Lust auf Livekonzerte

8. Mai 2020 - 9:50 | Renate Baumiller-Guggenberger

»Zu einem Kulturereignis gehört das gemeinschaftliche Erleben vor Ort«, erklärt der Leiter des Augsburger Mozartbüros Simon Pickel im Interview mit a3kultur. Heute wäre der Startschuss für das Mozartfest gefallen.

Durch die Corona-Pandemie kam leider alles anders und so braucht auch das Klassikpublikum weiter viel Geduld. Mehr zur Verlegung des Festivals in den Herbst, den Möglichkeiten und Grenzen des Streamings sowie zur Öffnung des Leopold-Mozart-Hauses lesen Sie im Interview, das Renate Baumiller-Guggenberger in dieser Woche mit Simon Pickel (Foto: Marko Petz) im Kulturamt der Stadt Augsburg führte.

a3kultur: Eigentlich wäre mit dem Konzert des Stuttgarter Kammerorchesters unter Leitung von Thomas Zehetmair im Kleinen Goldenen Saal das Mozartfest feierlich eröffnet worden. Mit neuem Layout, zeitlich etwas entzerrt und in den Juni hineinspielend, wie immer besetzt mit hochkarätigen und internationalen Gästen. Alles unter der Headline »MZRT & BTHVN« und damit mit Fokus auf das Trennende und Verbindende der beiden Klassik-Titanen. Wie lange habt Ihr gehofft, dass trotz Corona »noch was geht«?
Simon Pickel: Als die ersten Ausgangsbeschränkungen kamen und damit das Ausmaß dieser Pandemie deutlich wurde, war uns schon klar, dass wir die Termine im Mai und Juni nicht halten können. Problematisch war lediglich die offizielle Ansage, dass Veranstaltungen nur bis 19. April verboten wären. Rein rechtlich galt also auch die höhere Gewalt nur bis zu diesem Zeitpunkt. Ich habe aber sofort mit allen Künstlern telefoniert und relativ schnell hat sich ein Zeitraum im Oktober herauskristallisiert, in dem wir einen Großteil des geplanten Programms und damit auch die inhaltliche Grundlage realisieren können. Das gleicht einem Wunder, wenn man bedenkt, dass auf internationalem Niveau die zweite Jahreshälfte natürlich seit Jahren längst voll geplant war – und nicht nur wir wollten Termine dahin verschieben. Ich bin allen Künstlerinnen und Künstlern sehr dankbar, dass wir die Verlegung so gut hinbekommen haben und das ist vor allem auch durch die vielen Freundschaften möglich, die da inzwischen gewachsen sind.

Wie managt das Mozartbüro die jetzt beschlossene Verlegung in den Herbst 2020? Was erwartet uns und wo steckt der Teufel im Detail? Wie sieht ein nicht zu wünschendes Worst-Case-Szenario aus?
Für uns ist das derzeit eine Art »Fischen im Trüben«. Die neuen Termine und Programme stehen eigentlich fest, aber wir haben noch überhaupt keine Ahnung, wie und wo wir im Oktober Konzerte durchführen können. Wir haben bis heute keine Äußerung dazu gehört, wie das Konzertleben wieder möglich gemacht werden soll. Das betrifft sowohl die Vorgaben für das Publikum als auch für die Künstler selbst. Wahrscheinlich wird der Kleine Goldene Saal keine Option sein, wir werden also auf größere Orte ausweichen müssen, in denen Abstandsregeln und Vorgaben für den Einlass entsprechend umgesetzt werden können. Genug Platz für die Künstler ist beispielsweise für das Mozart-Requiem von entscheidender Bedeutung. Wir planen gerade mit mehreren Optionen gleichzeitig und wir brauchen letztlich auch ein Publikum, das verständnisvoll mit kurzfristigen Ortswechseln und Programmänderungen umgeht. Aber: Jedes Konzert ist besser als kein Konzert. Der Worst Case wäre natürlich die vielbeschworene »zweite Welle« im Herbst – die hoffentlich nie kommen wird.

Wie steht es im Kontext Mozartfest um Streaming oder andere digitale Alternativen? Wo siehst du persönlich die Grenzen dieser Angebote?
Ich habe ein ganz großes Problem mit allen Angeboten, die eine miserable technische Qualität bieten und/oder das Internet völlig unreflektiert und dezentral überfluten. Ein Konzerterlebnis kann nicht 1:1 ins Internet übertragen werden. Nach meiner Überzeugung gehört zu einem Kulturereignis vor allem das gemeinschaftliche Erleben vor Ort und die Interaktion zwischen Publikum und Künstlern. Uns macht ja gerade das analoge Liveerlebnis so einzigartig. Für digitales Musikhören gibt es CDs, Spotify oder – besser – Idagio. Diese Aufnahmen wurden speziell für das Hören zuhause produziert und das in hervorragender Qualität. Alle Internetangebote brauchen meiner Meinung nach also einen Mehrwert, der auf das Internet zugeschnitten ist. Im Idealfall kann man diesen Mehrwert dann auch ganz unabhängig von Corona weiternutzen. Ganz unverständlich ist für mich die Tatsache, dass viele Künstler, denen nun alle Einnahmen wegbrechen, derzeit mit kostenlosen Streams um sich werfen. Sie befördern also quasi ihren eigenen Ruin. Glauben diese Künstler denn wirklich, dass ein Publikum, das sonst für Konzerte Hunderte von Euros bezahlt, nicht bereit ist, für qualitativ gute Internet-Angebote in dieser Situation zumindest eine Spende zu leisten? Hier braucht es ein deutlich selbstbewussteres Auftreten. Sehr gut macht dies gerade die Plattform der Augsburger Club- und Kulturkommission, die ihr Angebot bündelt und bei allen Streams offensiv zum Spenden aufruft.

Wir vom Mozartfest haben uns bemüht, mit Sarah Christian und Maximilian Hornung auch selbst ein sinnvolles Projekt hinzubekommen. Am 23. Mai findet ein »Werkstattkonzert« im Stream auf clubundkultur.tv statt. Details dazu liefern wir rechtzeitig nach.

Wie können Mozartfest-Besucher das Festival jetzt unterstützen?
Mit ganz viel Geduld. Wir werden das neue Programm so bald wie möglich bekanntgeben, wollen damit aber noch so lange warten, bis wir zumindest ein paar gesicherte Angaben dazu machen können, wie das Ganze letztlich vielleicht umzusetzen ist. Das gilt vor allem für die Konzertorte aber auch für den Umgang mit bereits gekauften Karten für letztlich abgesagte Konzerte oder wenn man bei verschobenen Konzerten am neuen Termin nicht kann. Wir streben hierfür eine Lösung mit Gutscheinen an, die dann für alle anderen Mozartfest-Konzerte in diesem und nächsten Jahr genutzt werden können. Wir hoffen, dass der hoffnungsvolle Weg, den wir mit der Verlegung beschreiten, am Schluss belohnt wird und dass unser Publikum im Herbst eine unstillbare Lust auf Livekonzerte hat, egal, wie diese dann eventuell aussehen mögen. Eine Garantie dafür gibt es freilich nicht.

Gibt es Aktuelles zum erst am 7. März wiedereröffneten Leopold-Mozart-Haus? Nach dem begeisterten Feedback des ersten Wochenendes mussten die Pforten geschlossen werden.
Das war natürlich sehr unglücklich. Corona war ja schon ein Thema, als wir den Festakt zur Eröffnung geplant haben, letztlich ging das aber gerade noch gut und wir hatten eine tolle Eröffnung. Das Leopold-Mozart-Haus ist ein absolutes Herzensprojekt und wir freuen uns sehr, dass wir jetzt so ein großartiges Museum haben, das auch den Augsburgerinnen und Augsburgern ganz schnell ans Herz wachsen wird. Das Erfreuliche ist: Gerade haben wir erfahren, dass Museen in Kürze wieder öffnen dürfen. Wir erarbeiten derzeit ein gutes Hygienekonzept und dann kann man sich also schon bald wieder selbst von der Qualität unseres Museums überzeugen.

Die virtuelle Führung, die wir gerade vorbereiten, ist übrigens eines der Angebote, die ganz unabhängig von Corona sinnvoll sind. Damit können wir auch zukünftig Lust darauf machen, sich die neue Ausstellung auch live anzuschauen. Am Computer kann man sich nun mal nicht in unsere Kutsche setzen, die Kompositionswürfel ausprobieren oder die Vibrationen im Sinnesraum spüren.

Was hältst du von der Entscheidung der neuen Augsburger Stadtregierung, Thomas Weitzel mit einem Referenten oder einer Referentin in einem künftigen Kombi-Referat Sport und Kultur zu ersetzen?
Wenn es eine Sache in der Zusammenarbeit mit Thomas Weitzel definitiv nicht gab, dann war das ein »auf der Stelle treten«. Wir haben in diesen nunmehr fast fünf Jahren gemeinsam wahnsinnig viel in Sachen Mozart vorangebracht. Das künstlerische und inhaltliche Niveau des Mozartfests ist auf einem international herausragenden Level und hat ein sehr hohes Ansehen bei den Künstlern der Weltklasse. Das entwickelt sich stetig weiter. Wir haben ein Jubiläumsjahr erlebt, dass all unsere Erwartungen übertroffen und vor allem auch durch die kreative Zusammenarbeit mit vielen regionalen Künstlerinnen und Künstlern sehr nachhaltige Effekte in der Bevölkerung ausgelöst hat. Augsburg ist sich jetzt ein gutes Stück mehr bewusst, mit dem Thema Leopold Mozart ein tolles Alleinstellungsmerkmal als Mozartstadt zu haben. Passend dazu konnten wir die weltweite Referenz-Biographie über Leopold Mozart herausgegeben und haben jetzt mit dem neuen Leopold-Mozart-Haus ein absolutes Schmuckkästchen. Dieses zeitgemäße Museum wird noch sehr lange ein touristisches Aushängeschild dieser Stadt sein.

All das wäre ohne Thomas Weitzel undenkbar. Mein Verhältnis zu ihm war und ist immer von immenser fachlicher Expertise und Leidenschaft sowie gegenseitiger Wertschätzung und Vertrauen geprägt, aber vor allem auch durch ein großartiges persönliches Miteinander mit sehr viel Humor. Das wird bleiben.

www.mozartstadt.de

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