Kunst im Herbst

26. September 2018 - 12:35 | Bettina Kohlen

Die Sommerferien sind durch und schon treten die Lebkuchenbrigaden in den Supermärkten an. Nun gut. Aber zum Ende des Sommers beansprucht auch die Kunst wieder ihren Raum. Mehr als gut.

Ein Ausflug nach Aichach bietet sich an, um im SanDepot die Ausstellung zum 25. Aichacher Kunstpreis zu besuchen. Es lohnt sich, hier ist das Niveau konstant hoch – seit vielen Jahren. Der jährliche Kunstpreis ging diesmal an Emmeran Achter, einen speziellen Förderpreis erhielt Julia Schewalie.

Im Studio der Galerie Noah hängt eine kleine feine Ausstellung mit Arbeiten von Günther Baumann. Die dunklen ruhigen Arbeiten setzen sich in Beziehung zu tradierten Sujets und Motiven der Malerei oder werden durch literarische Quellen ausgelöst. Zu ihrer besonderen sinnlichen Qualität trägt auch Baumanns Technik bei: Er löst seine Malpigmente in Öl, aber auch in gereinigtem Bienenwachs, wodurch seine Bilder eine besondere Tiefe erlangen. Sehr eindrucksvoll ist ein Zyklus, der auf den Motiven geerbter 6x6-Fotografien basiert, die Baumann in einen zeitbefreiten Kontext stellt. Schade nur, dass der Ausstellungsraum durch seine Gestaltung und Mehrfachnutzung Baumanns Arbeiten ein wenig einengt …

Die BBK Galerie im abraxas mutierte zur »Kunsthalle« und die Bilder hängen diesmal nicht, sondern liegen. In der aktuellen Ausstellung steht der Besucher in einem Meer von verschiedenartigen Tischen, auf denen die Werke präsentiert werden. Diese Tische sind nicht unbedingt Teil des Kunstwerks, aber sie spielen mit ihm zusammen. Gut ist: Der Besucher kann nicht einfach herum schlendern, er muss sich, um die einzelnen Arbeiten zu betrachten, über die Tische beugen. Doch immer steht die Frage im Raum, welche Bedeutung, welchen Anteil der gewählte Tisch hat. Das wirkt manchmal beliebig, manchmal zu dekorativ, zu offensichtlich. Sehr schlüssig und poetisch ist »Im Fluss«, eine Arbeit von Anja Güthoff, die eine 15 Meter lange Federzeichnung mit Fischabdrücken wie unter einem Filmbetrachter laufen lässt.

Das tim schenkt uns eines der Highlights des Jahres. Der japanische Künstler Koho Mori-Newton zeigt dort seine abstrakten, Fläche und Raum erkundenden Arbeiten auf Seide und Papier, die weitgehend auf Farbigkeit verzichten. Das scheint unspektakulär, doch dem Künstler geht es nicht um das reine Ergebnis, sondern um den Prozess und die Frage von Anfang und Ende, er untersucht Kopie und Transformation. Die ruhig-konzentrierten Arbeiten werden durch absichtslos erscheinende Assemblagen kontrastiert: »No Intention« … Mori-Newton hat in Deutschland studiert und sich bewusst von japanischen Traditionen abgesetzt, doch ebenso bewusst zeigt sein Werk die Auseinandersetzung mit eben diesen Traditionen. Raumgreifendes Kernstück der Ausstellung ist der labyrinthische »Path of Silk«, auf dem der Besucher zwischen weich schwingenden bodenlangen Seidenbahnen geht. Der hauchzarte mit Tusche sanft bemalte Stoff lässt das Licht mal mehr mal weniger durch, weht sacht hin und her, Tageszeit und Licht verändern Blick und Wahrnehmung. Ein großartiger Künstler, eine hinreißende Ausstellung. Man lasse sich darauf einfach mal ein – absichtslos …

Christofer Kochs hat das Holbeinhaus im Griff (Foto). Er ist Maler, aber auch Bildhauer, seinem Werk ist durchgängig eine haptisch räumliche Qualität eigen. Kochs ist dem Figurativen verbunden, das im Zentrum seiner Arbeiten steht, doch ist dies auch ein Ausgangspunkt in die Abstraktion, die Geschichten, die seine Bilder erzählen, lassen Raum und sind Raum. Kochs Leinwände sind vielteilig und vielschichtig, Stoffstücke werden aneinander gesetzt, gefaltet, geschichtet, so dass eine feste Grundlage mit Höhen und Tiefen entsteht. Kochs Figuren sind nicht präzise im Raum zu verorten, sie bewegen sich in einem Vexierspiel, in dem Splitter, Linien und Brüche als identifizierbare Objekte ebenso gelesen werden können wie als Abstraktion. Wir sehen Momentaufnahmen, das davor und danach bleiben offen und geriert Verunsicherung, aber auch Freiheiten … Die zurückgenommene Farbpalette wird durch ein wiederkehrendes leuchtendes Gelb eingefangen, das die Grenzen des Bildraumes festlegt und unterlegt. Kochs ergänzt seine Malerei mit kleinformatigen Papierarbeiten. Dazwischen stehen schlanke Skulpturen, die er farbig so fasst, dass ihre Materialität – Holz – unklar wird. Kochs arbeitet mit der Kettensäge, die Skulpturen scheinen wie in einem Schwertkampf abgerungen, Durchstiche und Seitenhiebe schaffen Raum um und innerhalb der Figuren. Eine unbedingt sehenswerte Ausstellung!

Die von John Pawson vor einigen Jahren umgestaltete Moritzkirche wird regelmäßig zum Kunstort, der jetzt anlässlich des 1000-jährigen Ju­bi­läums eine Installation von Karen Irmer beherbergt. Drei Elemente spielen hier zusammen und lassen die Bedeutung von Helligkeit und Dämmerung, Einblick und Ausblick, Sichtbarem und Unsichtbarem erfahren. In der Apsis erscheinen mit der Dämmerung kleine schwebend kreisende Lichtpunkte, die sich als Vögel erweisen, die unter der Kuppel ihre Bahnen ziehen. Dieser Quasi-Blick nach außen bezieht sich auf die Zerstörung des Zweiten Weltkriegs an dieser Stelle. Ein Fenster im rechten Seitenschiff gibt den Blick in einen barocken Wolkenhimmel frei. Doch: Das Fenster ist eine Fotografie, die Wolken sind Wasser und Gischt … In der linken Seitenkapelle blickt der dort Sitzende auf eine sich sacht bewegende Wasserfläche, über der Nebel aufsteigt. Installiert an Stelle des Kruzifix wird die Videoarbeit zum Gegenstand der Kontemplation. Karen Irmer greift mit ruhiger Kraft in den Raum ein, ohne ihn zu dominieren. Wunderbar. Bereichernd.

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