Mehr als Musik

25. Februar 2018 - 20:38 | Janina Kölbl

Mit der Langen Brechtnacht am vergangenen Samstagabend bot das Brechtfestival auch in diesem Jahr eine Plattform für internationale Musiker*innen und außergewöhnliche Genres.

Die Lange Brechtnacht ist selbst eine Institution im hiesigen Kulturkalender geworden und soll – ganz im Sinne Brechts – grenzüberschreitende Musik vorstellen. So spielte an diesem Abend eine große Bandbreite an internationalen Musiker*innen im tim, Provino Club, Mephisto, auf der Brechtbühne, im Weißen Lamm, im Jazzclub sowie in der Soho Stage.

Einen Anfang fand die Brechtnacht im neuen Standort Textilmuseum mit der jungen Künstlerin Wallis Bird aus Irland, die von der Presse als »Ausnahmemusikerin« gelobt wird. Die Frau mit dem rasierten Kopf erinnerte in ihrem Auftreten, der Performance und ihrem kraftvollen Gesang sofort an Ikonen wie Janis Joplin – vielleicht ein Vorbild? Jedenfalls beliefen sich die Stücke ihres jüngsten Albums »Bird« auf gekonnt genreübergreifenden Sound. Mal war es R 'n' B, mal A-cappella, wie das tieftraurige »Home«, mal Body-Percussion, dann wieder ein mächtiger Klangteppich, der nach irischer Folkmusik klang. So vielfältig wie diese Frau scheint, ist auch ihre Musik – und die ihrer großartigen, talentierten Mitmusiker*innen. Die Band euphorisierte das Publikum und ließ den ein oder anderen in einem schönen und warmen Schwelgen zurück.

Der zweite Act an diesem Abend war für mich Locas in Love, eine Popband aus Köln. Die Band schafft es seit über 10 Jahren komplexe deutsche Lyrik in gute Popmusik zu fügen, ohne dass es gekünstelt wirken mag. Die Band präsentierte an diesem Abend eines ihrer wohl bekanntesten Alben unter dem Titel »Saurus«, das zwar schon 2007 erschien, dieses Jahr jedoch ein Revival in Form einer Tour erlebt. So erfreuten die Indie-Popper mit alten Klassikern und bereiteten ein wahres Hochgefühl für eingeschweißte Fans. Man hatte das Gefühl, sie lieben es auch nach den zahlreichen Zugaben immer noch auf der Bühne des Provino Clubs zu stehen – das Konzert umfasste gut eineinhalb Stunden. Den Abschluss fand die Band mit Stefanie Schranks Song »An den falschen Orten«, ein Ohrwurm, der bestimmt bei vielen (jedenfalls bei mir) hängen blieb.

Um 23 Uhr ging es ins Mephisto-Kino – ein außergewöhnliches Etablissement für Konzerte. Hier spielte die Berliner Gruppierung Daniel Kahn & The Painted Bird. Das Konzert, das von Karman e.V. mitorganisiert wurde, lud an diesem Abend wohl am meisten zum Tanzen ein, was sich durch die Kinobestuhlung jedoch ein wenig erschwerte. Gesungen wurde vor allem auf jiddisch, die facettenreiche Instrumentierung der Musiker ging von der Gitarre über Klarinette, Violine und Kontrabass bis hin zum Schlagzeug. Zu dem energiegeladenen Sound präsentierten die Musiker eine Power-Point-Präsentation mit der jeweiligen Übersetzung und einer bildlichen Untermalung der Stücke. Natürlich durften bei dieser Klezmermusik auch politische Parolen nicht fehlen, so hieß es ernst-ironisch einmal: »Nicht-Arbeiter aller Länder vereinigt Euch!«

Die Lange Brechtnacht bereitete, wohl nicht nur mir, einen wunderbaren Abend mit tollen Musiker*innen, ihren individuellen Stilen und Botschaften. So zeigte sie einmal mehr: Musik ist mehr als Musik. Musik belebt, weckt Gefühle und ist – ganz im Sinne Brechts – durchaus politisch.

www.brechtfestival.de

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