»Das Leben ist ein Lernprozess«

13. September 2018 - 11:13 | Dieter Ferdinand

In diesem Jahr begeht der Assyrische Mesopotamien Verein Augsburg das Jubiläum seines 40-jährigen Bestehens

In den 1960ern flohen viele Assyrer*innen vor Unterdrückung und Diskriminierung nach Deutschland. Ihre Anzahl stieg auch in Augsburg stetig, so dass ein kulturelles Zentrum als Begegnungsstätte angestrebt wurde. Dazu fand am 28. Oktober 1978 die Gründung des Assyrischen Mesopotamien Vereins Augsburg statt.

Die Feierlichkeiten zum Jubiläum des über 400 Mitglieder zählenden Vereins begannen mit dem Neujahrsfest am 22. April 2018, zum Beginn des Jahres 6768 nach assyrischer Zeitrechnung. Ein umfassendes Festprogramm wurde über Pfingsten geboten. Der Mesopotamien Verein hat seit dem Jahr 2000 sein Domizil in Oberhausen. Vorsitzender Aziz Akcan erläuterte beim Neujahrsfest: Der Verein ist »ein Ort der Begegnung für alle Generationen nicht nur des assyrischen Volkes, sondern auch für die Augsburger Bürgerinnen und Bürger«. Er versteht sich als überkonfessionell und nicht nur als Organisation der syrisch-orthodoxen Christen aus dem Tur Abdin am Oberlauf des Tigris im Südosten der Türkei. Durch vielfältige Aktivitäten sozialer, kultureller und sportlicher Art werden der Zusammenhalt nach innen und die Ausstrahlung nach außen ermöglicht. Es gibt u. a. eine Jugend-, eine Folklore-, eine Frauen- und eine Seniorengruppe. Sehr geschätzt und viel gefragt ist auch die Kochkunst der Assyrer*innen. Akcan nannte als Betätigungsfelder die Interkulturelle Akademie und ein Patenschaftsprojekt, durch das ehrenamtliche Helfer geflüchtete Menschen unterstützen sowie den Dolmetscherpool Babel im Rahmen des Projekts »Willkommens- und Anerkennungskultur in Augsburg«. Der Verein ist »weltoffen, freiheitlich und zukunftsorientiert ausgerichtet«. Auch auf Missstände in den Heimatländern der Assyrer*innen wird aufmerksam gemacht.

Ein Gründungsmitglied des Mesopotamien Vereins ist der durch sein vielfältiges Engagement geschätzte Gebro Aydin (Foto links). Im Gespräch stellt er fest: »Zuerst kommt der Mensch. Es ist die private Angelegenheit jedes Einzelnen, welcher Religion oder sonstigen Überzeugung er angehört. Wir müssen einander geduldig zuhören. Unterschiedliche Auffassungen sind zu akzeptieren, auch wenn man sie nicht teilt. Es geht darum, den anderen Menschen zu verstehen. Das heißt nicht, dass man alles tolerieren kann.« Gebro Aydin wurde 1955 im Tur Abdin im Südosten der Türkei (Foto oben: assyrisches Dorf im Tur Abdin, Quelle: Wikipedia) geboren und lernte in Istanbul das Schneiderhandwerk. Seit 1972 lebt er in Augsburg und arbeitet als Landschaftsgärtner. Hier war er lange Vorstandsmitglied des Mesopotamien Vereins und Mitglied des damaligen Ausländerbeirats.

Von Augsburg aus verfolgt er mit wachem Herzen alles, was sich in seiner früheren Heimat zuträgt. Lange Zeit kam die christliche Minderheit bei den Auseinandersetzungen zwischen Regierung und Kurden unter die Räder. Im Tur Abdin gibt es sehr viele syrisch-orthodoxe Klöster, die immer wieder bedroht sind von Verstaatlichung und Entweihung. Die Assyrer werden nicht wie andere Minderheiten als eigenes Volk anerkannt. Insgesamt hat sich ihre Lage etwas verbessert, aber es leben nur noch rund 3.000 Menschen dort.

Die Mitglieder des in vielen Ländern lebenden assyrischen Volks sind aktiv in der Friedensarbeit engagiert. Die Erkenntnis, dass Hass nur wieder Hass erzeugt, ist ein mächtiger Antrieb, sich für den Frieden in der Welt und für Völkerverständigung einzusetzen. So hält es auch der Assyrische Mesopotamien Verein in Augsburg. Sein entschiedener und überzeugender Einsatz für das friedliche Zusammenleben in der Stadt ist in der Stadtgesellschaft und der Politik anerkannt. Gebro Aydin ist hier ein Vorkämpfer und Vorbild. Für sein breites Engagement wurde er am 9. Dezember 2005 durch den damaligen Oberbürgermeister Paul Wengert mit der Verdienstmedaille »Für Augsburg« ausgezeichnet.

Zentral für sein kulturelles Engagement ist die Theaterarbeit. Die Theatergruppe führte bereits einige Stücke auf. »Gilgamesch«, das älteste Epos der Welt, reichte weit zurück. »Babylon« verwies auf die Herkunft aus dem Zweistromland, »Garten Eden« behandelte den Verlust des Paradieses und seine Folgen.

Noch einmal unterstreicht Gebro Aydin, was ihm wichtig ist: »Alles ist Lernprozess: Zuhören, Warten, Unterscheiden. Das ganze Leben ist ein Lernprozess.«


Die Abschlussfeier zum Jubiläum »40 Jahre Assyrischer Mesopotamien Verein Augsburg« findet am Samstag, 20. Oktober, statt. Linda George, Sängerin aus den USA, wird als Gast auftreten. Es gibt Live-Musik und Tanz sowie Essen und Getränke. Ort der Feier ist das Eventcenter in Königsbrunn, Germanenstraße 13. Um 19 Uhr beginnt der Einlass, um 20 Uhr die Feier. Der Eintritt beträgt 20 Euro, für Kinder 15 Euro. Erreichbar ist das Eventcenter mit dem AVV-Bus 733, Haltestelle Hunnenstraße (Königsplatz ab mit Linie 2 um 17:02 Uhr, in Haunstetten Nord umsteigen in AVV-Linie 733, Ankunft 17:35 Uhr oder eine Stunde später), der Verein weist auch auf freie Parkplätze hin.

www.bethnahrin.de

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