Eine künstlerische Intervention

4. Juli 2017 - 9:20 | Iacov Grinberg

In der ehemaligen Synagoge Kriegshaber, heute Museumsdependance des Jüdischen Kulturmuseums, ist eine neue Ausstellung eröffnet worden: »Garten – Gan. Eine Intervention von Esther Glück«.

»Eine Intervention ist eine Art der modernen Bildenden Kunst. Sie findet in Innen- und Außenräumen statt und thematisiert gesellschaftlich-soziale, kulturelle, funktionale, räumliche und materielle Aspekte des Veränderten. In Anspielung auf die Intervention in der Politik behandelt die künstlerische Intervention oft den Antagonismus zwischen Macht und Machtlosigkeit«, so Wikipedia. Mit einer solchen Arbeit hat nun die Künstlerin Esther Glück im Inneren und Äußeren der ehemaligen Synagoge mit einigen Objekten und Inschriften interveniert.

Es ist für den Beobachter leider kaum verständlich, was diese Objekte und Inschriften mit der Benennung »Garten – Gan« (»Garten« in Hebräisch) zu tun haben. Ein Garten weckt Assoziationen mit der Blüte oder Stille der Natur. Wieso nennt man diese Intervention aber »Garten der Erinnerung«?

Auf dem Boden des ehemaligen Gebetssaals, des größten Raums des Gebäudes, liegt ein dicker, fast über eine Hälfte des Saals reichender Baumstamm. Sein Ende zeigt die Spuren des mühevollen Fällens. In einer Ecke des Saals liegt ein Häufchen dürrer Äste. Oben hängen an einigen Drähten zahlreiche DIN A4-Blätter, die die Sicht auf die Decke fast völlig versperren. Die Blätter sollen Texte und Bilder tragen, die einen Bezug zum Saal haben, von unten aber leider kaum erkennbar sind. Auf den Frauenemporen sieht man einen Balg mit Wildkatzenfell und ein Papierkleid, dort hängen Blätter mit Erklärungen. Das ganze erweckt den Eindruck, dass wir uns auf der Bühne eines Provinztheaters befinden, während der Vorbereitung einer Aufführung mit kleinem Budget und entsprechend billigen Attrappen, die später dank der Schauspieler etwas bedeuten sollen.

In dem ehemaligen Schrank für Thorarollen (Aron Kodesch) befindet sich die Abbildung eines Bienenkorbs, auf den einige Zeilen aus der Thora projiziert werden. Sie sind bei der Projektion so verzerrt, dass sie kaum lesbar sind. Einen Stock tiefer und auf den Treppen befinden sich zahlreiche Objekte aus Gips und Lehm sowie ihre Formen – wie in einer Theaterwerkstatt. Das alles bestätigt den Eindruck von Attrappen.

Aus der Reihe der Objekte ragen zwei heraus: Erstens eine Reproduktion des Abschiedsbriefs von Moriz und Lydia Einstein auf einem Vordruck des Deutschen Roten Kreuzes – ein zweifellos museales Dokument. Zweitens ein Kunstfoto von Alexander Baron – ein wirkliches Kunstobjekt.

Die Objekte scheinen kein Verhältnis und keine Verbindung zueinander oder eine übergreifende Idee zu haben. Im russischem Volksmund man sagt in solchen Fällen: »Fünf Pfennig – fünf Pfennig – fünf Pfennig – und wann ist eine Mark zusammen?«

Die Ausstellung macht einen düsteren Eindruck. Ich verstehe, dass die Meinung meiner Wenigkeit keinen großen Wert hat und dass ich keinesfalls ein Arbiter Elegantiarum bin. Ich weiß, dass meine Meinung den Lobreden der Organisatoren und Förderern widerspricht, die während der Vernissage zu hören waren, und die teils auch in einem schönen Katalog zur Ausstellung zu finden sind. Dort sind viele Objekte aus günstigen Winkeln mit einer guten Beleuchtung abgebildet, sie sehen auf diesen Bildern völlig anders aus. Ähnliche Meinungen, die meine kritische Beurteilung teilen, habe ich bei vielen Gesprächen mit Besuchern der Vernissage, mit Menschen, die wohlwollend dorthin gekommen waren, gehört.

Mit Verlaub: Nicht jede Ausstellung, auch wenn sie technisch und organisatorisch gut vorbereitet ist, muss auch gelingen. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Jeder Interessierte möge seine eigenen Eindrücke von dieser Intervention sammeln. Dies ist noch bis zum 17. September möglich.

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