Kunst geht jetzt anders

10. April 2020 - 11:31 | Bettina Kohlen

Kunst erleben in Corona-Zeiten? Das machen wir nun verstärkt online, aber es bieten sich auch das gute alte Kunstbuch oder der Ausstellungskatalog an. Nicht vergessen dürfen wir die Kunst im öffentlichen Raum.

Draußen

Ausstellungshäuser, Museen und Galerien sind bis auf weiteres geschlossen, Ausstellungen verwaist oder gar nicht erst gestartet. Wann die Häuser ihre Türen wieder für Besucher*innen öffnen werden, wissen wir nicht, bereiten wir uns am besten für eine ziemlich lange Zeit ohne die Möglichkeit, Kunst im wirklichen Leben erfahren zu können vor … Zugänglich bleibt die Kunst im öffentlichen Raum, und da sich zu den Feiertagen die Leute wohl eher im Grünen drängen, könnte es in der Stadt ruhig werden. Ideale Bedingungen, um zum Beispiel in Augsburg die großen Brunnen, Teil des UNESCO-Welterbes »Augsburger Wassermanagement-System«, abzuklappern, zu umrunden, sich jedes Detail zu Gemüte zu führen. Zwar sind die grandiosen Brunnenfiguren Kopien (die empfindlichen Originale befinden sich im Maximilianmuseum), doch das tut der Sache sicher keinen Abbruch. Die entsprechenden Hintergrundinfos lassen sich ja schnell vor Ort ergoogeln.

Passend zu Ostern wäre auch ein Besuch am Kennedyplatz eine gute Idee. Die Gelegenheit, die sonst von Verkehr umtoste Edelstahlplastik »Ostern« (1990) genau und in Ruhe in Augenschein zu nehmen, sollte man unbedingt nutzen. Die abstrakte Arbeit des Bildhauerehepaars Matschinsky-Denninghoff, die auf den Isenheimer Altar (1512–1516) von Matthias Grünewald Bezug nimmt, ist das Relikt einer Ausstellung des Kunstvereins Augsburg. Nach einigem Hin und Her (so was wollte man nicht in der guten Stube der Stadt haben …) landete die Großplastik an ihrem jetzigen Standort. Also dann: Fotos des Isenheimer Altars aufs Smartphone holen, hinschauen, suchen, nachdenken, ergründen…

Das Spazierengehen kommt ja gerade zu neuen Ehren, nicht nur wegen Ostern (Goethe, Faust, ihr wisst schon …) Den öden Sonntagstrott, den viele von uns als Kinder ertragen mussten, lassen wir hinter uns und werden zu Flaneur*innen, die sich durch die Stadt treiben lassen und dabei eben auch Kunstvolles, Hässliches oder Skurriles entdecken. Und nein, man muss das nicht immer fotografieren – einfach bemerken und im Kopf behalten geht auch. Gehen und Sehen, nicht die schlechteste Kombination, oder?

Lesen

Für Zuhause oder die Parkbank (auf einer Bank sitzen und lesen ist ja inzwischen wieder erlaubt), bieten sich als vorläufiger Ersatz für die Ausstellungen, die wir gerne besucht hätten, die dazu erschienenen Kataloge an, die neben den oft exzellenten Abbildungen manchmal gute Aufsätze zu verschiedenen Aspekten des jeweiligen Themas bieten. Die Buchhändler*in eures Vertrauens besorgt sicher gerne den jeweiligen Wunsch-Band.

Eine Verbindung von Reproduktionsmedium und originärem Kunstwerk gehen Fotobücher ein, die als eigenständiges Konzept zu sehen sind. Ein herausragender Klassiker dieser Gattung ist »The Americans« des im September gestorbenen gebürtigen Schweizers Robert Frank. In entlarvenden lakonischen Bildern hält Frank seine Eindrücke einer Tour durch die USA fest. Das war in den 1950ern so provokant, das das Buch zunächst 1958 in Frankreich publiziert wurde. Zur US-Ausgabe ein Jahr später schrieb Jack Kerouac die Einleitung. Das seitdem in zahlreichen Auflagen erschienene Buch ist leider beim Verlag (Steidl Göttingen) vergriffen, aber auch hier kann sicher die Buchhändler*in des Vertrauens helfen.

Apropos: Wer über Verhältnis von Kunstwerk, Reproduktion und der Wirkung aufeinander nachdenken möchte, dem sei ein Theorie-Klassiker empfohlen. Walter Benjamin untersuchte in seinem Aufsatz »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit«, wie sich das Reproduzieren von Kunst auf dieses selbst und ihre Rezeption auswirkt. Der erstmals 1935 publizierte Text existiert in mehreren Fassungen, die dritte gibt es als Gratis-PDF bei Wikisource, das Ganze aber natürlich auch in Buchform (Edition Suhrkamp).

Virtuelle Kunsträume

Und was ist mit den unzähligen virtuellen Angebote? Die großen Museen dieser Welt rücken ihre Kunstwerke seit geraumer Zeit ins künstliche Licht digitaler Welten. Wer mag, kann sich in allen wichtigen Häusern Clips ansehen, digitale Rundgänge unternehmen oder durch Bilddatenbanken klicken. Das ist gut, wichtig und eröffnet allen, die diese Orte – auch jenseits von Coronavirus bedingten Restriktionen – nicht real besuchen können, die Möglichkeit wenigstens ein bisschen dabei zu sein. Doch wie gehen die Kunstorte der Region mit der Schließung ihrer Häuser um? Der Kunstverein Augsburg bietet auf seiner Website Ansichten vergangener Ausstellungen, verfügt darüber hinaus aber über kein digitales Angebot.

Der Wechsel in der Ecke Galerie, die nun von Cyprian Brenner geführt wird, der in Schwäbisch Hall und Niederalfingen zwei weitere Galerien betreibt, fiel unglücklicherweise genau auf den Beginn der Einschränkungen. Für den Start in Augsburg war eine Schau der Werke von Bruno Kurz geplant, die abrupte Schließung kompensiert man hier mit einem virtuellen Ausstellungsraum, durch den man sich mit Klicks und Pfeiltasten bewegt, dem aber nicht die tatsächlichen Räume der Ecke Galerie zu Grunde liegen. Zu den einzelnen Arbeiten gibt es eher spartanische ergänzende Infos.

Die Kunstsammlungen und Museen Augsburg verfügen auf ihrer Website bislang nicht über ein generelles digitales Angebot, haben aber angesichts der Schließung ihrer Häuser reagiert und den Publikumshit »Kunstschätze der Zaren« der im wirklichen Leben vorbei ist, virtuell verlängert. Christof Trepesch, Leiter der Sammlungen, führt in kurzen Clips anhand ausgewählter Objekte durch die Ausstellung, ergänzt wird das Ganze durch Bach-unterlegte Rundumblicke. Das ist angesichts der eingeschränkten Möglichkeiten eine gute Idee, bildet aber vorerst nur eine einzelne Schau ab, der umfangreiche Rest, einschließlich der Staatsgalerie in der Katharinenkirche, schläft zur Zeit.

Solche Aktionen können aber keineswegs darüber hinweg täuschen, dass sie lediglich einen Kompromiss, ein »besser als nix« darstellen. Physisch erlebbare Kunst lässt sich leider nur mit Verlust ins Digitale übertragen. Es fehlt das direkte Erleben des jeweiligen Objektes im Raum, zudem gehen die sinnlich erfahrbaren Details verloren und nicht zuletzt die Größenrelation des Kunstwerkes per se und zur Rezipient*in. Dies gilt nicht nur für Malerei, Skulptur und Installation, selbst Videokunst wird oftmals im Raum inszeniert, so dass dieser zum Gesamteindruck beiträgt. Wird ein Video im dunklen Raum präsentiert, so in der Regel auf einer recht großen Leinwand, was wiederum Einfluss auf die Wahrnehmung hat. All dies kann eine digitale Show, so schick sie gemacht sein mag, nicht leisten. Da ist noch genug Luft nach oben, denn wirklich adäquate digitale Angebote von Kunstorten müssen sich vom reinen Abbilden lösen, um den Beigeschmack des Ersatzes loszuwerden.

Wenn wir wieder wirklich Kunst erleben ...

Im Staatlichen Textil- und Industriemuseum tim, das auf ein digitales Angebot verzichtet, sollten seit 13. März Arbeiten der in Bildhauerin Esther Irina Pschibul zu sehen sein. Der Pressetermin zu »beyond surface?« fand noch statt, die Vernissage schon nicht mehr, tags drauf wurde das Museum dann wie alle bayerischen Museen, Bibliotheken und Archive geschlossen. Das wars dann erst einmal, da die Schau jedoch bis zum 18. Oktober laufen sollte, besteht eine gute Chance, sie noch zu erleben. Ausgangspunkt des Projektes ist eine bronzene Medusentochter Pschibuls, die seit 2011 im Atrium des Museums residiert und nun für die Zeit der Ausstellung ins Foyer umgezogen ist.

Rund 50 Skulpturen, textile Arbeiten und Skizzen interagieren in 15 Stationen mit der Dauerausstellung, darunter eine raumgreifende eigens entworfene und auf Maschinen des tim gefertigte Draperie. Zu sehen ist auch eine Installation aus Schweinsblasen; vielleicht erinnert sich die eine oder andere an Pschibuls (auch geruchs-)intensive Inszenierung im Kunstverein Bobingen vor einigen Jahren, bei der diese Blasen eine Rolle spielten. Pschibul interessiert sich für den Körper und seine Außengrenzen, verhandelt die Beziehung von innen und außen. Unter diesem Aspekt ist ihre Intervention mit der dem Textil gewidmeten Dauerausstellung des tim nur folgerichtig, da Textilien Grenzen markieren, Haut werden, dabei gleichzeitig in der Lage sind, Raum zu generieren. Wenn die Museen in hoffentlich nicht allzu ferner Zeit wieder öffnen, sollte man Pschibuls Interventionen unbedingt besuchen.


Abbildung oben: Große Matrix – irreversible Formulierung (zweite Haut); Mischgewebe aus Baumwolle, Acryl und Polyester, 2019. Das Foto zeigt Esther Irina Pschibul beim Aufbau des Werkes an der Rückwand eines Kabinetts in der Dauerausstellung des tim 2020; die Stoffbahnen wurden auf Webmaschinen im tim gewebt. (Foto: Eda Calisti)

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