Lebendig und bewusst eigen

19. Mai 2020 - 12:24 | Renate Baumiller-Guggenberger

»EigenSein« lautet das neue Spielzeit-Motto des Staatstheaters Augsburg. Im Livestream »Wetten, dass … wir spielen« wurde zur Primetime am Samstagabend der neue Spielplan für die Saison 2020/21 präsentiert, der die Lust »auf endlich wieder Theater live« kräftig anheizte.

Eigentlich schon witzig: Während Thomas Gottschalk am späten Samstagabend in einer ZDF-Liveschalte aus Berlin in seinen 70. Geburtstag hineinfeierte, stellte das Staatstheater Augsburg zur samstäglichen Primetime das kommende Programm für alle vier Sparten unter dem Motto »Wetten, dass … wir spielen« vor. Leider überwog in diesem von Staatstheaterintendant André Bücker moderierten Format, das die in »Normalzeiten« stattfindende Pressekonferenz ersetzte, ein eher nur mäßig geistreicher Smalltalk über persönliche Befindlichkeiten oder das natürlich berechtigte Lamento über all die widrigen Umstände der plötzlich erzwungenen Spielpause vor oder nach den für das Frühjahr geplanten Premieren.

Immerhin erfuhr man in diesem Kontext, dass auf der Freilichtbühne in diesem Sommer eine Musicalgala mit renommierten Gästen des Genres stattfinden wird, die mit gebotener Darsteller-Distanz und reduzierter Bestuhlung die ursprünglich geplante »Kiss me Kate«-Produktion ersetzt. Gern hätte man stattdessen noch weitere Live-Kostproben von den Solisten gesehen oder – ähnlich wie es das Schauspiel zustande brachte – kreative Video-Appetizer und/oder kompakter, eloquenter kommunizierte Fakten zu den Stücken der kommenden Spielzeit erlebt. Die positive Ausnahme machte zum späten Finale (das Ganze dauerte drei Stunden!) die Konzertdramaturgin Dr. Christine Faist gemeinsam mit GMD Domonkos Héja.

Noch ist natürlich immer noch nicht ganz absehbar, in welchem Umfang der Spielplan, der diesmal unter dem Pandemie-inspirierten Motto »EigenSein« steht, tatsächlich umgesetzt wird. Fest steht allerdings jetzt schon, dass statt der üblichen Festplatz-Abos nur sogenannte Scheck-Abos angeboten werden, um den geänderten Saalplänen gerecht zu werden. Erfreulicherweise wartet das Musiktheater mit sechs Premieren und zwei Wiederaufnahmen sowie dem Musical »Chicago« auf der Freilichtbühne auf. Mit coronärer Verspätung kommt am 10. Oktober Glucks »Orfeo ed Euridice« samt den mit Hochspannung erwarteten VR-Welten in der Inszenierung von Bücker in den martini-Park. Die Klimathematik führt in einem weiteren Highlight an »Das Ende der Schöpfung«. Als spartenübergreifendes Oratorium wird dieses Werk von Joseph Haydn und Bernhard Lang uraufgeführt – erneut führt der Chef hier Regie.

Erstaunliche elf Produktionen zeigt das Schauspiel. Neben Klassikern wie Dürrenmatts »Die Physiker« sowie der Dramatisierung von Thomas Manns »Zauberberg« stechen besonders die musikalische Komödie »Die Kunst des Wohnens« von Georg Ringsgwandl ins Auge sowie der Liederabend »Fliegende Bauten«. Auch die Deutschen Erstaufführungen etwa von Neil LaButes Theaterstück »Die Antwort auf alles« oder auch »Wittgensteins Mätresse« (nach dem Roman von David Markson), das im April im großen Scheibengasbehälter auf dem Gaswerkgelände an einem besonderen Spielort stattfindet, versprechen außergewöhnliche Theaterabende, die in Variationen dem akut virulenten Thema von Vereinzelung und Rückzug nachspüren.

Auf den Einzug der bewegten Sparte freuen sich die vielen Ballettfans, die sich mit einer der derzeit nach Hause gelieferten VR-Produktionen die Wartezeit hin zur ersten Premiere verkürzen können. Erst Ende Oktober nämlich begibt sich die Company in der Choreografie von Ballettdirektor Ricardo Fernando auf eine abendfüllende, fraglos emotionale »Winterreise«. Neben einer Uraufführung im Kammertanzformat (»Creations«) folgen dann die Fortsetzung der »Dimensions of Dance« und der »Newcomer« und natürlich wird die international besetzte Ballettgala im Frühjahr 2021 stattfinden. Erstmals speziell für junges Publikum geschaffen wurde als moderierter Ballettabend »Dance!«.

Wie gewohnt sorgt das Philharmonische Orchester unter seinem GMD Domonkos Héja für sinfonische Gänsehaut-Erlebnisse: Es stehen enorm abwechslungsreich konzipierte acht Sinfoniekonzerte zur Auswahl auf dem Programm, das nur aus Highlights zu bestehen scheint und hochkarätige Solisten und Weltstars wie den Klarinettisten Giora Feidman integriert. Das I-Tüpfelchen: Héja war von dem letztjährigen Kunstförderpreisträger der Stadt Augsburg ebenso beeindruckt wie andere Klassikfans und so wurde der bereits mehrfach ausgezeichnete junge Klaviervirtuose Evgeny Konnov als »Artist in Residence« eingeladen. Die erste Chance, ihn im Sinfoniekonzert zu erleben besteht bereits – Daumen drücken! – am 28./29. September 2020, wo er Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 im ausgedünnten Kongress am Park interpretieren wird.

www.staatstheater-augsburg.de

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