Man muss durch das Leben tanzen

4. Oktober 2020 - 9:42 | Sarvara Urunova

Mit einem eindringlichen Konzert eröffnete die bayerische kammerphilharmonie ihre durch das 30-jährige Jubiläum gekennzeichnete Konzertsaison.

Ein dialektisches Thema stand im Mittelpunkt des Abends. Die Sopranistin Simone Kermes (Foto: Dirk Bleicker) präsentierte ihr Programm mit dem Titel »Inferno e Paradiso«: Hölle und Himmel sind zwei Gegenpole, zwei Wege, so alt wie die Welt, die sich in den Schicksalen der Menschheit scheiden und kreuzen. Die Idee, die Tugenden und die Todsünden durch die Musik aus vier Jahrhunderten zum Ausdruck zu bringen, ist originell und frisch. Wenn die Kompositionen aus den Barockzeiten noch an das Tugendhafte anknüpfen, sind die überarbeiteten Kompositionen der Moderne meistens mit dem Sündhaften verbunden. Während die anmutigen Arien von Giovanni Battista Bononcini oder Antonio Vivaldi noch die Caritas und Mäßigkeit besingen, verbindet Kermes provokativ und schillernd Udo Jürgens’ »Aber bitte mit Sahne« mit Völlerei und »Pokerface« von Lady Gaga mit Wollust. Die zart berührende Interpretation von Stings »Fields of Gold«, die mit dem Wohlwollen im Zusammenhang steht, ist da schon eine Ausnahme. Auf dem Weg zum Himmel geht es auch nicht ohne »Stairway to Heaven«, eine kalte Darstellung der Hochmut mit der klaren Stimme eines gefallenen Engels.

Zu Zeiten der Ungewissheit wirkt die Thematik aktueller denn je, das letzte Jahr hat seine schattigen Spuren hinterlassen, umso mehr gewinnen die lichtvollen Momente an Bedeutung. Die Protagonistin des Abends, Simone Kermes, bewegte sich spielerisch und leicht zwischen Licht und Schatten, ganz ihrem Motto entsprechend: Man muss durch das Leben tanzen. Eine Künstlerin, die Freude schenkt und damit nicht geizt. Der künstlerische Leiter des Abends, Ulrich Poschner, überzeugte durch seine emphatische Art und die Fähigkeit, die dynamische Art von Kermes und die Natürlichkeit des Orchesters einfühlsam unter einem Hut zu vereinen.

Haben wir eine Wahl, den Sünden zu entgehen? Der Kampf zwischen Gut und Böse erforderte schon immer Fingerspitzengefühl. Nur mit Liebe ist es möglich, den richtigen Weg zu wählen, so wie Simone Kermes auch im Laufe des Abends betont. Seinen Höhepunkt findet der Gedanke mit der Komposition von Marlene Dietrich »Ich werde dich lieben« zum Abschluss, ganz im Sinne von Dante Alighieri: »Es ist die Liebe, welche die Sonne und andere Sterne bewegt!«.

www.kammerphilharmonie.de
www.simone-kermes.de

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