Mahner und Visionär

4. November 2019 - 9:58 | Gast

Die Galerie MZ zeigt noch bis zum 23. November eine spannende Gegenüberstellung des Künstlers Jonas Hafner und des Kunsttheoretikers John Ruskin.

Dr. Carmen Roll führte bei der Vernissage in die Ausstellung ein. Die Kunsthistorikerin und Galerist Martin Ziegelmayr haben uns den Text freundlicherweise zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.


John Ruskin und Jonas Hafner – der eine Kunsttheoretiker, der andere Künstler – trennen über hundert Jahre und doch liegen ihre Ideen, ihr Anliegen, ihr Schaffen ganz nahe beieinander. Dies zu erkennen, verdanken wir Martin Ziegelmayr. Aus einer einzigen Arbeit von Jonas Hafner, einer Radierung mit der Darstellung von 15 floral gestalteten Schlusssteinen, entwickelte er eine in sich schlüssige Ausstellung, in der er Hafners Werk einer Abbildungstafel mit 15 byzantinischen Kapitellen gegenüberstellt, die John Ruskin in Venedig gezeichnet und in seinem dreibändigen Werk »Stones of Venice« (Steine von Venedig) in den Jahren 1851–53 publiziert hatte. Da beide Arbeiten in unterschiedlichen Formaten und Techniken überliefert sind, hat sie Martin Ziegelmayr auf große Stoffbahnen drucken lassen. Dabei sind Kapitelle wie Schlusssteine einzeln auf 100 Jahre altes Leinen gedruckt und dann zusammengenäht worden. Bei der Reifung der Idee fiel ihm auch auf, dass er sowohl Besitzer der dreibändigen Ausgabe mit originaler Unterschrift John Ruskins als auch der etwas späteren deutschsprachigen Übersetzung ist! Die Ausstellung wird komplettiert durch Fotografien, die Jonas Hafner von den Schlusssteinen der neugotischen Dominikanerkirche in Düsseldorf 1973 gemacht hatte, kurz bevor sie einem Bankhaus weichen musste. Auf die Geschichte vom Abriss der Kirche sind wir hier schon einmal im Jahr 2013 bei einer Ausstellung mit Fotografien von Ute Klophaus gestoßen. Jonas Hafner hatte die Zerstörung des Gotteshauses in einem Abbruchtagebuch sowie einer fotografischen Chronik festgehalten und auf diese Weise an den damit verbundenen kulturellen Verlust erinnert. 1976 übertitelte er seine erste Ausstellung zu diesem Thema mit den Worten »Lacrimae – La Crime«, ein Wortspiel, welches deutlich zum Ausdruck bringt, dass die vergossenen Tränen eine Anklage meinen, nämlich das an der Gesellschaft geübte Verbrechen, unsere materiell-geistigen Kulturgüter dem Mammon zu opfern.

So wie Jonas Hafner zunächst die Foto-Dokumentation und dann die Radierung als Medium wählte, um an ein kulturelles Erbe zu erinnern, so sind Mittel und Beweggrund John Ruskins, der von 1819 bis 1900 lebte, vergleichbar. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts sah der Architekturtheoretiker und Sozialreformer Ruskin die Lagunenstadt Venedig dem Untergang geweiht. Als wichtigstes Indiz für den Verfall galt ihm die Eisenbahnbrücke, die seit 1846 die Inselstadt mit dem Festland verband. Für ihn steht sie für die fortschreitende Industrialisierung, in der er die Zerstörung nicht nur der Landschaft, sondern vor allem der sozialen Strukturen und der Qualität des Handwerklichen sah. Ihn entsetzte vor allem aber der Umgang mit den Bauwerken selbst, wenn anstatt das Überlieferte zu erkennen und zu konservieren, durch Restaurierungen zu schnell ersetzt, erneuert und somit die Patina zerstört wurde. Mit diesem Ansatz einer konservierenden Denkmalpflege gehörte Ruskin zu den absoluten Vordenkern, denn erst Ende des 20. Jahrhunderts ist man dazu übergegangen, seinen Ansatz in die praktische Denkmalpflege zu übernehmen. Mehrere Tausend Blätter hat Ruskin in Venedig mit Details von Wänden, Reliefs, Tür- und Fensterrahmen, Kapitellen und Gesimsen gezeichnet. Ihn interessierte das Detail, die Form im Kleinen. Er vermaß, zeichnete, fotografierte sie und reproduzierte einige von ihnen in Gipsabdrücken. Im ersten Band seiner Steine von Venedig beschreibt er im einzelnen die Elemente der venezianischen Baukunst im Mittelalter, im zweiten geht es ihm um ihre Anwendung bei einigen Hauptbauten (Palazzo Ducale u.a.), der dritte widmet sich dem »Niedergang« (nach seiner Sicht) der Baukunst während der Renaissance und enthält außerdem eine Liste der wichtigsten Baudenkmäler, die man besuchen sollte. Nun werden Sie überrascht sein, dass Ruskin die Kunst der Renaissance als Niedergang bezeichnet und nicht als Wiedergeburt gefeiert hat. Doch er lehnte normative, aus der Architektur der Vergangenheit abgeleitete Gesetze und Motive ab, und sah nur in solchen, die aus der menschlichen Natur und der Gesetzmäßigkeit des Materials herrühren, eine echte Innovationskraft und Freiheit der Form. 

Der aus wohlhabendem Hause stammende Ruskin widmete sein gesamtes Leben der Architektur und gilt als einer der bedeutendsten Kunst- und Architekturtheoretiker Englands des 19. Jahrhunderts, der Architektur und Gesellschaft miteinander verknüpfte. Für Ruskin war gute Architektur Ausdruck einer sozial-gesunden Gesellschaftsstruktur. Er kämpfte gegen eine Industrialisierung und die Produktion von Gegenständen am Fließband, deren unmenschliche Züge er früh wahrnahm. Für ihn hat Architektur einen ehrwürdigen und schönen Charakter. Forderungen wie Materialgerechtigkeit, Ablesbarkeit des konstruktiven Systems, sozial-gesunde Architektur und Sicherung der Substanz sind bis heute bekannte Begriffe geblieben. Ruskin gehört zu den Vätern der Arts-and-craft-Bewegung, die im Zeitalter der maschinellen Produktion eine Rückbesinnung auf das Handwerk forderten. Er untersuchte die Verbindung zwischen Kunst, Gesellschaft und Arbeit. Gesetze der Architektur sind für ihn identisch mit denen menschlich-moralischer Existenz. Das Ornament diene zur Ehre Gottes oder zur Erinnerung an die Menschen, weshalb das Vorbild jedes Ornaments die göttliche Schöpfung sei.

Hier ist die Verbindung zu Jonas Hafner besonders eng. Hafners ganzes künstlerisches Schaffen bezieht sich auf die Kreativität des Menschen und dessen Wirken in die Gesellschaft. Dabei hat er fast alle Techniken angewendet. Einige Ausstellungen konnten wir in der Galerie MZ in den vergangenen Jahren miterleben: Denken Sie an die Dornröschenfahne, die Glasskulpturen, seine Malereien, Zeichnungen und Fotografien sowie seine Objektkunst oder die Gemeinschaftsarbeiten mit Joseph Beuys. Immer gibt es einen Ausgangspunkt – politischer, künstlerischer oder sozialer Art, der einen Schaffensprozess in Gang setzt. In den Objekten, die während diesem Prozess entstehen, verdichten sich seine Aktionen. Mit seiner Kunst will Jonas Hafner kein ästhetisch-austauschbares Bild an der Wand schaffen, sondern in die Gesellschaft einwirken, etwas in Bewegung setzen. Hafners Anliegen, sich mit der Dominikanerkirche in Düsseldorf zu beschäftigen, war keineswegs nur ein dokumentarisches, den drohenden Verlust mit Erinnerungszeichnungen zu kompensieren. Die in vielen Details sehr künstlerische Umsetzung der Schlusssteine in seiner Radierung ist ein Weckruf, ein Aufrütteln, uns unseres kulturellen Erbes bewusst und dem Künstlerischen in unserem Leben Raum, Würde und Ehre zu geben. Hafner wählt dafür keine lauten Töne, sondern die zarte Form der Radierung, um den Zusammenhang zwischen Kunst und Gesellschaft aufzuzeigen: im Linearen und Floralen. Die mittig in den Kreuzungspunkten gesetzten Schlusssteine tragen Sorge, dass das Gewölbe hält. Sie zu entfernen, zieht unweigerlich den Einsturz nach sich. Wie John Ruskin ist auch Jonas Hafner ein leidenschaftlicher Mahner und Visionär.

www.galerie-mz.de

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