Materialflut

16. Oktober 2017 - 11:06 | Janina Kölbl

»paradies fluten (verirrte sinfonie)« feierte Premiere auf der Brechtbühne des Theaters Augsburg

»paradies fluten (verirrte sinfonie)« von Kleist-Förderpreisträger Thomas Köck ist ein Werk hochkomplexer Erzählung und Handlungsstränge. Regisseurin Nicole Schneiderbauer bereitet den Themenkomplex Kapitalismus und Klimawandel mit Hilfe artistischer und visueller Hochleistung hervorragend auf.

Ebenso verwoben wie das große Fischernetz, welches als Requisite über der Spielstätte schwebte, schienen die narrativen Ansätze der Erzählenden zu sein: Es wurde sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft  geblickt. Immer mit dabei: Plusquamperfekt und Futur II – die sprachlichen Mittel an diesem Abend. Gerne bedienten sich die vier Protagonisten dieser,  wohl um ihr eigenes Befinden besser erklären zu können. Das Stück behandelt den hiesigen Kapitalismus, die schreckliche Ökonomie, das Immer-mehr-Wollen und die kontinuierliche Überhitzung des Ganzen. Materialflut scheint das ambivalente Kompositum des Abends. Ein Wort, das sich wie ein roter Faden durch die gesamte Inszenierung hinweg zieht. So scheint es, als möchte man den Zuschauern sagen: Wir drohen an der Flut zu ersticken – und damit an unserer eigenen Gier.

Die Schauspieler, die in hautfarbene Anzügen auf die Bühne treten, scheinen zu schlafen. Nur zwei Stimmen, die sich in ihrem Dialog ergänzen, sind da zu hören. Doch werden es immer mehr: Aus zwei werden vier und ehe man sich versieht, schweben sie grazil-artistisch über dem Theaterboden, welcher ebenbürtig zu den Zuschauern gelegen ist. Ein Zufall? Wohl kaum. Mikrofone hängen im ganzen Raum verteilt,  Bewegungen und Worte der Schauspieler sind ebenso durchdacht wie spielerisch, sie unterliegen strengen Spielprinzipien. Unterstützt werden die Handlungsstränge von ausgefeilter Videotechnik – hier und da blitzt sogar ein Stück Meeresrauschen auf. Es scheint ein Stück im Stück zu sein. Die zwei Handlungen, die nebenher koexistieren und trotzdem miteinander verwoben sind, scheinen sich zu ergänzen. Da treffen Erinnerungsströme auf Dialoge, Utopien auf Monologe.

Einmal ist es die Geschichte einer Otto-Normal-Familie aus Ostdeutschland, Vater Mutter und Tochter, die Großmutter und der Großvater. Die Arbeit steht im Zentrum der inneren Krise, Vater und  Tochter sind Opfer der angeblich freien Marktwirtschaft der 90er-Jahre. Beide hoffen auf Selbstverwirklichung, was sie bekommen ist das große wirtschaftliche und persönliche Scheitern. 

Und da ist ebenso die Geschichte vom fiktiven Architekten Felix Nachtigall, 1890 es ist der Kautschukboom, auf der Suche nach Erfolg und verirrt im Urwald, ein Urwald des Kautschuks und des Raubbaus – des wirtschaftlichen Erfolges und der Zerstörung. So schließt sich der Kreis der beiden Geschichten. 

In »Paradies Fluten« geht es um Utopien, um größere und kleinere Zusammenhänge. Ein Aufarbeiten der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft.

Die nächsten Termine: 20., 21. und 27. Oktober.

www.theater-augsburg.de

Foto: Jan-Pieter Fuhr

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