Kulturförderung in Augsburg – ein Strukturproblem

18. Juni 2020 - 9:39 | Gast

Worum es in der Kulturpolitik auch gehen sollte – und warum das zu kurz kommt. Ein Kommentar von Peter Bommas

Dieser Beitrag erschien zuerst in der DAZ – Die Augsburger Zeitung.

Wenn Oberbürgermeisterin Eva Weber die Absage des ersten Kulturausschusses der neuen Stadtratsperiode  in der Augsburger Allgemeinen jetzt damit abtut, dass sie darauf verweist, dass alle – vertraglich vereinbarten – Zuschussregelungen für 2020 schon in trockenen Tüchern seien und deshalb keine Beschlüsse mehr im Ausschuss zu fassen wären, so offenbart das eine sehr spezielle Sicht auf die Kultur in Coronazeiten.

Erstens wird dem Kulturausschuss als demokratischem Gremium offensichtlich abgesprochen, ein Ort von Debatte, Austausch und Zukunftsentwürfen zu sein, man degradiert ihn wie schon in der letzten Periode, zum Erfüllungsgehilfen von vorab getroffenen Entscheidungen.

Zweitens scheint hier die Bedeutung von Kultur zu allererst im Betrieb von kommunal geförderten Einrichtungen festgeschrieben – Theater, Museen, klassische Orchester.

Daraus erschließt sich drittens ein eklatanter Mangel an Empathie für unabhängige, soziokulturelle, popkulturelle, szenekulturelle Strukturen und Szenarien.

Genau darin liegt der kulturelle Hund begraben. Hier kommt – schon seit über 12  Jahren – verfehlte kulturelle Strukturpolitik zum Tragen, die auf große, vermarktbare und städtisch lenkbare Events, Marken und Einrichtungen fixiert ist. Vertreter dieser Politik kommen jedem Kritiker mit der »Neidhammel-Keule« entgegen.

Doch städtisches Geld ist nicht alles! Das Problem liegt viel tiefer. Eine freie, unabhängige, vom kreativen Selbermachen  geprägte Kultur und Kunst lebt von der strukturellen  »Ermöglichung« kultureller Formate, von der stadtpolitischen Zuneigung für kulturelle Teilhabe und  damit von der Akzeptanz für coole, interessante, inspirierende Orte und Räume – jenseits der »heiligen Hallen«.

Es geht um die – nicht nur temporäre – Existenz von selbst organisierten, öffentlich nicht oder vernachlässigbar geförderten kulturellen »Perlen« wie dem Provino Club, der Ballonfabrik, dem Grandhotel, dem Bombig, dem Neruda, dem MadHouse, der Galerie Krüggling, Frau Huber, Reese Garden. Alles Orte einer authentischen, vom Publikum geschätzten und weit über die Stadt hinaus wirkungsstarken Kultur der Improvisation, der Begegnung, der Kreativität, des Live-Erlebnisses und des Einfallsreichtums.

Es geht um eine von der aktuellen Stadtpolitik weitgehend ignorierte, über das Stadtgebiet verstreute Netzwerkkultur mit niederschwelligem Zugang, nicht-kommerziell, unabhängig, oft gemeinnützig, multikulturell und genreübergreifend.

Und das Gelingen solcher kulturellen Biotop-Existenzen hängt ganz stark vom guten politischen Willen ab, vom kulturellen Kleinklima, von positiver politischer Einflussnahme auf planerische, ordnungs- und sozialpolitische Konzepte beziehungsweise Entscheidungen. Und da hat die Stadtpolitik doch ziemlichen Bewegungsspielraum, den sie statt zum Verhindern und Aushungern zum nachhaltigen Ermöglichen nutzen könnte. Auch und gerade in Coronazeiten.

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