Der Kunst begegnen

2. Januar 2020 - 10:37 | Bettina Kohlen

Kunst gehört unbedingt zu einem guten Leben, oder? Hier ein paar Ideen für die Begegnung mit Kunstwerken aus Vergangenheit und Gegenwart, von hier und anderswo.

Die Große Schwäbische Kunstausstellung hat nach einigen Jahren des reizvollen Clashs mit der Kunst und den Zimmerfluchten des Schaezlerpalais nun eine neue Heimat gefunden: Sie spielt dieses Mal in den Räumen der ehemaligen Staatsgalerie im Glaspalast. Diese Verlagerung vermittelt eindrucksvoll, welchen Anteil ein Schauplatz am Kunsterleben hat. Da am neuen Standort weitaus mehr Fläche als bisher zur Verfügung steht, wurden die regionalen Künstler*innen explizit aufgefordert, großformatige Arbeiten für die Ausstellung einzureichen. Dieses erweiterte Spektrum tut der Sache mehr als gut, doch unabhängig davon verleiht die großzügige schnörkellose Galerie allen Arbeiten eine besondere Qualität, alles entfaltet sich in diesem Freiraum auf das Schönste. Der Ansatz und auch das Niveau der Arbeiten unterscheiden sich natürlich dennoch – bei einer solchen Überblicksschau ist das kaum zu vermeiden.

Unter den 77 Arbeiten springen zahlreiche raumgreifende Installationen ins Auge, wie das universale Haus von Esther Zabel oder die Leitern von Christine Reiter. Jochen Rüth breitet im Kabinett auf dem Boden sein Geodenfeld aus. Den engsten Bezug zum Ort, ehemals ein Gebäude eines Textilunternehmens, stellt die medienübergreifende Rauminstallation »Territorium« von Manuel Maximilian Rigel her, die textile Praktiken und die Beziehung von Werk und Werkzeug thematisiert. Mit dem diesjährigen Kunstpreis wurde die Sandsteinskulptur »Steinwindung« von Silvia Jung-Wiesenmayer ausgezeichnet, präzise und von makelloser Ästhetik, aber auch ein wenig konventionell.

Doch egal in welcher Form und welchem Format die Kunst kommt: Die Weite, Klarheit und Helligkeit der ehemaligen Staatsgalerie lassen alles in einem anderen Licht erscheinen. Kunst und Betrachter*innen erhalten ausreichend Luft. Hier im Glaspalast scheint endlich der richtige Rahmen gefunden, doch wie die fabelhaften Räume in Zukunft genutzt werden, ist noch offen. Also: Hingehen und sich überraschen lassen, gerne auch kaufen! Der aktuellen Schau »Vanitas Contemporary« der Nachbarn im H2 sollte man bei dieser Gelegenheit ebenfalls einen Besuch abstatten.

71. Große Schwäbische Kunstausstellung in der ehemaligen Staatsgalerie im Glaspalast, bis 12. Januar
www.kunst-aus-schwaben.de
Vanitas Contemporary im H2 – Zentrum für Gegenwartskunst im Glaspalast, bis 2. Februar
www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de

Mittlerweile sollte es sich ja herumgesprochen haben, dass es auch hinter dem eurozentristischen Horizont Kunstschaffende gibt. Vor allem Künstler*innen mit afrikanischen Wurzeln sind in den letzten Jahren in den Fokus gerückt – was sicherlich auch dem Engagement des allzu früh gestorbenen Kurators Okwui Enwezor zu danken ist. In Augsburg ist nun erstmals (?) die Arbeit einer afrikanischen Künstler*in zu sehen. Jean Katambayi Mukendi, Preisträger des diesjährigen Zeitsicht Kunstpreises, lebt und arbeitet in Lubumbashi, einem Zentrum der Rohstoffgewinnung im Kongo. Er setzt sich mit dem (Post-)Kolonialismus seines Heimatlandes auseinander, das nach wie vor unter der mehr als unrühmlichen belgischen Gewaltherrschaft der Vergangenheit leidet. Dies führt der Künstler in einer Ausstellung in der Neuen Galerie im Höhmannhaus am Beispiel der Elektrizität vor. Da gibt es spielerisch improvisiert wirkende elektrische Objekte, die sich als ausgesprochen ausgeklügelte Maschinen erweisen. Die Bedeutung von Strom zeigt sich vor allem, wenn er fehlt – was im Kongo zum Alltag gehört. So ist es nur schlüssig, dass Katambayi Mukendi Glühlampen porträtiert. Vorgeschlagen wurde der Preisträger von Sammy Baloji, einem ebenfalls aus Lubumbashi stammenden Fotografen und Videokünstler. Baloji, Teilnehmer der Biennale 2015 und der Documenta 2017, lebt und arbeitet in Belgien.

Art Award 2019: Jean Katambayi Mukendi in der Neuen Galerie im Höhmannhaus, bis 12. Januar 2020
www.zeitsicht.info

Für fotografische Kunst gibt es in Augsburg wenige sichere Anlaufstellen: Da sind die Neue Galerie im Höhmannhaus zu nennen und der Fotodiskurs des Künstlers Christof Rehm. Von Zeit zu Zeit ist aber auch im Kunstverein Augsburg Fotografie zu sehen, wie aktuell Arbeiten von Andreas Mühe, der im Holbeinhaus Werkzyklen der letzten Jahre zeigt (Foto: Vater II, Büste) Mühe inszeniert in seinen Arbeiten Situationen, die im Kontext von Stimmungsklischees der Deutschen stehen. Das kann eine Auseinandersetzung mit Nazi-Selbstinszenierung und Ikonografie sein, wie im Zyklus »Obersalzberg«, Mühe greift aber ebenso auf seine eigene Familie zurück, um an diesem Beispiel soziale Gruppierungen zu hinterfragen. Weihnachtsbäume werden so zu Markern des eigenen Lebens. Der Frage des Umgangs mit dem eigenen Abbild widmet sich Mühe in Arbeiten, die durch Dekonstruktion und Rekonstruktion Familienbilder hervorrufen. Die Macht der Bilder wird von Mühe hinterfragt, zugleich bedient aber auch er sich genau dieser Macht, um Irritation zu schaffen und Denkprozesse in Gang zu bringen. Sehr sehenswert!

Andreas Mühe: Vater Körper Kind – Mensch Macht Mneme, bis 23. Februar
www.kunstverein-augsburg.de

Sammy Baloji ist derzeit mit einer Arbeit in einer Ausstellung des Münchner NS-Dokumentationszentrum vertreten. Das Projekt bringt zeitgenössische Kunst von rund 40 internationalen Künstler*innen mit der Erinnerungsarbeit des Dokumentationszentrum zusammen. Untersucht wird die Frage der Deutung der Vergangenheit und deren Anknüpfung an unsere Gegenwart.

Tell me about yesterday tomorrow, bis 30. August
www.ns-dokuzentrum-muenchen.de

In Wien locken zur Zeit die Künstler des römischen Barock: Der Maler Michelangelo Merisi da Caravaggio und der Bildhauer Gian Lorenzo Bernini werden im Dämmerlicht des Kunsthistorischen Museums gemeinsam präsentiert. Die weiß marmorn schimmernden Skulpturen Berninis treten ideal in einen Dialog mit der Malerei Caravaggios, dessen fabelhafte Lichtsetzung seine Kunst auszeichnet. Beiden Künstlern gemeinsam ist ihr Umgang mit starken Gefühlen, die sich nicht nur in ihrer Darstellung zeigen, sondern auch in der Betrachter*in hervorgerufen werden sollen. Klug und sehenswert!

Caravaggio & Bernini, bis 19. Januar
www.khm.at

Auf die Dürer-Ausstellung der Wiener Albertina wurde hier ja schon im letzten Monat hingewiesen. Selbst auf die Gefahr hin, etwas penetrant rüberzukommen: Was da präsentiert wird, ist in seiner grandiosen Fülle und Qualität ein Ereignis und zeigt, dass Albrecht Dürers Können eine eigene Kategorie darstellt, »ein Wunder der Kunst« ohne jeden Zweifel. Allein die Möglichkeit, das große Rasenstück, den Feldhasen und den Blaurackenflügel im Original in Augenschein nehmen zu können, rechtfertigt die weiteste Reise nach Wien. Wunderbarerweise darf die Besucher*in auf wenige Zentimeter an die Objekte der Begierde heran, so dass die allerfeinsten Details betrachtet werden können. Atemberaubend!

Albrecht Dürer, bis 6. Januar
www.albertina.at

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