Lebenslinien – Treffen mit Zeitzeugen

27. Januar 2015 - 8:40 | Iacov Grinberg

Vor zwölf Jahren hat das Jüdische Kulturmuseum zusammen mit dem Sensemble Theater begonnen, die Veranstaltungsreihe »Lebenslinien« durchzuführen.

Es sind Veranstaltungen mit Zeitzeugen, den Menschen aus Augsburg, welche die Judenverfolgung durch das Naziregime erlebten. Die erste Zeitzeugin war die Großmutter des Leiters des Sensemble Theaters Sebastian Seidel.

Kaum muss man jemanden von der Wichtigkeit der Treffen mit Zeitzeugen überzeugen: Dabei werden Dokumente und Fotografien aus familiären Archiven vorgestellt, es sind auch ihre Nachkommen anwesend. Die Erzählungen mit einer Menge scheinbar kleiner Tatsachen und Einzelheiten wandeln die Ereignisse jener Zeit vor den Teilnehmern des Treffens aus einer trockenen Tatsache ins vielseitige und sehr schwere Leben der realen Menschen um. Das Museum verlegt schon acht Jahre Kataloge mit Materialien dieser Treffen, was eine enorme und äußerst wichtige Arbeit darstellt.

Wissenschaftler behaupten, dass die emotionale Beziehung zu den Ereignissen der Vergangenheit nach 75-80 Jahre verloren geht. Danach werden schon diese Ereignisse als einfache Tatsachen der Geschichte wahrgenommen, die zu uns keine Beziehung haben. Wie zum Beispiel der russisch-japanische Krieg 1905, von welchem im Gedächtnis nicht 52000 Gefallener, sondern nur der Wälzer „Auf den Hügeln Mandschureis“ blieb. Und die geschichtlichen Ereignisse, die so vergessen werden, mahnen mit ihrer Wiederholung. Gerade eben gegen die Vergessenheit dieser geschichtlichen Ereignisse werden „Lebenslinien“ durchgeführt. Damit das Geschehene im Gedächtnis der folgenden Generationen nicht weggewischt wird und dort als eine deutliche emotionale Warnung »Nie wieder! « bleibt.

Alle Zeitzeugen der vorhergehenden elf Treffen haben jene Periode in Emigration überlebt, wohin sie auf vielfältigen und gewundenen Wegen gerieten, die reich an bürokratischen Schikanen und glücklichen Zufällen waren. Die Beschreibung dieser Wege stellt uns diese Zeiten nicht als einen eintönigen Bindestrich zwischen den Daten 1933-1945 vor, sondern führt, wenn auch fragmentarisch, das reale Leben dieser Periode vor. Das ist sehr wichtig, weil die nachfolgenden Generationen ohne solche emotionale Hilfe das Geschehene einfach nicht verstehen können. Wenn wir lesen oder zuhören, reproduzieren wir innerlich das Bild des Geschehenen aufgrund unserer laufenden Vorstellungen, unserer laufenden Erfahrung und können oft das Gelesene oder Gehörte über die Vergangenheit nicht richtig verstehen.

Die Teilnehmer der „Lebenslinien“ beanspruchen die Fülle des reproduzierten Bildes ganz und gar nicht – erzählen doch diejenigen, wer geschaffen hat auszureisen, zu überleben. Aber bei Weitem hatten nicht alle Geld, im von diesem oder jenem Land sie aufgenommen zu werden – niemand wollte Mittellose aufnehmen, nicht alle hatten wohlhabende Verwandte außerhalb Deutschlands, die für sie einen „affidavit“ ausstellen konnte, und die Menge der glücklichen Zufälle reichte bei Weitem nicht für alle. Die Mehrheit konnte nicht ausreisen, und diejenigen, die nicht überlebt haben, können nichts erzählen.

Die Erzählungen der Überlebenden erinnern strukturell an Hollywoodfilme, auf die nach einem ganzen Haufen von Schwierigkeiten und Gefahren ein „Happy End“ unbedingt folgt, und sie kommen mit den uns gewohnheitsmäßigen Denkschemen zurecht. Dieser Eindruck ist durch die Tatsache gestärkt, dass erfahrungsgemäß derjenigen in der Regel bereit ist, über sich zu erzählen, wer im Leben erfolgreich war und vieles erreicht hat. Weniger erfolgreiche erzählen über sich äußerst ungern und möchten auch keine Reise nach Augsburg zu solchen Gesprächen zu unternehmen. Das „Tagebuch der Anne Frank“ hat in der Gesellschaft einen Eindruck der explodierten Bombe seinerzeits gerade deshalb hinterlassen, weil sie nicht überlebt hat, kein gewohnheitsmäßig erwartetes "Happy End“ eingetreten ist. Die Mehrheit, wiederhole ich, ist umgekommen und kann Nichts erzählen, und daran muss man unbedingt erinnern und noch ein Mal erinnern.

In November 2014 hat das 12. Treffen „Lebenslinien“ stattgefunden, unter dem Titel „Glücklich wieder vereint. Der Weg der Familie Hartmann aus Augsburg“.

Im Unterschied zu allen vorhergehenden Teilnehmern der „Lebenslinien“ hat die Familie Hartmann die Regierung der Nazis in Deutschland erlebt. Es war eine „gemischte“ Familie – der Vater war Deutscher, die Mutter aus einer jüdischen Familie, die vor langer Zeit bereits zum Protestantismus konvertiert hat. Ihre Kinder waren sogenannte Mischlinge, Personen mit Beimischung des jüdischen Blutes, beschränkte in ihren Rechten.

Wir lesen, dass in der deutschen Wehrmacht zahlreiche Mischlinge kämpften und wir auf keine Weise verstehen können, warum sie, trotz Beschränkung ihrer Rechte, für Deutschland kämpfen konnten. Aber sie nahmen sich als Deutsche wahr! Und mit wem eigentlich konnten sie sich noch identifizieren?

Seit ihrer Kindheit lebten sie in diesem Land, die ganze Bildung, wie es heute auch in fast jedem beliebigen Land geschieht, überzeugte sie darin, dass sie im Besten aller Länder leben, dass ihr Land immer und in allem Recht hat und von den bösen Feinden umgeben ist, die sein Territorium und seine Freiheit, die man schützen muss, erobern wollen. Das Schulprogramm stellte eine Menge der Beispiele des notwendigen und heldenhaften Schutzes vor. Wenn ich mich an meine sowjetische Schulbildung erinnere, war doch diese genau eine solche! Auch noch nach Machtübernahme durch die Nazis hat Deutschland ökonomisch aufzublühen begonnen, das Volk fing an, besser und besser zu leben, wobei das bessere Leben wenigstens bis zum Jahr 1944 dauerte. Um welchen Preis und auf Kosten von welchen Beraubungen dies geschehen, hatte niemand nachgedacht. Und es war schließlich ihre Heimat, die man einfach liebt.

Sie hatten keine jüdische Identifizierung – eine gemischte Ehe bedeutete damals, dass der jüdische Partner sich taufen ließ. Die Ehe zu jenen Zeiten vermutete ein obligatorisches Einverständnis der Eltern, so dass die Familie des jüdischen Partners aller Wahrscheinlichkeit nach auch getaufte Juden waren. Die Ende das 18. Jahrhundert erscheinende „Haskala“ und danach der „liberale“ Judaismus haben sich in Wirklichkeit als die erste Stufe zur Missachtung von den Traditionen und dem Erbe des Judaismus und zur Massentaufe erwiesen: vier aus sechs Kindern des Gründers von „Haskala“ Moses Mendelssohns ließen sich taufen. Freilich konnten beide Ehepartner keiner Religion zugehören, was in Deutschland möglich war, aber damals sehr selten. Theoretisch wurde das Übertreten zum Judaismus, Gijur, möglich, aber eine bedeutsame Realität wurde das nur nach 1945. Sie hatten auch keinen Ansporn, sich als Juden zu identifizieren. Die Weimar Republik hat den Juden die gleichen Rechte gegeben, aber das im Laufe der Jahrhunderte tief verwurzelte vorgenommene Verhältnis zu den Juden blieb. Ähnlich wie in der ehemaliger Sowjetunion: Formell hatten Juden gleiche Rechte wie andere auch, aber praktisch… Mischlinge empfanden sich als Deutsche, die Beschränkung in den Rechte und die Verkennung ihrer Vollwertigkeit betrachteten sie als etwas Bedauerliches, was sie nicht daran hinderte, sich als Deutsche und niemanden sonst zu empfinden.

Die Erzählungen Herrn Helmut Hartmanns, wessen Schuljahre auf die Regierung der Nazis gefallen sind, hatten vor den Anwesenden diese sehr wenig bekannte Seite der Geschichte geöffnet. Materiell litt die Familie nicht – der Vater war der Besitzer einer großen traditionellen Firma. Er strebte an, dass seine Kinder als vollwertige Deutsche anerkannt werden – es gab in Deutschland auch eine solche, uns praktisch unbekannte, Möglichkeit. Er unternahm vergeblich zahlreiche und vielfältige Versuche, hat darauf eine Menge seiner Kräfte und seines Geldes ausgegeben. Er tätigte dazu auch zahlreiche Spenden an verschiedene Naziorganisationen, was ihm nach dem Krieg angelastet wurde.

Ungeachtet der jüdischen Mutter, war der Junge im Gymnasium zunächst kein Außenseiter – die gesellschaftliche Position der Familie konnte ihn davon bewahren, aber nur teilweise. Wie fühlt sich ein Kind, wenn ihm die Teilnahme an einer Jugendorganisation, der alle seine Mitschüler angehören, verwehrt wird? In solcher Organisation ist es wichtig, dass in ihr alle deine Altersgenossen sind, und ihr politischer Beweggrund, über dem man gemächlich lacht, ob Hitlerjugend oder den kommunistischen Jugendverband, ist gar nicht wichtig. Aber nach der 6. Klasse wurde er gezwungen, das Gymnasium zu verlassen, und am Ende des Krieges wurde er, minderjährig zur Zwangsarbeiten verpflichtet.

Er machte sein Abitur nach dem Krieg bei den Verwandten in der Schweiz gemacht. Aber im Bewusstsein, nach der Selbstidentität, war er und blieb er Deutscher. Danach führte er erfolgreich lange Zeit die eigene Firma, war zum Senator von Bayern gewählt worden und ab 1993 hat er sich der gesellschaftlichen Tätigkeit gewidmet, die auf Bildung und Aufrechterhaltungen des Friedens und des gegenseitigen Verständnisses zwischen den Menschen verschiedener Herkunft und verschiedenen Glauben in Augsburg gerichtet ist. In 1995 hat er dazu »FILL« – Forum Interkulturelles Leben und Lernen e.V. gegründet.

Die Zeit ist unbarmherzig, die Generation derjenige, die jene Periode überlebt hat, verlässt uns allmählich, es bleiben immer weniger und weniger Zeitzeugen übrig. Solange es solche Möglichkeiten gibt – hören Sie den Zeitzeugen zu! Das nächste Treffen «Lebenslinien» soll im November dieses Jahres stattfinden. Versäumen Sie es nicht.
(Iacov Grinberg)

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