Kunst ist ein Geschenk

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1. Dezember 2019 - 7:26 | Bettina Kohlen

Bettina Kohlen schlägt in ihrem Kunstrundgang einen Bogen von hochbedeutenden Heroen der Kunstgeschichte wie Albrecht Dürer hin zu kleinformatiger »affordable art« aus der Region, die bescheidener ist, aber nicht weniger wichtig ...

Seinen Porträts verdankt der flämische Barockmaler Anthonis van Dyck seinen Ruhm. Van Dyck, einer der gefragtesten Maler seiner Zeit, begann als Rubens-Schüler, doch Italienaufenthalte machten ihn auch mit der Kunst Tizians und Veroneses vertraut. Beide Einflüsse spiegeln sich im Werk des Künstlers wider, der sich vom Historienmaler zum Porträtisten wandelte. Wie er und seine Werkstatt die Bildfindung und Umsetzung erarbeiteten, können wir nun in einer detailreichen Ausstellung in der Alten Pinakothek erleben, die auf einem mehrjährigen Forschungsprojekt basiert. Das direkte Nebeneinander von Skizzen und Studien mit ausgeführten Werken macht den Arbeitsprozess dieser höchst produktiven Künstlerwerkstatt eindrucksvoll klar. Die rund hundert Kunstwerke werden schlüssig durch Röntgenaufnahmen und Infrarotspektrogramme ergänzt, auch van Dycks reputationsfördernde Künstlerporträts und die Reproduktionsgrafik, ein seinerzeit wichtiges Marketinginstrument, werden thematisiert. Van Dycks Spätzeit in England ist jedoch explizit ausgespart.

Als Besucher*in erfährt man hier viel über van Dyck und bekommt nebenbei Einblick in die aktuelle Forschung. Das hört sich jetzt vielleicht ein wenig trocken an, aber keine Angst – auch wer nur ein wenig in opulenter Malerei des 17. Jahrhunderts schwelgen möchte, kommt unbedingt auf seine Kosten.

Van Dyck bis 2. Februar 2020 in der Alten Pinakothek
www.pinakothek.de 

Seinen Zeitgenossen galt Giovanni Battista Tiepolo als »der beste Maler Venedigs«. Unter diesem Titel präsentiert die Staatsgalerie Stuttgart eine umfangreiche Ausstellung mit etwa 120 Arbeiten eines der wichtigsten Maler Italiens des 18. Jahrhunderts. Die gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen der Zeitenwende zur Aufklärung lassen sich auch in Tiepolos Bildstrategien erkennen: die unkonventionelle Erzählung, eine überraschende Komposition und vexierhafte Mehrdeutigkeit verfremden die vorherrschenden Bildvorstellungen und machen Tiepolos Werk zu einem Wegbereiter des Kommenden.

Die chronologisch vorgehende Ausstellung zeigt uns das vielgestaltige Werk dieses weit gereisten Künstlers in all seinen Facetten. Darunter ist die wunderbare »Ruhe auf der Flucht nach Ägyten«, ein kleinformatiges Gemälde, das die heilige Familie winzig und verloren in einer mächtigen und angsteinflößenden Landschaft zeigt. Ebenfalls präsent ist die Freskenausstattung der Würzburger Residenz. In einem Raum ist die Decke mit einer Plane bespannt, bedruckt mit dem Fresko des Würzburger Treppenhauses. An den Wänden gruppieren sich kleine Rötelzeichnungen auf blauem Papier, die Vater und Sohn Tiepolo anfertigten, um potenziellen Auftraggebern einen Eindruck des Freskos zu geben. Kunstvoll und schlüssig.

Mit den Tiepolo-Werken korrespondieren sehr schön vier Arbeiten des Foto- und Videokünstlers Christoph Brech. Und natürlich gibt es auch einen Katalog, der unter anderem einen Beitrag der Augsburger Kunstgeschichte-Professorin und Tiepolo-Spezialistin Andrea Gottdang enthält. Ein solch einprägsamer Einblick in Tiepolos Schaffen wie in Stuttgart wird so schnell nicht wieder gewährt werden. Wer noch mehr 18. Jahrhundert will, kann seinen Bedarf im grafischen Kabinett der Staatsgalerie decken. Also: ein Ereignis, unbedingt anschauen!

Tiepolo. Der beste Maler Venedigs bis 2. Februar 2020
La Serenissima. Zeichenkunst in Venedig vom 16. bis 18. Jahrhundert bis 2. Februar 2020
www.staatsgalerie.de

Wir bleiben in der Vergangenheit, diesmal in Wien, wo die Albertina rund 200 zeichnerische, druckgrafische und malerische Arbeiten von Albrecht Dürer ausstellt. Das Haus ist prädestiniert für ein solches spektakuläres Unternehmen, da es den weltweit bedeutendsten Bestand an Dürer-Zeichnungen besitzt und mit Chefkurator Christof Metzger (in Augsburg wohlbekannt als Vorstandsmitglied der Altaugsburggesellschaft) einen ausgewiesenen Dürer-Experten vor Ort hat. Gezeigt werden neben bedeutenden internationalen Leihgaben auch die hauseigenen Ikonen »Feldhase« und »Großes Rasenstück«, die die Virtuosität Dürers ganz besonders deutlich erkennen lassen. Blockbuster-Ausstellungen sind Geschmackssache, da es rappelvoll ist und eine eingehende Betrachtung der gezeigten Kunst schwerfällt. Aber wenn wie jetzt in Wien die Arbeiten des künstlerischen Genies Dürer so umfassend versammelt werden, lohnen sich die Mühen allemal. In diesem Umfang, in dieser Qualität wird es das in den nächsten Jahrzehnten nicht mehr geben. Die Autorin (die sich gleich auf den Weg macht) konstatiert: Allein »Feldhase«, »Rasenstück« und »Blaurackenflügel« im Original zu sehen, rechtfertigt die Reise nach Wien.

Albrecht Dürer bis 6. Januar 2020
www.albertina.at

In München sind die Villa Stuck und die 1892 in den USA begründete Zeitschrift Vogue eine temporäre Verbindung eingegangen. Zum 40. Geburtstag der deutschen Ausgabe präsentiert das Magazin in einer detailreichen, aber auch kleinteiligen Schau, wie sich die Mode, vor allem aber die Sichtweise darauf geändert hat. Leider überwiegt die Selbstdarstellung, die behandelten Aspekte wirken ein wenig bemüht, ein wenig mehr Distanz hätte der Sache gut getan. Modeaffine Menschen sind dennoch gut aufgehoben und wer an Fotografie interessiert ist, findet auch seine Highlights: Je ein Raum sind Juergen Teller und Ugo Rondinone gewidmet.

Ist das Mode oder kann das weg!? 40 Jahre Vogue Deutschland bis 12. Januar
www.villastuck.de

Augsburg soll natürlich nicht ausgeblendet werden: Die Galerie Noah, deren Fokus auf dem Figurativen liegt, präsentiert noch bis Mitte Dezember eine Retrospektive mit Malerei und Zeichnungen des 2017 verstorbenen Leipzigers Arno Rink. Die Preise dieser Arbeiten liegen für die meisten Kunstkaufinteressierten jedoch außerhalb des Budgets. Alltagstauglicher gestaltet sich die Investition in die Werke der traditionell vor Weihnachten terminierten Ausstellungen kleinformatiger Kunst. In der BBK-Galerie kann die »Beste Kunst« gleich mitgenommen werden. Wenn weg, dann weg … Die Künstlervereinigung Ecke zeigt »das kleine format«, diesmal rund um Leopold Mozart. Auch augsburg contemporary konzentriert sich zum Jahresende auf Geschenktaugliches. Wer also lieben Menschen oder sich selbst Kunst ins Haus holen möchte, wird hier in jedem Fall fündig.

Arno Rink bis 15. Dezember
www.galerienoah.com
Beste Kunst bis 15. Dezember
www.kunst-aus-schwaben.de
das kleine format bis 21. Dezember
www.eckegalerie.de
sixty nifty 1. bis 21. Dezember
www.augsburg-contemporary.de


Abbildung: Giovanni Battista Tiepolo – Ruhe auf der Flucht nach Ägypten, ca. 1762/70, Öl auf Leinwand, Staatsgalerie Stuttgart

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