Ein leidender, zäher Junge

20. Februar 2019 - 10:14 | Dieter Ferdinand

Im Wißner-Verlag ist der Regionalroman »Ins Dunkel geboren« von Brigitte Diefenthaler erschienen.

Die Geister der verstorbenen Brüder begleiten ihn, die lebenden Brüder quälen ihn, sein Vater schlägt ihn halbtot. Josi (Johann), neun Jahre alt, lebt in den Stauden auf einem Bauernhof. Die in Königsbrunn lebende Autorin Brigitte Diefenthaler hat auf Grund von Recherchen und Gesprächen den Roman »Ins Dunkel geboren« geschrieben, der die »fiktive und doch wahrhaftige Geschichte« (S. 399) des Jungen erzählt.

Josi lernt Margarethe kennen, die ihn mitnimmt ins Forsthaus zu ihren Adoptiveltern. Eines Tages kommen Josis Brüder dem Forsthaus nah: »Des Judenpack soll brenna… Und dr Förschter glei mit.« (S. 57) Margarethe ist Jüdin, der Förster Mateo gehört zu den Roma. Margarethe flieht mit ihrem leiblichen Vater in die USA. Josi bleibt ein inniges Verhältnis zu Hanna, der Förstersfrau. Er lernt von Mateo die Pflege des Pferdes Fritz. Die Brüder werden zum Militär eingezogen. In die Schule kommen zwei Gestapomänner und fragen ihn nach Margarethe. Über einen bemerkt er: »Der Mann tat groß, war aber dumm. Das sah ich an seinen Augen.« (S. 107)

Josis Jugendjahre beginnen mit dem Umzug nach Augsburg. Er wohnt bei seiner Tante Marie am Mittleren Graben. Die Oberrealschule ist das heutige Holbein-Gymnasium. Tante Marie ist streng, bringt ihm Manieren bei und kleidet ihn neu ein. Sie zeigt ihm den Rathausplatz, kehrt mit ihm ein. Seinen Lehrern, die zackig mit »Heil Hitler« begrüßt werden, ist gemeinsam der Spott über Leute vom Land. In der Schule schreibt er als Strafarbeit: »Auf dem Lande und was wirklich ist«. Man hört zum ersten Mal von einem Lehrer, der »abgeholt« wurde, vom KZ Buchenwald ist die Rede. Josi tritt in die HJ ein, Sport macht Spaß. Wilhelm wird sein bester Freund. »Nur das Gerede über Verräter und Untermenschen mochte ich nicht.« (S. 183) Tante Marie erzählt ihm, dass ihr Mann Sozialist und immer gegen den Führer war. Bei einer Versammlung wurde er zerschlagen und starb. Auch sie gehört zu den Widerständler*innen. Josi schreibt seinen ersten Roman: »FREMD«.

25./26. Februar 1944: »Die haben Augschburg bombardiert. Die ganze Innenstadt is nur no a Trümmerhaufa sagn sie im Radio. Überall brennt’s.« (S. 299) »Ab Bobingen kamen uns immer wieder schwankende Lichter entgegen. Je näher wir der Innenstadt kamen, desto mehr roch es nach Qualm«. »Die Häuseranlage meiner Tante, meine zweite Heimat, lag in Trümmern.« (S. 302/03). Tante Marie hatte in den Trümmern überlebt. Am nächsten Tag beginnen die Aufräumarbeiten.

Den Trupp, der nach Süden zog, übernimmt Feldwebel Beuz, der viel schrie. Josi und Wilhelm werden in die Vogesen beordert, um französische Widerstandskämpfer aufzuspüren. Sie kommen zu einem Bauernhof. Josi soll übersetzen. Mit entsichertem Gewehr kommt ein junger Franzose auf ihn zu. Es gelingt Josi, den Beuz zu erschießen. Dann muss er mit dem schwer verletzten Franzosen Pierre fliehen. Er trägt ihn bis vor einen Bauernhof. Dort wird er bedroht. Pierres Tante sagt: »Pierre ist nicht tot« (S. 349). Da Pierres Onkel den Deutschen hasst, muss dieser am nächsten Morgen gehen.

Der Weg zu Fuß führt ihn schließlich nach Hause zum Forsthaus. Dort erfährt er, dass Mateo bei einem Überfall von Dorfbewohnern ermordet wurde. Im Forsthaus finden studentische Mitglieder einer Münchner Widerstandsgruppe und eine traumatisierte junge Frau kurzzeitig Unterschlupf. Dann kommen die Amerikaner. »Später erfuhr ich, dass Leute aus einer Widerstandsgruppe den Stadtkommandanten und seinen Stab am Stadtwerkehaus gefangengenommen hatten, um sinnloses Blutvergießen zu verhindern.« (S. 382)

Der Roman ist trotz einiger Längen sehr spannend und in einer schönen Sprache geschrieben. Um der Zukunft willen ist Erinnerung auch hier erforderlich. Hinzukommen muss der klare Einsatz von Zivilgesellschaft und Politik, damit sich die Geschichte nicht wiederholt. Dank an den Wißner-Verlag und vor allem die Autorin Brigitte Diefenthaler.

Brigitte Diefenthaler – Ins Dunkel geboren, 400 Seiten, ISBN: 978-3-95786-182-5, 12 Euro

www.wissner.com

Abbildung (Klick hier zum Vergrößern): Das Buchcover zeigt den Blick zum Perlachturm und Rathaus nach der Bombardierung Augsburgs 1944.

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