Kulturelle Infrastruktur schützen

5. April 2020 - 10:49 | Jürgen Kannler

Um größten Schaden von unserer Gesellschaft abzuwenden, müssen nun auch in unserer Region Soforthilfeprogramme entwickelt werden. »Keine Zeit wie jede andere« – ein a3kultur-Bulletin zur Corona-Krise von Jürgen Kannler

Die a3kultur-Redaktion arbeitet seit mehr als zwei Wochen im Corona-Modus. Die Kolleg*innen machen Homeoffice. Telefonkonferenzen sind an der Tagesordnung. Die Struktur von a3kultur.de wurde den veränderten Bedingungen angepasst. Statt Programmempfehlungen und Rezensionen, die sonst den Charakter unserer Meldungen weitgehend bestimmten, haben wir unter anderem den Podcast »Kulturregion vs. Corona« gestartet. In diesen Sendungen sprechen wir mit Kulturmacher*innen, Menschen aus der Verwaltung und Politiker*innen über die aktuelle Situation, Auswirkungen und Perspektiven für unsere Region. Die letzten Tage gingen Sendungen mit Sabine Beck und Susi Weber online. Frau Beck ist die Verantwortliche bei der Regierung von Schwaben für die Bearbeitung der Corona-Soforthilfe. Die Kulturbeirätin Susi Weber ist im Projektteam des Grandhotels Cosmopolis.

Besonders starker Zugriff durch unsere Leser*innen ist für die a3kultur-Serie »75 Jahre Befreiung« zu verzeichnen. Es geht um das Kriegsende 1945 und die Bedeutung dieses Jahrestags. Für diesen Themenschwerpunkt abseits der Corona-Berichterstattung konnten wir zahlreiche Gastautor*innen aus Wissenschaft und Kultur gewinnen. Die a3kultur-Redaktion plant bis Anfang Mai mit rund zehn Beiträgen.

Es ist wichtig, den Blick auch über die von der Corona-Krise und deren Manager*innen gezogenen Sichtachsen zu werfen. Und es ist nachvollziehbar, dass dieser Blick vielen ansonsten interessierten und engagierten Menschen nicht so leicht gelingen will. Die wirtschaftliche Lage der meisten Kulturmacher*innen ist kritisch. Selbst an mittelfristige Planungen ist kaum zu denken. Die zuerst von der Landesregierung und später vom Bund ergänzte Soforthilfe lässt auf sich warten. Anfang April waren gerade einmal zehn Prozent der rund 20.000 allein bei der Regierung von Schwaben eingereichten Anträge bearbeitet. Auch der Zugang zur propagierten Grundsicherung für alle ist für viele Kulturschaffende voller Hürden. Täglich erreichen die a3kultur-Redaktion Hilferufe aus allen Bereichen unseres Kulturlebens.

Dieser Dramatik folgend, veröffentlichte der Kulturbeirat der Stadt Augsburg am 1. April einen Beschluss zur Corona-Krise, in dem er in drei Punkten ein Rettungsprogramm Kultur empfiehlt. Bisher verhallte dieses Papier des Gremiums an die Politik weitgehend wirkungslos.

Die frisch gewählten Volksvertreter*innen sind gegenwärtig wohl zu sehr mit sich und dem Bau von künftigen Abstimmungsmehrheiten beschäftigt, als sich so effektiv wie eigentlich möglich der Corona-Krise entgegenzustellen. Beispiele aus Köln oder München zeigen, wie die Politik dort den Problemen der Kulturlandschaft mit Soforthilfeprogrammen begegnet. Auch vor diesem Hintergrund empfiehlt sich bis zum Ende der Corona-Krise kein Personalwechsel in den Referatsspitzen. Und vor allem ein aufgewertetes Kulturreferat. Die CSU-Blaupausen zur Abschaffung dieser Institution gehören endgültig vom Tisch.

Um größten Schaden von unserer Gesellschaft abzuwenden, müssen nun auch bei uns Programme entwickelt werden, die in der Lage sind, unsere kulturelle Infrastruktur zu schützen. Gegenwärtig sind zahlreiche Kulturorte und -macher*innen auf das Einwerben von Almosen angewiesen, um sich einfachste Perspektiven zu sichern. Natürlich ist Solidarität unter und mit den Kulturschaffenden wichtig. Spendenaktionen sind aber kein Ersatz für zuverlässige Förderstrukturen der öffentlichen Hand. Die Mittel für Soforthilfeprogramme wären vorhanden. Sie müssen nur genutzt werden.


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