Lyrische Anmutung, irritierender Bruch

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27. Februar 2019 - 8:45 | Bettina Kohlen

Das Kunstmuseum Walter zeigt bis Mai ausgesuchte Arbeiten von Anselm Kiefer in einer ausgesprochen schlüssigen Ausstellung.

An Anselm Kiefer, einem der weltweit wichtigen Künstler unserer Zeit, schieden sich lange Zeit die Geister. Seine Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte, mit Nationalismus und Mythen – ohne dass er sich explizit von Geschehenem und Denken distanziert hätte – sorgte für Misstrauen. Heute scheint sein Werk über Zweifel erhaben, doch lassen sich die Arbeiten, die sich neben Historie und Mythologie auch mit Alchemie befassen, nicht unbedingt aus sich selbst heraus entziffern.

In enger Abstimmung mit dem Künstler und seinem Galeristen Thaddaeus Ropac wurden im Kuppelsaal der Galerie Noah elf Arbeiten platziert, sieben davon aus der Sammlung Walter, die anderen vier sind Leihgaben. Ein Schlüsselwerk ist die Hermannschlacht von 1976/1977. Auf einem Baumstamm finden sich Tafeln mit den Namen bekannter Gestalten der deutschen Geschichte. Kiefer stellt Geistesgrößen in den deutschen Winterwald, doch kommt einer hinzu, der so Bandbreite und zweifelhaften Nationalismus der historischen Größe markiert: Schlieffen, General des Ersten Weltkriegs.

Zwei weiße Figurinen aus dem Zyklus »Frauen der Antike« stehen als Erinnyen, als Rachegöttinnen im Raum: weiße faltenreich taillierte lange Gewänder zeichnen weibliche Formen nach, allerdings nur dort wo der Stoff den Körper verhüllt: Arme, Schultern, Hals und Kopf fehlen. Die Kleider bleiben eine Hülle, aus der oben Stacheldraht herausquillt. Bei der anderen Figur findet sich an Stelle des Kopfes ein Metallkäfig. Beides markiert Grenzen, Gefangenschaft und Krieg.

Die Ausstellung gewährt pointierten Einblick in das Schaffen Kiefers, doch ungeheuren Sog entwickelt die wahrhaft monumentale Arbeit an der Stirnwand des Kuppelsaals. Wir blicken auf eine winterliche impressionistische Waldlandschaft, ungewöhnlich malerisch gestaltet, die Bäume spiegeln sich ein einem kleinen See. Der Wald ist für Kiefer ein zentraler magischer (auch sehr deutscher) Ort, doch aus dem Bild greift ein rostiges Bettgestell in den Raum, darauf erdrückend bleiernes Bettzeug. Der Reiz des Werks fußt auf dem Zusammenklang von lyrischer Anmutung mit dem irritierenden Bruch und der beunruhigenden Stille der Szenerie.

Man mag das Konzept des Kunstmuseums Walter durchaus kritisch sehen, doch die Sonderausstellung im Kuppelsaal erweist sich als wirklich bemerkenswert, die Kunst Anselm Kiefers, die hier zu sehen ist, sollte man sich keinesfalls entgehen lassen.

Anselm Kiefer. Aus der Sammlung Walter, Sonderausstellung im Kunstmuseum Walter, bis 19. Mai

www.galerienoah.com

Abbildung: Anselm Kiefer: untitled | 2015/2016 | Öl, Acryl, Dispersion, Schellack, Blei und Metall auf Leinwand, 470 x 760 x 80 cm | Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, London Paris Salzburg (© Charles Duprat)

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