Theater & Bühne

»Make us free!«

Renate Baumille...
2. Februar 2020

Sie spiegelte unsere Realität, ohne plakativ zu sein und ging in vielen Momenten so richtig unter die Haut. Ebenso gefeiert wurden ein starkes Ensemble, das darstellerisch gefordert war und stimmlich überzeugte sowie das Philharmonische Orchester, das dank des klaren Dirigats von Ivan Demidov für ein facettenreiches Klangerlebnis sorgte und selbst durch den lauten Prasselregen auf dem Hallendach nicht aus dem Takt kam. Insbesondere aber gilt es mit Gian Carlo Menotti einen exzellenten Komponisten und im Staatstheater Augsburg seine erstaunlich selten gespielte Oper »Der Konsul« zu entdecken!

An Dramatik und Brisanz scheint das »Musical Drama«, das der Italoamerikaner Gian Carlo Menotti in genialer Personalunion von Komponist und Librettist bereits im Jahr 1950 in Philadelphia herausbrachte, auf der Gegenwarts-Opernbühne kaum zu überbieten.

Verhandelt wird nicht mehr und nicht weniger als der unwürdigen Umgang mit Menschen, die an den Grenzen festsitzen, die als Asylsuchende um die Aufenthaltsgenehmigung in einer neuen Heimat hoffen. Wie sie kämpft auch die Protagonistin Magda Sorel als mutige Antragstellerin ums Überleben ihrer kleinen Familie. Deren Zukunft hängt von der Beschaffung der richtigen Papiere ab, die Existenz und Freiheit sichern und Rettung bedeuten. Goldrichtig besetzt ist diese Hauptrolle mit Sally du Randt, die Nervenstärke, Risikobereitschaft und Verzweiflung ihrer Figur in allen Nuancen stimmlich und darstellerisch brillant verdeutlichte. Magda ist nach der Flucht ihres Mannes, eines von der Geheimpolizei gejagten Oppositionellen, auf Gedeih und Verderb auf die Unterstützung des titelgebenden Konsuls angewiesen, der bis zum Schluss persönlich nicht in Erscheinung tritt. Der Konsul wird zum Phantom oder »MacGuffin«, der allein die Erlösung bringen könnte in einer existentiellen Notsituation, in der insbesondere Empathie und Humanität angebracht wären, nicht aber der Wahnsinn eines rigiden bürokatischen Apparats und die zu Ausreise nötigen Dokumente. In seinem Sinne hält die zunächst resolute Konsulats-Sekretärin die Menschen in Schach und konfrontiert sie mit den Hürden der unumgänglichen Formulare. Überzeugend und mit expressiver Präsenz vollzieht Natalya Boeva auch stimmlich kraftvoll den allmählichen Wandel von der coolen, unbeteiligten Beamtin hin, für die schmerzlichen Einzelschicksale nicht mehr als Nummern sind, zur persönlichen Betroffenheit nach, als sie umittelbar zur Zeugin des rigorosen Machtapparats wird, der über Leichen geht.

Zermürbend, absurd, voller Schikanen wird die Abhängigkeit der diversen Antragsteller thematisiert, die wie etwa der Zauberkünstler Nika Magadoff (als souveränes Schlitzohr agierte Roman Poboinyi) trotz aller Tricks gezwungen sind, Tag und Nacht im Wartebereich des Konsulats zu verharren. Folgerichtig und fast prophetisch textete Menotti (er war Komponist und Librettist in Personalunion) an einer Stelle: »Meere verdunsten, Sonnen erkalten … aber alle Dokumente müssen unterschrieben sein«. Facettenreich und dank raffinierten, lautmalerischen Effekten sorgt Menottis Musik für den thrillerähnlichen Sog. Gekonnt spiegelt das Orchester die jeweiligen emotionalen Ausnahmezustände, findet den ins Herz treffenden Soundtrack für Schmerz, Gefahr und Bedrohung, hantiert aber auch mit ironischen Brechungen. Am Ende verliert Magda alles und muss nicht nur mit dem Verlust ihrer Mutter und ihres Babys zurecht kommen. Die zuvor über ergreifende Filmszenen auf die Leinwand gebannten, bluttriefenden Alpträume sind wahr geworden – ein erbarmungsloser Horizont öffnet sich, in dem auch das Rettungsboot seinen berechtigten Platz behauptet. Die junge Regisseurin Antje Schupp stellte die Handlung in einen imaginären, nicht näher definierten, aber im Jetzt existierenden Staat. Dafür schuf das Keativteam um Bühnenbildner Christoph Rufer ein stimmiges Szenario mit einer dreigeteilten Spielfläche, in deren Background die unüberwindbaren Grenzzäune samt Zeltlagern anschaulich wurden – ebenso wie hier über das konkrete Einzelschicksal die unfassbare humanitäre Schieflage ins dramatische Scheinwerferlicht gestellt wurde.

Wie schön, dass am Unhappy-End vor der herabfallenden EU-Fahne das gewohnte Blitzlicht-Shake-Hands der politischen Entscheidungsträger die öffentlichkeitsberuhigende Scheinordung wiederherstellte!
Fazit: Sensationell! Der Aufführungsbesuch von Gian Carlo Menottis Oper »Der Konsul« im martini-Park ist ein Muss für alle, die emotionales, aktuelles und hochkarätig besetztes Musiktheater schätzen und miterleben wollen!

Weitere Termine: www.staatstheater-augsburg.de

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