Theater & Bühne

Liebe kennt keine Feiglinge

Sarvara Urunova
20. April 2016

Russische Musik ist am Theater Augsburg selten genug, um zu einem besonderen Ereignis zu werden. Die Augsburger Inszenierung der skandalträchtigen Oper »Lady Macbeth von Mzensk« von Dimitri Schostakowitsch bietet jedoch viel mehr, sie enthüllt sich als eine Offenbarung voller Spannung und Überraschungen.

Die überspitzte Darstellung hält im Laufe der ganzen Handlung mit minimalistischen, aber wohlüberlegten Mitteln im Bann der Emotionen: ein hoher, gekachelter, kühler Raum als Bühnenbild, ein weißes, großes Bett, traditionell in der Mitte der Bühne, und die Darsteller von Kopf bis Fuß in den Primärfarben Gelb, Blau, Rot und Grün, die das Bett ekstatisch in ein Schlachtfeld der Gefühle verwandeln (Bühne und Kostüme: Timo Dentler und Okarina Peter). So beginnt die tragische Geschichte einer mutigen Frau.

Gefangen in der primitiven Gier ihres Mannes Sinowij (Ji-Woon Kim) und seines Vaters Boris (Young Kwon), sehnt sich die sinnlich-schöne Protagonistin Katerina Ismailowa (Sally du Randt) nach Liebe. Das warme Gelb ist ihre Farbe, sie glänzt im öden Dasein. Als der sympathische »Bad Boy« Sergej (Mathias Schulz) in Blau auftaucht, werden ihre sehnlichsten Wünsche erfüllt. Eine verhängnisvolle Affäre, von Anfang an tragisch überschattet, nimmt ihren Lauf. Blind vor Leidenschaft vergiftet die unfreie Frau erst ihren Schwiegervater mit Rattengift, dann tötet sie ihren impotenten Ehemann, um so den Weg zur Freiheit mit ihrem Geliebten einzuschlagen. Eine Befreiung sollte es werden, aus der Sklaverei der Gesellschaft, doch der Weg in die Freiheit führt die Katerina in den Tod. Verraten von Sergej, der sich inzwischen als kaltblütiger Herzensbrecher entpuppt hat, der aus Langeweile wahllos Frauen verführt und belügt, bringt sie ihre Nebenbuhlerin und sich selbst in tiefen Gewässern um.

Als Schostakowitsch seine Oper schrieb – die Uraufführung fand 1934 statt –, dachte er an die schwierige Lage der Frauen in den verschiedenen Epochen der russischen Geschichte: an die Unmöglichkeit, in der Schlechtigkeit einer erbarmungslosen Umgebung zu überleben, an den Kampf, den außergewöhnliche Frauen hoffnungsvoll aufnehmen, aber dennoch verlieren. Als Tragödie konzipiert, überholt die Satire die Handlung, die absurden Züge verleihen dem Werk einen Hauch von Unwirklichkeit und lassen es so zur grotesken, düsteren Fantasie werden.

Peter Kowitschny bringt in seiner Inszenierung diese Expressivität mit den Schatten einer schweren Vergangenheit und Erinnerungen an Ungerechtigkeiten, auch der stalinistischen Zeit, in Verbindung. Als der Polizeichef (Markus Hauser) auf der Bühne eine Zote über die hemmungslosen Morde unter Stalins Kommando erzählt, herrscht im Zuschauerraum eisige Stille. Eine weitere Szene lässt an den Komponisten selbst denken: Ein Intellektueller, der zumindest rein optisch an den jungen Schostakowitsch erinnert, wird auf dem Weg ins sibirische Lager misshandelt und gedemütigt. Ein gelungener Einfall ist die Einführung einer zweiten Ebene, in der die Abbilder der Psyche der Helden als Kinder auftreten oder ein Schattenmann die Wand des Raums schwarz bemalt. Die ursprüngliche, der Zeit geschuldete eindimensionale Erzählebene wird so auf eine mystische Weise verfremdet. Der geschlossene Raum wird am Ende der Geschichte zu einem Albtraum, in dem jede lichtvolle Erscheinung erlischt. Die Farben verschwinden von der Oberfläche, das Grau des Grauens siegt.

Selbstbewusst beherrscht Sally du Randt die Bühne. Mit einem Hauch von Selbstironie gelingt es ihr, auch die schwersten Passagen mit Leichtigkeit zu meistern und so zum strahlenden Mittelpunkt der Aufführung zu werden.

Das Orchester unter der Leitung von Domonkos Héja präsentiert Schostakowitsch, der Groteske auf der Bühne entsprechend, extravagant und dynamisch. Die gut durchdachte Präzision, mit der der Dirigent das Orchester durch das Werk führt, ist unüberhörbar: kühne Wucht bei den gewaltigen dramatischen Höhepunkten und feine Sanftheit bei der Vertonung der weiblichen Seele.

In Leskows gleichnamiger Novelle, auf der die Oper basiert, wird der Mut der Protagonistin nicht belohnt. Die Heldin bleibt ein Opfer der Liebe, der Gesellschaft, aber auch der Langeweile. Die Geschichte wirft viele Fragen auf, ohne Antworten zu geben. Die Augsburger Inszenierung sympathisiert mit Katerina und wirkt trotz der Brutalität teilweise erstaunlich sentimental. Jedoch schon bei Leskow gibt Katerina ehrlicherweise zu: »Unsere Beziehung jedenfalls geht auf deine Verführungskünste zurück, und du kannst nicht ableugnen, dass die List, die du anwandtest, mindestens ebenso groß war wie meine Neigung, dir nachzugeben.«

Weitere Termine: 16., 20., 24. und 30. April, 6., 13. und 21. Mai sowie 2. Juni

www.theater-augsburg.de

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