Kunstvolle Möglichkeiten

27. Januar 2020 - 15:32 | Bettina Kohlen

Eine breite Auswahl an Ausstellungen in Karlsruhe, München und Augsburg. Spätgotik und Weltraumfantasie, Schuhe oder Tapisserien: Kunst und Meisterschaft zeigen sich in vielen Spielarten

Hans Baldung Grien, Zeitgenosse Dürers, war einer der eigenwilligsten Künstler seiner Zeit. Das ganze Spektrum seiner Kunst kann man zur Zeit in der Kunsthalle Karlsruhe durchwandern. Der Künstler widmete sich religiösen Sujets ebenso wie weltlichen, er malte, zeichnete und fertigte Holzschnitte – hierin ist er ganz Kind seiner Zeit. Doch Grien entwickelte nach spätgotischen Anfängen im Laufe der Jahre seinen ganz persönlichen und mitunter ziemlich schrägen Manierismus, der sein Werk einzigartig macht. Die Karlsruhe Retrospektive – die erste seit 60 Jahren – ermöglicht einen vollständigen und umfangreichen Einblick in das Schaffen dieses Künstlers, wobei die Gegenüberstellung mit Werken seiner Zeitgenossen Griens Brisanz deutlich macht. Es schadet also nicht, seine Aufmerksamkeit auch mal auf die Kunst vergangener Jahrhunderte zu richten, kann auch erhellend sein, um mit der Kunst der Gegenwart klar zu kommen …

Hans Baldung Grien: heilig/unheilig | bis 8. März 2020
www.kunsthalle-karlsruhe.de

Die Ausstellungen in der Kunsthalle München lenken immer wieder den Blick auf Kunst, die lange Zeit nicht im Fokus war, wie beispielsweise vor zwei Jahren die Salonkunst des 19. Jahrhunderts. Aktuell werden die »Fäden der Moderne« thematisiert, genauer gesagt französische Gobelins, eine Webart, deren Name auf die im 17. Jahrhundert begründete Tapisserie-Manufaktur zurückgeht. In einem überraschenden Überblick wird gezeigt, dass Wandteppiche nicht nur einst Burgen und Schlösser zierten und wärmten, sondern auch im 20. und 21. Jahrhundert eine Rolle spielen.

Gobelins wurden auch als repräsentative Botschafter eingesetzt, die das französische Selbstverständnis der Zwischenkriegszeit veranschaulichen, wie »der Mekong« oder eine Darstellung des Marschall Pétain, komplett mit Schimmel in napoleonischer Manier. Die staatliche Gobelin-Manufaktur fertigte während der deutschen Besatzung einen ebenfalls gezeigten monströs großen Bildteppich für Hermann Göring, der in Carinhall eine komplette Wand hätte bedecken sollen. In den nicht-staatlichen Ateliers in Aubusson konnten hingegen Projekte im Kontext des Widerstandes realisiert werden. Nach dem Krieg wurde explizit auf die Zusammenarbeit mit wichtigen zeitgenössischen Künstlern gesetzt, die eigens Entwürfe schufen, die die Besonderheiten der Tapisserie einbezogen und kongenial von den Weber*innen in Wandteppiche verwandelt wurden. Aufregende großformatige Wandkunst ist hier in großer Fülle zu sehen, wobei das Spektrum von Matisse über Picasso, Calder und Le Corbusier bis zu Sonia Delaunay und Victor Vasarely reicht. Tapisserien sind aber keinesfalls passé, wie viele Beispiele textiler Gegenwartskunst beweisen. Das Verblüffende und Irritierende dieser besonderen und hochkomplexen Kunstform ist die teilweise malerische Anmutung, die erst in der Annäherung ihren Webstuhl-Ursprung offenlegt und taktile Begehrlichkeiten weckt. Anfassen ist aber nicht erlaubt …

Die Fäden der Moderne. Matisse, Picasso Miró… und die französischen Gobelins | bis 8. März
www.kunsthalle-muc.de

Nächste Station ist das Münchner Stadtmuseum, wo anhand von rund 500 Paar Schuhen verschiedene Aspekte der Fußbekleidung beleuchtet werden. Neben einer chonologisch-historischen Abhandlung spielen spezielle Schuhe für unterschiedliche Aufgaben eine Rolle. Schuhe sind Machtsymbol oder Erkennungszeichen, aber auch Funktionskleidung und modisches Accessoire. Leider reihen sich die mannigfaltigen Betrachtungsweisen etwas uninspiriert einfach von Vitrine zu Vitrine irgendwie aneinander, so dass die Besucher*in sich in einem Schaudepot wähnt. Zum Trost für alle Schuh-Freaks sei gesagt, dass man auch einfach in der schieren Menge der Exponate schwelgen kann, die neben Alltagsschuhwerk auch 35 Objekte von Künstler*innen wie Kobi Levi zu bieten hat.

ready to go! Schuhe bewegen | bis 21. Juni
www.muenchner-stadtmuseum.de

Im Augsburger Diözesanmuseum ist noch für einige Tage der »Zyklus Birkenau« von Gerhard Richter zu sehen. Ausgangspunkt dieser Arbeit sind vier Fotografien von 1944 aus dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, die der Häftling Alberto Errera aufgenommen und herausgeschmuggelt hat. Der französische Kunsthistoriker Georges Didi-Huberman hat sich 2004 mit diesen Aufnahmen in seinem Buch »Images malgré tout« auseinandergesetzt (Dt. »Bilder trotz allem«, München, 2007). Dieses Buch wurde für Richter zum Auslöser eines vierteiligen Bilderzyklus’, der bewusst in einer Fotofassung gezeigt wird. Die ursprünglichen Fotodokumente werden hier zu einer Grundlage, die Richter mit einer Vielzahl verwischter Farbschichten überdeckt und verschleiert. Ohne Kenntnis der Situation verweigert sich die abstrakte Arbeit dem Erkennen und auch der Deutung, Wissen und Erinnerung werden so zu einem wesentlichen Aspekt des Konzeptes. Richters Zyklus von 2014 wurde seit der ersten Präsentation kontrovers diskutiert, im Mittelpunkt steht dabei die Frage, ob und wie das Unbeschreibliche des Holocaust dargestellt werden kann und darf.

Gerhard Richter. Zyklus Birkenau | bis 2. Februar
www.museum-st-afra.de

Ernst Bloch beschreibt in »Das Prinzip Hoffnung« Heimat als »etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war«. Diese spezielle Utopie des Herkommens lässt sich nun in der Neuen Galerie im Höhmannhaus in den Werkserien »Kleinstadt« der Fotograf*innen Ute und Werner Mahler und »Hinterland« von Hans-Christian Schlink erkennen, die lakonisch das irgendwie Öde, Unspektakuläre der Provinz in den Fokus rücken.

Kein schöner Land | Neue Galerie im Höhmannhaus | bis 15. März
www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de

Im Pavillon an der Bergstraße widmet sich der fotodiskurs dem sphärischen Erstaunen und Erkunden. Wunderkammer-Objekte von Anja Güthoff treten in einen Dialog mit den fotografischen Weltraumbildern der NASA. Hubble meets Jules Verne …

luna X | 9. bis 16. Februar | Eröffnung: 8. Februar, 11 Uhr
www.fotodiskurs.info

augsburg contemporary, ebenfalls in der Bergstraße, beginnt das Ausstellungsjahr mit der konzentrierten Präsentation dreier Künstler*innen. Monica Hubers Schnee-Bild verrätselt den Bildgrund durch das partielle Abdecken und Hintermalen der darunter liegenden Leinwand. Marc Peschkes fotografische Collagen schaffen Kuben, die sich als Vexierbilder zwischen Fläche und Raum bewegen. Alessia von Mallinckrodts Installation kommentiert und transformiert eine karge Natur – Raum und Fläche, Natur und Konstruktion werden durch Malerei und Keramik poetisch miteinander in Beziehung gesetzt.

betwixt and between | bis 9. Februar
www.augsburg-contemporary.de

Bevor der neue Betreiber Cyprian Brenner die Ecke Galerie übernimmt, präsentiert das bisherige Team Günther Baumann, Ulo Florack und Maximiliane Umlauf die beiden in Augsburg gut vernetzten Künstler Georg Kleber und Gerhard Fauser, wobei ersterem die große Schau gewidmet ist, die nicht nur Bilder und Plastiken bietet, sondern auch in Zusammenarbeit mit dem Keramiker Jochen Rüth entstandene Vasen. Fauser bespielt das Entrée mit seinen blinkenden multimedialen Collagen – Guckkastenbühnen im Miniformat.

Georg Kleber – Bilder und Plastiken, Gerhard Fauser – Find The Point | bis 15. Februar
www.eckegalerie.de

Abbildung: Ute Mahler & Werner Mahler, Ostkreuz, Serie Kleinstadt, 2015–18. Foto: Ute/Werner Mahler, zu sehen im Höhmannhaus

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