Die Kunstrunde ...

Kathrin Ganser_performanzen_höhmannhaus Augsburg 2019
1. März 2019 - 8:03 | Bettina Kohlen

... empfiehlt dieses Mal Ausstellungen in Gersthofen, Marktoberdorf, München, Augsburg und Burgrieden.

Im Ballonmuseum Gersthofen gibt es neben der sehenswerten Dauerausstellung rund um das Ballonfahren immer wieder zeitgenössische Kunst zu sehen. Der Bildhauer Norbert Schessl, Träger des Gersthofer Kunstpreises 2018, muss nach langer Zeit seine Werkstatt räumen und nahm diesen Anlass als Ausgangspunkt für seine skulpturalen Überlegungen, die aus einem Ordnungsprinzip zu Schichtungen führen, die sowohl eine archivalische Qualität zeigen, vor allem aber modular angelegte ästhetische und raumgebende Strukturen erzeugen. Die aus geschnittenem Stein und Holzpaletten sorgfältig geschichteten Objekte sind neben vereinzelten Ballonmuseum-Exponaten platziert – das wirkt wie übergangsweise zufällig abgestellt, zunächst irritierend, aber unbedingt schlüssig. Norbert Schessl, der im letzten Jahr eine Einzelpräsentation im Höhmannhaus hatte, wird im Sommer im Rahmen des Westchorprojektes der Moritzkirche auf dem Moritzplatz einen steinernen Tisch installieren.

Ähnlich systematisch wirken die Wandobjekte, die der Schweizer Künstler Daniel Spoerri derzeit im Künstlerhaus Marktoberdorf zeigt. Sorgfältig und ordentlich sind Küchenwerkzeuge eines Bistros auf einer Platte fixiert. Sie geben Auskunft über das Arbeiten. Wie es nach dem Essen aussieht, zeigen aufgehängte Tischplatten, auf denen als Momentaufnahme leergegessene Teller, Gläser und Brotstücke fixiert sind. Essen und Kochen sind für Spoerri wesentliche Elemente des Lebenszyklus. Die Fotografin Vera Mercer, ehemals mit Spoerri verbandelt, feiert ein barockes Fest in großformatigen Farbfotografien. Sie inszeniert Gemüse, Fleisch, Fisch, Blumen, Glas und Silber zu hochästhetischen Stillleben. Doch auf den zweiten Blick erweist sich die zelebrierte Schönheit als trügerisch, die Proportionen passen nicht immer, da liegt ein Riesengemüse vor einem winzigen Tierschädel. Die zunächst wie Objektarrangements wirkenden Arbeiten sind offenbar am Rechner vollendet, die Künstlichkeit wird so unterstrichen. Mercer stellt hier einen unübersehbaren Bezug zur niederländischen Tradition der Stillleben-Malerei her, die keineswegs ein Abbild der Realität waren, sondern symbolisch zu verstehen sind. Sehenswert!

Die Münchner Museumslandschaft ist so breit gefächert, dass der Suchende immer was findet. Wie wäre es mit der Kunsthalle, die sich auf opulente publikumswirksame Schauen spezialisiert hat? Jetzt wird dort Einblick in das japanische Rittertum gewährt. Mit fabelhaften Rüstungen aus verschiedenen Jahrhunderten wird die Kultur der Samurai erläutert. Ja, die Kunstfertigkeit der Objekte steht im Vordergrund, dennoch erfährt man darüber hinaus einiges zur historischen Einordnung der Samurai in die japanische Gesellschaft.

Zeitgenössische japanische Kunst zeigt ab April das Museum fünf Kontinente, das Papierinstallationen von Koji Shibazaki inszeniert. Unbedingt ansehen sollte man dort auch eine Ausstellung, die sich mit ethnografischen Fotografien auseinandersetzt und unser Verhältnis zum »Anderen« auf verschiedene Weise hinterfragt.

Der Umgang mit Bildern hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Wem gehören Bilder? Wie verändern sie unseren Blick? Und vor allem: Ändern sie die Welt? Digitale Bilder machen aufmerksam auf die Beziehung von Realität und Vorstellung, schaffen Räume und Wirklichkeiten. Im Höhmannhaus untersucht Kathrin Ganser in ihren fotografischen Arbeiten Raumwahrnehmung. Sie konstruiert Faltungen, wechselt Stand- und Blickpunkte, fragt nach »Raumbild und Bildraum«. Ihre Arbeiten überschreiten so die ursprüngliche Zweidimensionalität. Die Kunst Gansers, die auch kunsttheoretisch arbeitet, erschließt sich nicht immer sofort, ein wenig nachdenken lohnt. Sperrig, aber überzeugend.

Unsere Beziehung zu Bildern thematisieren auch zwei Ausstellungen im Museum Villa Rot in Burgrieden (Landkreis Biberach, Baden-Württemberg). Meisterwerke der Kunstgeschichte sind heute überall und jederzeit visuell verfügbar, sie werden so auch zum Werkstoff neuer Kunst. 17 Künstler setzen sich mit Inhalt und Geschichte einiger bedeutender Kunstwerke auseinander und spüren diesen auf ganz unterschiedliche Weise nach. Kontrastierend befasst sich »Pirating Presence« mit der künstlerischen Aneignung massenmedialer und popkultureller Inhalte von heute, die im Gegensatz zu den hinterfragten Arbeiten aus der Kunstgeschichte keine Produkte des Handwerks sind. Und nach dem Ausstellungsbesuch kann man in der Villa Rot im Biedermeier-Ambiente des Museumscafés sehr nett Kuchen essen …

www.ballonmuseum-gersthofen.de
Inventarturm. Werke von Norbert Schessl | bis 24. März

www.kuenstlerhaus-marktoberdorf.de
Aufgetischt! Vera Mercer und Daniel Spoerri | bis 19. Mai

www.kunsthalle-muc.de
Samurai. Pracht des japanischen Rittertums | bis 30. Juni

www.museum-fuenf-kontinente.de
Fragende Blicke. Neun Zugänge zu ethnografischen Fotografien | bis 31. Juni
Schatten. Licht. Struktur. Papierinstallationen von Koji Shibazaki | 5. April bis 22. September

www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de
Kathrin Ganser: Performanzen | bis 28. April

www.villa-rot.de
Inspiration Meisterwerk & Pirating Presence | 3. März bis 10. Juni


Abbildung: Kathrin Ganser – untitled (Aux2), aus dem Archiv »Digitale Ruinen«, 2018, Foto: Kathrin Ganser & VG Bild-Kunst

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