Literatur

Manchmal lacht Gott über sich selbst

Jürgen Kannler
21. Dezember 2015

a3kultur: Herr Moratti, vor Kurzem erschien bei Ihnen im Wißner-Verlag »Das kleine Engele«. Dieses Kinderbuch spielt zur Weihnachtszeit in Augsburg, seine Helden sind eine Fledermaus, eine Ratte, eine Eule und natürlich das Engele mit roten Backen und frierenden Füßchen. Wie produziert man eigentlich in einem Sommer mit einer Durchschnittstemperatur von 35 Grad ein Wintermärchen?

Michael Moratti: Die Grundidee zum Engele kam mir tatsächlich im Hochsommer vor einem Jahr. Ich saß vor einem Café, las im Börsenblatt über Engel und Religionen und mir gegenüber lag die St.-Michaels-Apotheke in Pfersee mit dem wunderbaren großen Bildnis des Erzengels Michael über dem Eingang. So kam eins zum anderen. Dass Augsburg eine Bilderbuchfigur braucht, war mir schon vorher klar, dass es ein Engel wird, genau in diesem Augenblick. Erst sollte es tatsächlich um das Turamichele gehen, doch das wurde recht schnell zu einer Nebenrolle degradiert. Petra Götz hat dann auch gleich erfasst, um was es mir beim kleinen Engele geht, und die Geschichte zeichnerisch ganz wunderbar umgesetzt. Unser zweites Treffen fand dann tatsächlich auf dem Christkindelsmarkt statt.

Petra Götz: Zu dem Zeitpunkt konnte ich mir die Szenerie schon richtig gut vorstellen und wie unsere Figuren rund um den Rathausplatz ihre Abenteuer erleben. Die Geschichte ist dann bis Februar so langsam gewachsen, doch die heiße Phase des Zeichnens war wirklich im Sommer. Ich kann mich aber gut freimachen von diesen äußeren Bedingungen und auch bei Hitze dem Engele ganz rote Zehen malen, wenn es auf der Couch in der Fledermauswohnung oben im Perlachturm sitzt und friert.

Ihnen ist ein sehr stimmungsvolles Bändchen geglückt. Was ist für Sie denn das Besondere an der Weihnachtsstimmung unserer Region?

M.M.: Der Christkindlesmarkt spielt bei mir schon eine wichtige Rolle. Der Münchner geht aufs Oktoberfest und der Augsburger eben auf den Glühmarkt. Obwohl der Hype rund um den Rathausplatz eigentlich schon lange eine Nummer zu groß ist. Ich fühle mich auf den vielen kleinen Märken etwas wohler. 

P.G.: Für mich sind die Farben in der Weihnachtszeit das Größte. Die wunderbaren kalten Blau-, Grau- und Schwarztöne des Himmels und diese goldene Wärme, die überall herausströmt. Weihnachten ist für mich ein tiefes Ultramarinblau und dieses orange, goldene Licht.

M.M.: Meine Weihnachtsfarbe ist Rot. Rote Christbaumkugeln finde ich einfach stark, Grün steht natürlich für den Christbaum und dazu noch das weiße Kleid des Engeles – schon haben wir die Augsburgfarben.

Und Sie glauben natürlich nach wie vor ans Christkind, oder?

P.G.: Ich nicht mehr.

M.M.: Ich schon, allerdings bin ich generell etwas »engellastig« und in diese Kategorie fällt das Christkind natürlich auch.

P.G.: Ich finde an Weihnachten schön, dass man sich mit der Familie trifft und wieder einmal Leute sieht, für die man sonst nicht die Zeit hat, weil alle so viel beschäftigt sind. Außerdem liebt meine Tochter Weihnachten und es macht mich einfach wahnsinnig froh, wenn mein Kind glücklich ist.

Sie haben im »Kleinen Engele« intensiv das Augsburger Rathaus in den Fokus genommen. Wie haben Sie sich eigentlich schlau gemacht? Die Sache mit der abgehängten Decke im Goldenen Saal zum Beispiel ist gar nicht so bekannt.

M.M.: Davon wussten wir vorher auch nichts. Das war ein Tipp von Bernd Wißner, der ja als hervorragender Augsburgkenner gilt. Dass so ein geheimer Zwischenraum perfekt als Schlafsaal genutzt werden kann, liegt auf der Hand.

Und wenn die Engel wieder ausgezogen sind, zieht die Politik wieder ein ins Rathaus und in den geheimen Schlafsaal, um sich vom Regieren auszuruhen?

M.M.: Das ist eben die Frage, was damit passiert, wenn nicht gerade Advent ist. 

P.G.: Um so eine Situation wie mit der abgehängten Decke zeichnen zu können, muss man sie erst einmal begreifen, das heißt technisch verstehen. Ich habe mir dabei Rat bei einem Statiker geholt. 

M.M.: Neben dem Rathaus war für uns der Perlachturm für die Geschichte sehr wichtig. Wir wollten mit dem Buch schon auch zeigen, wie schön dieses Ensemble ist, und ein wenig Werbung für die Stadt machen. 

P.G.: Das sind beides unglaublich tolle Gebäude und sie gehören unbedingt zusammen. Der Turm funktioniert für mich nicht allein und das Rathaus schaut ohne Perlachturm »nackig« aus.

Man muss nicht aus Augsburg kommen, um das Buch zu verstehen. 

M.M.: Warum sollte es das Engele nicht irgendwann zum überregional agierenden Augsburg-Botschafter bringen? Warten wir einfach mal ab. Man sollte von dem kleinen Kerlchen aber auch nicht zu viel verlangen, schließlich hat es nur zwei Monate im Jahr Konjunktur. Dass dafür über lange Jahre. 

Die erste Frage meines Sohnes war, wo denn eigentlich die Politiker im Advent sind, wenn im Rathaus die Engel wohnen. Wissen Sie da eine Antwort?

M.M.: Ich glaube, die sind auf allen möglichen Weihnachtsfeiern.

P.G.: Vor allem aber auf dem Glühmarkt bei wichtigen Besprechungen.

Und wo steckt der Bürgermeister?

M.M.: Es gibt ja noch das Verwaltungsgebäude gegenüber dem Rathaus. Vielleicht hätten wir diese Info auch noch in das Buch einbauen sollen.

P.G.: Und die Ratte, die jetzt Max heißt, Kurt taufen?

M.M.: Ich fand Max gut wegen der Maximilianstraße, deswegen war Max für mich die Rathausratte. 

Und die Straße wird noch so heißen, wenn wir schon längst eine Bürgermeisterin haben. Wir haben die Rathausratte, wir haben die Domeule, wir haben die Perlachturmfledermaus, und alle drei feiern gemeinsam mit dem Engele, das ja keinen eigenen Namen trägt, geschlechtsneutral ist und somit jedes Kind sein könnte. Diese Bande feiert im Turm einfach, aber zünftig gemeinsam Weihnachten. Ein sehr schönes Bild. Und wie feiern Sie Weihnachten?

P.G.: Ebenfalls einfach und zünftig.

M.M.: Genau wie wir auch. Das kommt daher, dass meine Eltern früher ein Geschäft hatten, das an Heilig Abend bis zwei Uhr geöffnet hatte. Abends gibts noch heute Wienerle mit Kartoffelsalat und nach der Bescherung geht man in die Mitternachtsmette. 

Sie sprechen gerade von der Kirche. Engel, wie wir sie kennen und wie sie uns im Alltag begegnen, entstammen einem christlichen Werte- und Glaubenskontext, in dem natürlich auch der Ursprung von Weihnachten zu finden ist. Dennoch spielt der christliche Glaube in Ihrer Weihnachtsgeschichte keine Rolle. Warum?

M.M.: Ich wollte die Engel freimachen von irgendeiner Konvention und für sich stehen lassen. Auch beim Engelesspiel im Rathaus gibt es keine echten Bezüge zum Christkind, wie wir es aus der Kirche kennen. Das finde ich eigentlich eine gute Idee, an der man aber noch etwas arbeiten könnte. 

Zum Beispiel?

M.M.: Man könnte das Engelesspiel mit Domsingknaben besetzen und jedes Jahr ein neues Lied präsentieren. Dann würde die Frage im Mittelpunkt stehen, welcher Titel heuer neu ins Programm kommt, und das würde dem ganzen Ablauf etwas mehr Spannung und vielleicht auch Aktualität verleihen. Im Übrigen war ich schon immer ein Fan von Engeln. Ich mag Filme über Engel, ich mag Bücher über Engel und ich glaube vielleicht auch an Engel.

P.G.: Ich habe deine Geschichte zeichnerisch umgesetzt und hatte so gesehen weniger Spielraum. Ich weiß deshalb nicht, wie die Probleme, die ich mit der Amtskirche habe, in meine Arbeit eingeflossen wären, hätte ich frei zu dem Thema gezeichnet. Unabhängig davon, dass auch ich mich im Prinzip an christlichen Werten orientiere und an für mich nicht näher bestimmte Wesen glaube, die für mich zuweilen sogar spürbar sind. Das ist dann, wie eine Unterstützung von irgendwoher zu bekommen und nicht zu wissen woher.

Dass manche Kirchenvertreter Ihrer Sicht auf Weihnachten kritisch gegenüberstehen könnten, ist für Sie in Ordnung?

M.M.: Wir haben die Engel bewusst frecher gestaltet, als man sie sonst so zu sehen bekommt. Ich finde das auch nicht schlimm, weil ich im Bewusstsein erzogen bin, dass Gott manchmal über sich selbst lacht. Wir haben kein Tabu gebrochen, wir haben einfach eine nette Geschichte erzählt. Ich finde, Kinder sollten so lange wie möglich an die Engel und das Christkind glauben. Wenn das wegfällt, ist nämlich auch ein Stück der Kindheit weg.

Wir haben vorhin schon einmal kurz über die spezielle weihnachtliche Stimmung in Augsburg gesprochen. In Ihrem Buch zitieren Sie gerne bayrisches Barock, wie man es beispielsweise auch aus dem »Brandner Kaspar« kennt. Absicht?

P.G.: Aber sicher!

M.M.: Dass im »Kleinen Engele« eine Brandner-Kaspar-Stimmung aufgegriffen wird, wie wir sie aus der 1949er-Filmfassung von Erna Fentsch und Carl Wery kennen, war mir wichtig. Ich mochte diese wunderbare Art, mit einem Augenzwinkern vorgeblich bayrische Lebensart mit dem Alltag im Himmel zu verbinden. 

P.G.: Für Engel ist die Weihnachtszeit, wie man in unserem Buch gut sehen kann, eine sehr arbeitsreiche Zeit. Die feiern nicht, die bereiten die Menschen auf das Fest vor, und wenn sie in den Himmel hinauffliegen, ist für sie eine anstrengende Arbeitsperiode zu Ende und dann schlafen sie erst einmal drei Wochen.

M.M.: Weihnachten soll ja im besten Sinne auch entschleunigen. Viele Menschen machen sich aber gerade in dieser Zeit einen unheimlichen Stress, und das bis zum Heiligen Abend.

P.G.: Und dann werden sie krank.

M.M.: Genau.

Vorher feiert man aber noch Weihnachten. Sie bringen in Ihrem Buch vier recht unterschiedliche Charaktere im Perlachturm zum Feiern zusammen. Steckt da nicht auch der Wunsch dahinter, unvoreingenommen miteinander zusammenleben?

P.G.: Das könnte schon sein. Das Engele ist auf den ersten Blick ein Fremdkörper und passt in diese seltsame Gruppe von Tierchen eigentlich gar nicht hinein. Trotzdem funktioniert das ganz gut, was natürlich auch an der Fledermaus liegt, die alles zusammenhält. Und irgendwann merkt das Engele, wie schön das eigentlich ist, trotz Heimweh. Als ich das gezeichnet habe, verstand ich auf einmal wieder, warum sich die Menschen so auf Weihnachten freuen. 

M.M.: Die Tierfiguren sind Petra aber auch wirklich gut gelungen. Die Brigitte ist die schlaue, gute Eule aus dem Dom. Eine, die alles weiß und die Stadtführungen für die Gruppe macht. Die Ratte Max kennt sich natürlich perfekt in ihrem Revier aus und ist eigentlich auch ganz niedlich anzuschauen. Bei der Fledermaus ist für mich wichtig, dass sie als Fremder so sympathisch ist. Da steckt schon dahinter, dass Kinder vor dem Fremden keine Angst zu haben brauchen. 

P.G.: Das Thema ist ja sehr aktuell.

M.M.: Eigentlich ist Augsburg auch eine italienische Stadt. Da fällt mir diese tolle Szene vom Kasperle aus der Puppenkiste ein. Er philosophiert und meint: Also Bayern sind wir Augsburger nicht so richtig und Schwaben sind wir auch nicht so richtig, eigentlich wären wir am liebsten Römer geblieben. Das finde ich klasse.

Nun zur letzten Frage. Gibt es an Weihnachten Schnee?

M.M.: Ich glaube schon. Vielleicht sollten wir die Eule fragen. 

P.G.: Klar gibt es weiße Weihnachten.

Zumindest im »Kleinen Engele«.

 

Foto: Eule, Ratte, Engelchen und Fledermaus feiern sichtlich fröhlich Stille Nacht, Heilige Nacht. (Foto: Wißner-Verlag)

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