Langeweile – fast schon virtuos ausgereizt

13. Januar 2020 - 14:32 | Renate Baumiller-Guggenberger

Die deutschsprachige Erstaufführung »Bovary, ein Fall von Schwärmerei« machte als Cover-Version des Romans von Gustave Flaubert in der Brechtbühne im Ofenhaus die Langeweile zur Regiemethode und in jedem Fall Lust darauf, das Original wieder einmal zu lesen.

Es dauerte doch »nur« 75 Minuten! In Anwesenheit der kroatischen Autorin Ivana Sajko ging am Samstagabend mit »Bovary, ein Fall von Schwärmerei« eine deutschsprachige Erstaufführung über die Brechtbühne, an deren Ende man ziemlich erschöpft und ratlos war. Trotz eines ansprechend gestalteten Bühnenkonzepts inklusive Video (Miriam Busch und Stefanie Sixt), das mit Farb- und Bildsymbolik nicht geizte, erschloss sich der Mehrwert der theatralen Überschreibung  des berühmten und zu seiner Entstehungszeit extrem angefeindeten Romanklassikers von Gustave Flaubert in unsere Jetztzeit hinein nicht wirklich. Als gäbe es keinen opulenten Bestand an Bühnenwerken, die Charaktere und Themen bereitstellen, die auch für 2020 spannungsreichere Identifikation ermöglichen und/oder weltbewegende Inhalte für das Gegenwartstheater bereithalten!? Will denn wirklich niemand mehr lieber selber lesen als Romanadaptionen im Theater anzusehen?

Selbst das Bedürfnis, neben dem Produktionsteam zumindest die beachtliche Textleistung des Darstellersextetts Ute Fiedler, Klaus Müller, Jeanne Devos, Roman Pertl, Thomas Prazak und Karoline Stegemann zu würdigen, schien bei vielen Zuschauern auf ein höfliches (Premieren)-Minimum reduziert. Im weißen Uni-Look agierte das Ensemble choreografisch animiert und eher kommentierend, wurde »entgendert« und teilte sich so die Figuren und die Sprechpassagen. Das Sextett sprach chorisch, mono- oder dialogisierte, riss nicht chronologisch die schicksalhaften Begegnungen und Ereignisse an, an deren Ende unausweichlich Emma Bovarys Selbstmord als einziger Ausweg aus einem Leben bleibt, in dem sie auf die falschen Männer gesetzt hat. Bewusst alles in meist emotionsfreier Manier, was für den Zuschauer auf Dauer anstrengend war, wenig involvierte und nicht selten einfach zu »bemüht« wirkte.

Wo man andernorts bei performativen Regiekonzepten gerne mal irritiert feststellt, dass der Wahnsinn Methode hat, war es in der als Cover definierten Bovary-Adaption in der Regie von Nicole Schneiderbauer definitiv die Langeweile, die fast schon virtuos ausgereizt wurde. Bereits der Beginn machte die Momente der Langeweile körperlich spürbar, wenn erst einmal lange gar nichts passiert: Niemand wagt den ersten entscheidenden Schritt ins verhängnisvolle Spiel um Sein und Schein. In der Tat ist die Langeweile eines der Phänomene, das die kroatische, mehrfach ausgezeichnete Dramatikerin und Autorin Ivana Sajko (Jahrgang 1975) bei der Auseinandersetzung mit Flauberts berühmter Romanheldin Emma Bovary reizte. Daneben kristallisierte sich recht vage die Konsumsucht heraus sowie insbesondere die fatale Tendenz, sich an fiktiven Weltentwürfen zu orientieren. Emma Bovary und womöglich wir alle (falls das als eine Art Message durchgehen soll) werden zu Opfern unserer Vorstellungsgabe, werden manipuliert von der idealisierten Scheinwelt, machen die Sehnsüchte zum Mittel eines nicht nach Wunsch gelingenden Daseins.

Als wirklich originelle Einführung oder Alternative empfiehlt sich die Romanlektüre und/oder für Eilige unbedingt das Youtube-Video »Madame Bovary to go (Flaubert in 10,5 Minuten)« –  von »Sommers Weltliteratur to go«.

Weitere Aufführungstermine unter: www.staatstheater-augsburg.de/bovary_ein_fall_von_schwarmerei_dse 

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