Lasst die Puppen tanzen

10. März 2018 - 11:39 | Gast

2018 feiert die Augsburger Puppenkiste ihren 70. Geburtstag. Klaus Marschall, heute Leiter der wohl berühmtesten Marionettenbühne Deutschlands, zog bereits 1973 die Fäden.

Von Florian Pittroff

Da sitzen wir nun im Café der Augsburger Puppenkiste in der Spitalgasse und trinken Cappuccino. Der Grund: Die Augsburger Puppenkiste wird heuer 70 Jahre alt. Und weil Klaus Marschall und ich seit vielen Jahren befreundet sind, geht es in dem Gespräch um alte Zeiten, darum, wie alles begann, wie wir unsere Liebe zur Augsburger Puppenkiste entdeckten, wie Klaus sich die ersten Sporen als Puppenspieler verdiente, ich seit dieser Zeit auch immer gerne Puppenspieler geworden wäre, nun aber als Journalist arbeite.

Bevor Klaus 1992 die Leitung der Augsburger Puppenkiste in dritter Generation übernahm, zeigte er viele Jahre sein Können als Puppenspieler in der Augsburger Puppenkiste und in der Stadtberger Puppenkiste. Jawohl, Stadtberger Puppenkiste. Sie haben schon richtig gelesen.

1973, es muss ein langweiliger Tag gewesen sein, so genau wissen wir – also Klaus Marschall und meine Wenigkeit – auch nicht mehr, was da vor mehr als vier Jahrzehnten passiert ist. Auf alle Fälle haben wir der Mutter von Klaus ab und zu über die Schulter geschaut, als sie gerade wieder aus einem rohen Holzklotz flink und gekonnt Puppenköpfe, -arme und -beine für die neueste Produktion der Augsburger Puppenkiste schnitzte. Wahrscheinlich ging es Hannelore Marschall ein bisschen auf die Nerven, dass wir sie von der Arbeit abhielten, und so hatte irgendjemand wohl den glorreichen Gedanken, dass doch im Keller ein kleines, in Einzelteile zerlegtes, verpacktes und verstaubtes Marionettentheater stehen müsste. Walter Oehmichen, der Großvater von Klaus, hatte es während des Krieges für seine Töchter Hannelore und Ulla gebaut, damit diese in der Kinderlandverschickung in Füssen was zu tun hatten.

Die kleine Schwester der Augsburger Puppenkiste: Stadtberger Puppenkiste

Und wirklich, da war es noch – wir machten uns auch gleich daran, das Theater zum Leben zu erwecken. Das Zusammenschrauben und Montieren hatte was von IKEA: 186 Schrauben, 207 Muttern, Winkeleisen und Holzleisten. Aber nach einem Tag stand die Bühne. Rose Oehmichen, die Großmutter von Klaus, nähte noch einen roten Samtvorhang, und dann war sie fertig, die kleine Schwester der Augsburger Puppenkiste: die Stadtberger Puppenkiste.

Das erste Stück war dann direkt ein Kabarett – ganz nach dem Vorbild des Silvesterkabaretts der Augsburger Puppenkiste, versteht sich. Die Sketche und Szenen haben wir uns selbst ausgedacht. Die Figuren wurden aus Resten der Puppenwerkstatt selbst gebastelt. Nach langen Wochen des Kulissenbauens, der schwierigen Regiearbeit, des Marionettenführens, des Fädenentwirrens und der tatkräftigen Unterstützung von den Eltern von Klaus stand der Premiere nichts mehr im Wege.

Tja, und dann war er da, der Premierensonntag, »eng verbunden mit Appetit- und Ruhelosigkeit«, erinnert sich Klaus Marschall mit einem Schmunzeln. Da wollten auch die beruhigenden Worte von seinem Vater Hanns-Joachim Marschall nichts nützen. Geladen waren Eltern, Verwandte, Bekannte und die Macher des großen Bruders aus der Spitalgasse, wie zum Beispiel Manfred Jenning, Hausautor, Spielleiter und Regisseur, Margot Schellemann und natürlich Rose und Walter Oehmichen, Herr und Frau Marschall sowie meine Eltern. Alles verlief gut. Ob es allerdings eine Premierenfeier gab, daran kann ich mich nicht mehr erinnern und auch der heutige Theaterleiter Klaus Marschall weiß davon nichts mehr.

Die Bekannten brachten Verwandte mit, die erzählten es ihren Freunden, und irgendwie saß im Publikum jemand, der wiederum jemanden kannte, der sich in der Altenpflege engagierte. Es folgten Gastspiele in Pfarreien und Kindergärten in und um Augsburg. Und da war sie wieder, die Nervosität. Aber als Walter Oehmichen von seinem Tourneetheater erzählte und dass Lampenfieber dazugehört, wurde das Theater eingepackt, die Figuren und Requisiten kamen in einen Koffer, und los ging es zu Senioren und Kindern.

Neben dem Klassiker »Kabarett« folgten Stücke mit so skurrilen Namen wie »Das Zeitalter« und »Schnubbel und Bubbel«. In Ersterem ging es um die Steinzeit. Vorbild waren die »Steinzeitkinder« der Augsburger Puppenkiste. Um was es in »Schnubbel und Bubbel« ging? Wir müssen wieder beide schmunzeln. Leider können sich weder Klaus noch ich an den Inhalt dieses Stückes erinnern.

Zur Weihnachtszeit kam Klaus dann auf die Idee, doch mal eine Weihnachtsgeschichte zu spielen. Daraufhin habe ich meine Schallplatte von »Onkel Poppoff und die Weihnacht der Tiere« ausgegraben – der ein oder andere wird sie noch kennen. Wir waren alle sofort begeistert und Klaus hat daraus eine Geschichte für die Stadtberger Puppenkiste gemacht.

Unsere Eltern und Verwandten saßen gebannt vor dem Bildschirm, als würden das Urmel oder der Löwe ausgestrahlt

Stücke inszenieren, das macht er ja heute noch, und so bot es sich bei unserem Interviewtermin an, doch mal nach der »Dreigroschenoper« zu fragen. Warum wird sie denn nicht mehr aufgeführt? »In der alten Inszenierung brauchten wir 14 Puppenspieler«, erläutert der heutige Theaterleiter die Gründe. »Im Übrigen war Brecht zu Zeiten meines Großvaters in Augsburg noch verpönt.« Walter Oehmichen war ein Brechtfreund und wollte den Augsburgern Brecht nahebringen. Heute läuft »Die Dreigroschenoper« in vielen Theatern im deutschsprachigen Raum – warum also auch noch in der Puppenkiste? Leuchtet irgendwie ein.

Aber zurück zu Weihnachten und Onkel Poppoff. Weil alles rundlief, schlug unser dritter Mann, Michael Offenbartl, vor, doch in der Weihnachtszeit mal für die Nachbarn zu spielen. Also gingen wir von Haus zu Haus und luden sämtliche Nachbarn zur Weihnachtsvorstellung ein. Am Nachmittag des Heiligen Abends 1973 kamen die Besucher in Scharen. »Zu den drei Vorstellungen stiegen jeweils 20 bis 25 Personen durch die weihnachtlich geschmückte Wohnung in den Dachboden in unseren Theaterraum«, erinnert sich Klaus. Wir hatten einen Hut aufgestellt und auf Anraten der Eltern spendeten wir das eingenommene Geld – mehr oder weniger freiwillig – an die Aktion Sorgenkind. Rund 300 DM hatten sich bis zum Abend in dem aufgestellten Hut gesammelt. Die Aktion Sorgenkind kürte unsere Initiative damals zur Kinderspende des Monats. Wir wurden zu Fernsehaufnahmen nach Wiesbaden eingeladen, und weil wir alle noch echte Knirpse waren, fuhr die Mutter von Klaus – quasi als Begleitperson – mit in die Taunusstudios. Als Dank gab es für uns den »Silbernen Wum«. Sie erinnern sich? Wum und Wendelin von »3 × 9« mit Wim Thoelke. Und so viel kann man auch viele Jahre später sagen: Wir waren mächtig stolz auf uns. Nach drei Tagen ging es dann wieder zurück nach Augsburg.

Am Ostersonntag 1974 liefen dann im TV Ausschnitte aus unserer neuesten Produktion »Onkel Poppoff und die Regenjule«. Natürlich saßen unsere Eltern und Verwandten genauso gebannt vor dem Bildschirm, als würden das Urmel oder der Löwe ausgestrahlt.

Tja, und dann, irgendwann, wann genau weiß keiner von uns mehr so recht, war es mit der Stadtberger Puppenkiste zu Ende. Schulterzucken bei Klaus Marschall: »Keine Ahnung, wie das kam« – und ehrlich gesagt weiß ich das auch nicht mehr. Vielleicht ließen Klaus und ich dann andere Puppen tanzen!

Foto, von links: Das Team der Stadtberger Puppenkiste in Aktion – Michael Offenbartl, Klaus Marschall  und Florian Pittroff.


Kleine Stars an Fäden

Kater Mikesch, Urmel, Jim Knopf und Co: Im Puppentheatermuseum »Die Kiste« sind auf über 600 Quadratmetern all die berühmten Marionetten der Augsburger Puppenkiste in ihrer »natürlichen Umgebung« zu bewundern. Besucher*innen können in die Welt der kleinen Stars eintauchen, die fantasievollen Details studieren und die Szenerie vor ihrem geistigen Auge lebendig werden lassen. Freilich ist auch einiges über die Macher des Marionettentheaters zu erfahren. »Von Wünschen und Verwünschungen – Eine Reise in die Welt der Feen, Hexen und Zauberer« heißt die aktuelle Sonderausstellung, in der das Museum in die Welt des Wünschens zwischen märchenhaften Vorstellungen und Alltagswelt entführt. Exponate der Augsburger Puppenkiste, nationaler Figurentheater aus Bautzen, Schwäbisch Hall, München oder Krailling sowie internationaler Leihgeber aus Großbritannien, Österreich und Spanien erzählen von verfluchten Prinzessinnen und verwunschenen Fischprinzen. Zu sehen noch bis zum 18. März. Den aktuellen Spielplan der Augsburger Puppenkiste, unter anderem mit den »Bremer Stadtmusikanten« und der »kleinen Hexe«, finden Sie unter:

www.diekiste.net

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