine heute verschollene Hitlerbüste, die nachweislich 1937 ausgestellt wurde, oder ein Bildnis von Horst Wessels gehen darüber hinaus und lassen Koelles Selbststilisierung zumindest fragwürdig erscheinen.

Trotz seiner Bemühungen, die künstlerische Nähe zum Nationalsozialismus herunterzuspielen, gelang es Koelle nach 1945 nicht mehr im Westen beruflich Fuß zu fassen. Er trat in die KPD ein und orientierte sich in Richtung »Ostzone«, später DDR, wo seine aufpolierte Biographie nicht hinterfragt wurde. Seine Visitenkarte waren wie zuvor seine Arbeiterplastiken. Doch auch in der DDR fanden seine Arbeiten nicht unumschränkt Zustimmung, sie entsprachen, wie beispielsweise eine Büste von Karl Marx von 1952, nicht immer dem dortigen Gestaltungsideal.
Die Tragik von Koelles Leben liegt darin, dass er sich beständig anpasste und dennoch scheiterte; als Opfer darf er dennoch nicht betrachtet werden. Er starb 1953 in einem Interzonenzug, während er von Osten nach Westen unterwegs war.

Ein kritischer Blick auf Fritz Koelle, nach dem in Augsburg eine Straße benannt ist und der mit einigen lebensgroßen Figuren im öffentlichen Raum der Stadt vertreten ist, war überfällig. Die Dissertation von Eva-M. Pasche hat die Causa Koelle bereits umfassend untersucht, doch die Kunstsammlungen Augsburg ermöglichen mit dieser konzentrierten Ausstellung den Bürger*innen der Stadt, den Bildhauer Fritz Koelle und dessen Selbstbild kritisch distanziert zu betrachten.

Foto: Die knapp 30 cm hohe Bronzefigur »Hockender Bergarbeiter« schuf Fritz Koelle 1930

Fritz Koelle | Grafisches Kabinett im Höhmannhaus | bis 22. November

www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de

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