Das Leben wohnt im Herzen

14. November 2017 - 14:21 | Renate Baumiller-Guggenberger

Premiere des Familienstücks »Momo« nach dem Roman von Michael Ende im martini-Park

Vorneweg schon einmal die gute Nachricht: Die Theater-Adaption von Michael Endes Kultbuch »Momo« kommt tatsächlich ganz ohne Kamera- oder Videoprojektionen aus! Im diesjährigen »Weihnachtsmärchen« fokussierten sich die Regisseurin Jule Kracht und mit ihr ein überzeugendes  Schauspielerteam, das flugs Figur und Rollen tauscht, auf die leiseren Töne und das »Zwischen- den-Zeilen« der Dialoge. Auf schrille Knalleffekte und Livemusik, die laute Begeisterungsstürme auslösen könnten, hat man inhaltlich stimmig verzichtet. Danke dafür, wurde ja echt Zeit!

Genau um dieses geheimnisvolle Phänomen, die Zeit, die längst nicht nur Erwachsene als Stressfaktor definieren, kreist »Momo« schließlich. So schob sich allmählich und nicht allein mit der Schildkröte Kassiopeia als personifizierte Entschleunigung das aktuelle Seminarthema Nr. 1,  die »Achtsamkeit« ins Zentrum. Spielerisch rückte die Qualität und Bedeutsamkeit ins Scheinwerferlicht, die sich zwischen Freunden entfalten kann, wenn nicht die kommerziellen Interessen, sondern die Herzens-Bedürfnisse geachtet werden. Szenische Überraschungsmomente steuerte auch die raffinierte Bühnenausstattung von Nora Lau bei, die aus der Not der vielen benötigten Schauplätze mit fünf rollbaren Amphitheater-Elementen und deren »Klappe auf – Neues drin«-Mechanismus eine erstaunliche Tugend machte. Im Handumdrehen stand ein Friseursalon zur Verfügung, wurde die traditionelle Osteria von Momos Freunden Nino und Nicola zum cleanen Fastfood-Schalter oder öffnete Meister Horas psychodelisch anmutender Tee-Salon den Blick auf eine sternenumwölkte Traumzeit.

Schon verrückt, wie genial Michael Ende dies immerhin schon 1973 (also lange vor der Burnout-Hochphase!) in seinem in mehrfacher Millionenauflage verkauften Roman um die »seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte« kleinen und großen Lesern ans Herz gelegt hatte. Hoch über der tapferen und konsumkritischen Momo, die mit der charismatischen Linda Elsner ideal besetzt ist, die allein mit der Gabe des Zuhörens ihre Umgebung verwandelt, kreist ein beleuchteter Globus. Symbol für die Erdenzeit, die ja bekanntlich niemals stillsteht. Oder doch? Wie aus dem Nichts tauchen die in glänzende Silberoveralls gehüllten grauen Herren der Zeit-Spar-Kasse auf, die hier ganz zeitgemäß E-Zigaretten verqualmen, um mit der den Menschen abgezwackte Zeit das eigene Überleben zu sichern. Ach ja, und die schlechte Nachricht? Die gibt es gar nicht. Mit einem der schönsten Sätze im Buch endet das Theaterstück: »Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen«. Dies gibt der Erzähler alias Meister Hora alias Thomas Prazak den für zwei Stunden »entdigitalisierten«  Zuschauern, die im Hier und Jetzt gespannt Momos natürlich gut endender Zeit-Abenteuerreise folgten, mit auf den Nachhauseweg.

Zahlreiche weitere Termine bis zum 18. Januar.

www.theater-augsburg.de

Foto (Jan-Pieter Fuhr): Karoline Stegemann (Schildkröte) und Linda Elsner (Momo)

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