Kunst, Kultur, Heimat

10. Oktober 2018 - 9:32 | Jürgen Kannler

Am 14. Oktober wird der Schwäbische Bezirkstag neu gewählt. Jürgen Reichert, der dem Gremium 15 Jahre als Präsident vorstand und es prägte, tritt nicht mehr zur Wahl an. Ein Interview

In Reicherts Amtszeit erwarb sich der ausgewiesene Sozialpolitiker Respekt über die Parteigrenzen hinweg. Er nutzte das Amt, um seinem Haus ein schärferes Profil zu verleihen, und führte es so in eine neue Ära. Seine besondere Aufmerksamkeit galt von jeher der Kultur, neben sozialen Themen das zweite wichtige Aufgabengebiet der Bezirke. Seine Feststellung »Kultur rechnet sich nicht, aber sie zahlt sich aus« wurde zum geflügelten Wort und er handelte danach. Jürgen Kannler traf sich mit dem Politiker in der Geschäftsstelle des Bezirks im Domviertel zum Gespräch über Kunst, Kultur, Heimat.

a3kultur: Heimat wurde von Ihrem Haus sehr früh als Arbeitsthema erkannt. Sie haben unter anderem eine Definition dazu erarbeiten lassen. Diese betont besonders den Wert des Miteinanders. Wie nehmen Sie die politische Vereinnahmung des Heimatbegriffs, beispielsweise durch die AfD, wahr?

Jürgen Reichert: Der Bezirk ist mit dem Auftrag versehen, Kultur zu gestalten, und Kultur ist eng mit dem Heimatbegriff verbunden. Wer kulturell beheimatet ist, in einem Umfeld lebt, in dem er sich wiederfindet, wo er Freunde und Familie hat, wo er sich engagieren kann, der ist meist auch gefestigt. Kultur ist aber auch ein soziales Präventionsprogramm. Diese Verbindung darf man nicht vergessen. Deswegen habe ich trotz und gerade in schwierigen Finanzzeiten immer gesagt: Wir dürfen das Thema Kultur nicht vernachlässigen. Wenn wir bei der Kultur einsparen, dann werden die Menschen ärmer und damit auch anfälliger für Scharfmacher.

Damit bin ich bei dem Punkt, den Sie angesprochen haben. Ich glaube, eine positive Heimaterfahrung bedeutet auch eine Demokratie­erfah­rung, indem man beispielsweise in seinem Verein mitdiskutiert, Erfolge und Niederlagen miterlebt, all diese Dinge. Das sind erlebte Spielregeln fürs Leben, und diese Spielregeln sind für eine demokratische Entwicklung unabdingbar. Deshalb ist Kulturengagement auch Engagement für das Gemeinwesen, und Heimat ist ein Stück davon.

Jemand, der so gestärkt ist, der braucht die AfD nicht zu fürchten. Und der muss auch den Missbrauch des Heimatbegriffs nicht fürchten. Ich möchte meine Handlungen auch aufgrund des Heimatbegriffs reflektieren, indem ich frage: Woher komme ich? Woher kommt unsere Kultur und wie kann sie sich entwickeln? Was muss ich tun, um Kultur zu erhalten? Wenn man sich diese Fragen bewusst macht, dann glaube ich, hat eine AfD mit ihren Missbrauchsthesen keine Chance.

Sie stehen für Partizipation in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen.

So ist es. Darauf habe ich immer bestanden. Kultur rechnet sich nicht, aber sie zahlt sich aus. Ich habe zwar keine Rendite im Sinne von Euro und Cent. Aber ich habe eine Rendite von zufriedenen Menschen, die sich für diese Gesellschaft solidarisch engagieren.

Diese Rendite konnten Sie, wenn wir bei diesem Bild bleiben wollen, vor Kurzem bei der Wiedereröffnung des Museums Oberschönenfeld erzielen. Diese Investition war nicht zuletzt von Kontinuität bestimmt. Wie schafft man es, dass diese Kontinuität nicht den Forderungen der Tagespolitik geopfert wird?

Das liegt nicht allein in der Verantwortung des Präsidenten, aber er muss die Richtung vorgeben, sagen, was ihm wichtig ist. Kontinuität zu wahren ist die Aufgabe eines Gremiums, von guten Mitarbeitern, sie ist aber auch davon abhängig, Menschen zu motivieren. Oberschönenfeld ist dafür ein gutes Beispiel: eine Ökonomie der Zisterzienserinnen, die vom Abbruch bedroht war. Es war ein hoher Verdienst, auch meines Vorgängers, zu erkennen, dass hier ein besonderer Ort vorliegt, und dann zu sagen, dass man diese Dinge erhalten muss, um Traditionen zu bewahren, aber in dieser Bewahrung auch die Weiterentwicklung zu ermöglichen. Und so hat der Bezirk die Aufgabe übernommen, dieses Gebäude langfristig anzumieten und dort Angebote für Menschen zu schaffen.Der Ort ist letztendlich mit überzeugender Nachhaltigkeit und Transparenz entwickelt worden. Wir haben immer wieder diskutiert, wo die Schwerpunkte liegen, warum was wichtig ist. Diese Offenheit verleiht Sicherheit. Ebenso, dass es einen Beschluss gab, der einstimmig durch alle Parteien hindurch gefällt wurde. Das spricht für die Arbeitsweise des Bezirks und für das sachlich gute Miteinander innerhalb unserer Gremien.

Man kann dann auch finanziell stürmische Zeiten überwinden. Manchmal dauert es eben etwas länger, bis man sein Ziel erreicht hat, man darf es aber nie aus den Augen verlieren. Oberschönenfeld ist in wenigen Jahren komplett runderneuert worden, mit neuer Museumspädagogik, mit neuer Ausstellungskonzeption und vielem mehr. Aber die Arbeit geht weiter. Zum Beispiel mit dem Weiherhof, wo wir ein für Süddeutschland einmaliges Kunst­depot schaffen möchten.

Oberschönenfeld ist ein Publikumsmagnet, der ohne den sonst üblichen touristischen Trubel funktioniert. Auf was kommt es bei diesem Konzept besonders an?

Die Besucher müssen nach Hause gehen und sagen: Es war ein guter Tag. Es ist eine Mischung aus Beständigkeit und bewusst gesetzten Highlights. Und dann zählt natürlich das wunderbare Gesamtambiente. Die Landschaft, die Klosterkirche, die Gastronomie, das Museum und die Galerie, aber auch so einfache Dinge wie der schöne Kräutergarten. Bei einer Untersuchung vor einigen Jahren haben wir festgestellt: Wer einmal in Oberschönenfeld war, der kommt in der Regel noch ein zweites und drittes Mal.Wir wurden auch schon gefragt: Warum wollt ihr auf dieses ruhige Zisterziensergelände so viele Besucher locken und die Ruhe dort stören? Aber ich bin in sehr gutem Austausch und Kontakt mit den Schwestern. Natürlich haben sie ein Selbstverständnis als kontemplativer Orden. Aber sie sagen auch: Von uns redet kein Mensch, wenn ihr nicht das Angebot drumherum macht.

Des Thema Oberschönenfeld ist noch nicht zu Ende erzählt. Die Geschichte wird weitergehen, Stichwort Weiherhof. Was meinen Sie – wie wird dieses Projekt in zehn Jahren aussehen?

Da habe ich folgendes Bild vor mir: Der Stadl ist zu einem Kunstdepot ausgebaut worden, für den 30 bis 40 hochrangige Künstler aus Schwaben oder vielleicht auch darüber hinaus dem Bezirk ihre Werke anvertraut haben. Es wird dort die Möglichkeit zur Forschung geben. Die Kunst wird der Öffentlichkeit gezeigt und somit das Lebenswerk der Künstler gewürdigt. Es wird ein Haus sein, in dem viel Leben ist. Es werden dort Workshops stattfinden, Seminarräume entstehen und Appartements auf Zeit für Studenten, die dort ihre Abschlussarbeiten schreiben. Wir werden zwischen Kloster und Weiherhof einen Skulpturenweg errichten. Beide Orte werden eine Einheit bilden.

Ist es ein bitterer Schritt für Sie, nach 15 Jahren in die zweite Reihe zu wechseln?

Es gibt in diesem Amt keine zweite Reihe. Wenn ich gehe, bin ich weg. Aber ich weiß, was Sie meinen. Nein, ich verspüre keine Bitterkeit, wohl auch weil ich eine positive Bilanz ziehen kann. Wie andere meine Arbeit bewerten oder in Zukunft bewerten werden, ist ein anderes Thema. Es ist alles gerichtet, jetzt machen andere weiter und setzen neue Akzente. Junge Leute müssen das auch so machen, dafür ist die nächste Generation da. Aber ich bin gelassen, wenn es um die Zukunft des Bezirks geht. Er wird heute wesentlich stärker wahrgenommen als noch zu Beginn meiner Amtszeit. Das ist ein gutes Ergebnis.

www.bezirk-schwaben.de

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