Kunst von heute und vorgestern

12. April 2019 - 11:40 | Bettina Kohlen

Augsburg, München und die Stauden: Diesmal empfehlen wir berühmte und weniger berühmte Kunst, dazu ein wenig Mode.

Wenn frau alle zwei Jahre nach Venedig reist, um die Biennale zu besuchen, muss sie sich ehrlicherweise eingestehen, dass vieles von dem, was sie da sieht und hört, nach einiger Zeit vergessen ist: die schiere Menge des Dargebotenen … Manches aber fasziniert und bleibt dauerhaft im Gedächtnis, so wie die Arbeiten zweier Künstler, die dort 2007 zu sehen waren. Das eine nachhaltige Erlebnis war Bill Violas Videoarbeit »Ocean Without a Shore« in der kleinen Kirche San Gallo, das andere »Dusasa II« im Arsenale, ein golden schimmernder barockschwerer Vorhang aus Flaschendeckeln, eine Arbeit des Bildhauers El Anatsui.

Bill Viola, einer der wichtigsten lebenden Künstler, zeigt seine Arbeiten natürlich in Galerien und Museen, doch einen besonderen Sog entwickeln die Videos in sakralen Räumen, da sie sich streng und schlüssig mit Grundsätzlichem wie Tod und Leben auseinandersetzen. Dabei spielen Wasser und der Umgang der Akteure damit in den Inszenierungen eine wichtige Rolle, oft trennt es wie ein Vorhang Ebenen der Wahrnehmung und der Existenz, kann die Grenze zwischen Daseinsformen markieren, die immer wieder durchschritten wird. In der Augsburger Moritzkirche, die seit ihrer Umgestaltung durch John Pawson große Ruhe und Klarheit vermittelt, sind jetzt vier Videoarbeiten eingerichtet, denen man unbedingt ausreichend Zeit und Aufmerksamkeit schenken sollte. In der Kreuzkapelle ist »Water Martyr« aus dem Jahr 2014 zu sehen, rechts neben dem Portal finden »Observance« (2002) und vor dem Eingang zur Sakristei »Three Women« (2008) ihren Platz. Das Video »Ablutions« von 2005 wird in der Taufkapelle gezeigt.

Das Haus der Kunst widmet dem Werk des ghanaischen Bildhauers El Anatsui eine umfassende Ausstellung mit zentralen Arbeiten aus den letzten 50 Jahren. Da sind weniger bekannte Keramik- und Holzskulpturen zu sehen, vor allem aber die grandiosen Arbeiten aus Flaschenverschlüssen von wahrhaftem »triumphant scale«, wie der Titel der Schau es nennt. El Anatsui denkt und formuliert Kunst der Gegenwart, bezieht afrikanische Traditionen ein und arbeitet mit vorgefundenem Material, das nicht nur symbolisch auf koloniale Strukturen und Traditionen verweist. Die Ausstellung ist auch ein Vermächtnis des kürzlich verstorbenen Kurators Okwui Enwezor, der entscheidend dazu beigetragen hat, das eurozentristische Kunstverständnis aufzubrechen. Mit Sicherheit eine der wichtigen Schauen des Jahres 2019.

Sehenswertes gibt es aber auch eine Nummer kleiner. Hier sei auf Arbeiten von Udo Rutschmann aus den letzten fünf Jahren verwiesen, die in der Schwäbischen Galerie in Oberschönenfeld zu sehen sind. Rutschmann arbeitet ungegenständlich und erschafft lineare Strukturen und Schichten. Seine streng-filigranen, schwebeleichten Drahtskulpturen oszillieren je nach Lichteinfall zwischen flächiger Grafik und Raumobjekt. Spannend ist das Zusammenspiel mit den eine Etage höher aufgehängten Grafiken, die auf fotografischen Abbildern der Skulpturen basieren. Mit Bleistift, Schreibmaschine und Korrekturflüssigkeit – Mitteln der Umsetzung von Sprache in Bild – erzeugt Rutschmann reliefartige Strukturen und Schraffuren. Es ist, was es ist, doch Rutschmann bringt Form, Fläche und Raum zueinander in Beziehung. Ein intelligentes Vexierspiel, eine sehenswerte Ausstellung. Nebenaspekt: der eigentlich viel zu dominante Raum mit seinen Terrakottafliesen und dem offenem Dachstuhl als paralleles Denkmuster der Raumgeometrie …


Szilard Huszank hat ein Händchen für Farbe. Er trägt eine Schicht auf die Leinwand auf, die er dann Schritt um Schritt traktiert. Farbe wird aufgetragen, abgeschabt, wieder aufgetragen, wieder abgeschabt. Mit Rakel und starkem Pinsel geht er zur Sache und schafft ein Raster für alternierende Sichtweisen. Die aktuell in der Ecke Galerie gezeigten Arbeiten erweisen sich – im Gegensatz zu Werken früherer Jahre – durch Struktur und die spezielle Farbigkeit als Vexierbilder. Doch Abstraktion und Gegenständlichkeit halten sich nicht die Waage: Bald öffnen sich Landschaften, strukturiert durch die dominanten senkrechten Linien der vermutlichen/vermeintlichen Baumstämme. Das ist charmant und schlüssig, zweifellos, könnte aber gerne ein wenig Irritation für mehr Spannung vertragen …

Im 18. Jahrhundert gab es einen beliebten Zeitvertreib: Man schnitt aus vorgedruckten Bögen Figuren, Möbel, Hausrat und Tiere aus und arrangierte diese auf ebenfalls vorgefertigten Hintergründen. Diese Klebealben wurden zum Spaß von Erwachsenen und Kindern gebastelt, dienten aber auch pädagogischen Zwecken, ähnlich den Puppenhäusern, dem Einüben späterer Aufgaben und Rollen. Die kleinformatigen reizenden Drucke von Martin Engelbrecht, einem Kupferstecher, der solche Bögen erfolgreich vermarktete, sind im Grafischen Kabinett ausgestellt, dazu gesellt sich ein Klebealbum, dem bereits vor einigen Jahren eine wunderbare Schau gewidmet war.

Mehr aus dem 18. Jahrhundert gibt es im Textil- und Industriemuseum, das anlässlich des 300. Geburtstags von Leopold Mozart die Mode und das Reisen der Zeit vorstellt. Familie Mozart war europaweit unterwegs und nahm aufmerksam zur Kenntnis, wer wo was wie trug. Mode, vor allem die bestimmende französische Mode, war ein Thema. Wie die verschiedenen Stände sich zu Mozarts Zeiten kleideten und welche Accessoires dazugehörten, lässt sich in einer kleinen, spannenden Schau erleben, bei der die Exponate mit Textausschnitten aus Briefen von Wolfgang Amadé ergänzt werden. Im Mittelpunkt stehen typische Kleidungsstücke (aus dem Bayerischen Nationalmuseum), um die herum Accessoires, Modeillustrationen und Reisegegenstände arrangiert sind. Schön und erhellend: Einem Mantel aus schwarzer mit Blumen bedruckter Baumwolle wird ein originales, sehr ähnliches Augsburger Stoffmuster der Zeit gegenübergestellt. Wie immer bietet das tim ein breit gefächertes Begleitprogramm mit Führungen, Workshops und Konzerten.

www.moritzkirche.de
Infinite Journey. Bill Viola in der Moritzkirche, bis 1. September

www.hausderkunst.de
El Anatsui. Triumphant Scale, bis 28. Juli

www.bezirk-schwaben.de
Material, Struktur, Licht. Arbeiten von Udo Rutschmann, bis 5. Mai

www.eckegalerie.de
Szilard Huszank. Back and Forth, bis 27. April

www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de
Ausschneiden aus Passion. Der Kunstverleger und Kupferstecher Martin Engelbrecht (1684–1756), bis 10. Juni

www.timbayern.de
Mozarts Modewelten, bis 6. Januar 2020

Abbildung: Bill Viola, Observance, 2002, Color high-definition video on flat panel display, Photo: Kira Perov

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