Mehr als nur eine Worthülse

22. Juli 2016 - 15:10 | Patrick Bellgardt

Christiane Lembert-Dobler zeichnet in diesem Jahr erstmals für das Rahmenprogramm zum Augsburger Hohen Friedensfest verantwortlich. Patrick Bellgardt traf sich mit der Leiterin des Friedensbüros im »Taubenschlag«, dem zentralen Anlaufpunkt während der rund vier Festivalwochen.

a3kultur: In den vergangenen Jahren sind in ganz Europa Kräfte erstarkt, die mit ihrem Auftreten einen Mut zu Vorurteilen, Ausgrenzung und Diskriminierung propagieren. Salopp gefragt: Was unterscheidet guten Mut von schlechtem?
Christiane Lembert-Dobler: Mut kann auch etwas Negatives sein – diese Stimmen kamen natürlich auch während unserer Planungen auf. Aufgrund des Erstarkens der AfD und anderer rechtspopulistischer Strömungen war es an der Zeit, über dieses Phänomen nachzudenken. Ist der viel zitierte Wahlkampfslogan »Mut zur Wahrheit« beispielsweise eine Wahrheit, um endlich mal wieder richtig diskriminieren zu können? Nach dem Motto »Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!«? Ich empfinde solche Positionen jedenfalls nicht als Mut. Letztlich kamen wir zu dem Ergebnis, dass wir uns den Mut von solchen Gruppen nicht nehmen lassen sollten – und so wurde er zum Thema des diesjährigen Friedensfestes.

Zur Eröffnung des Friedensfestprogramms im Rathaus setzte das Equal Rights Movement Augsburg – eine Gruppe von Geflüchteten, die hier in Duldung leben müssen – ein starkes Zeichen: »Wir wollen, wir können, aber wir dürfen nicht« war auf den Schildern der Aktivisten zu lesen. Ist das Friedensfest ein Ort für gesellschaftliche Veränderung?
Warum nicht! Die Formate des Friedensbüros und auch das Friedensfestprogramm sehe ich als Plattform, um Themen zu diskutieren, die schließlich zu einer Veränderung führen können. Wir selbst verstehen uns jedoch nicht als Büro, das einen politischen Wandel operativ umsetzt. Gleichzeitig wünsche ich mir natürlich, dass während des Friedensfestprogramms Dinge angestoßen werden, die eine gewisse Nachhaltigkeit besitzen.

Ein Beispiel: Zur Eröffnung hatten wir auch die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders, zu Gast. In diesem Kontext haben wir bei den Stadtratsfraktionen nachgefragt, wie es eigentlich hier mit einer entsprechenden Stelle aussieht. Dabei sind wir auf einen Antrag der SPD aus dem Jahr 2014 gestoßen. Wir richten solche Stellen nicht ein, greifen das Thema jedoch auf und bringen es damit wieder in den Fokus der Öffentlichkeit. Wir diskutieren mit und bringen Menschen und Themen zueinander. Auch mit Mitteln der Kunst.

Ihre Kollegin Margret Spohn vom Büro für Migration, Interkultur und Vielfalt sieht ihre Aufgabe darin, diese Themen nicht nur in die Stadtgesellschaft, sondern auch in die Politik, Verwaltung und Wirtschaft zu tragen. Haben Sie als Leiterin des Friedensbüros einen ähnlichen Anspruch?
Ich begrüße die Arbeit meiner Kollegin sehr. Die interkulturelle Öffnung der Verwaltung, die das Büro für Migration, Interkultur und Vielfalt anstrebt, ist ein fortlaufender Prozess, der gerade in Gang gesetzt wurde. Margret Spohn und ihr Team arbeiten dabei auf der operativen Ebene, beispielsweise mit gezielten Trainings. Das machen wir als Friedensbüro eigentlich nicht. Wir verantworten eher die künstlerische und diskursive Herangehensweise. Um bei dem bereits angeführten Beispiel der Antidiskriminierungsstelle zu bleiben: Wir selbst führen keine Antidiskrimierungsberatung durch, stoßen solche Themen aber sehr wohl offensiv durch unser Programm an – zum Beispiel mit dem Auftritt der inklusiven Dance Company »Ich bin O.K.« bei der Eröffnung.

Die Vernetzung der Verwaltung ist jedoch ein Aspekt, den ich sehr spannend finde. Hier gibt es sehr viele Schnittstellen. Um Leute aus den unterschiedlichen Referaten zusammenzubringen, finden seit einiger Zeit sogenannte Querschnittstreffen statt. Auch beim Friedensfestprogramm fände ich es toll, wenn noch weitere Akteure aus anderen Referaten mit im Boot wären. 2015 war das Geodatenamt dabei, das eine Veranstaltung zum Thema Grenzen gemacht hat. In diesem Jahr hat uns das Baureferat bei der »Mut«-Installation am Rathausplatz stark unterstützt. Wir arbeiten neben dem Büro für Migration unter anderem mit dem Kriminalpräventiven Rat und der Gleichstellungsstelle zusammen.

Namhafte Unternehmen produzieren in unserer Region Rüstungsteile, die in die ganze Welt exportiert werden. Die Universität sprach sich zuletzt gegen eine Zivilklausel aus. Der Master-Studiengang »Friedens- und Konfliktforschung« verliert seinen Namen. Kurz gesagt: Die Friedensstadt Augsburg hat mit ihrem Ruf zu kämpfen. Was bedeutet das für die Arbeit Ihres Büros?
Ich denke, dass die Bezeichnung »Friedensstadt« ein historisches Erbe und eine Verpflichtung zugleich darstellt. Ich kann mich als Leiterin des Friedensbüros aber nicht hinstellen und sagen: Die Rüstungsproduktion muss komplett aus der Stadt verschwinden! Das wäre mir zu einfach. Ich kann aber – wie gesagt – eine Plattform zur Auseinandersetzung anbieten. Es gibt Gesetze, Vorgaben und Zwänge, es gibt aber immer auch Spielräume. Ich trete dafür ein, diese politischen und gesellschaftlichen Spielräume in einer friedlichen Richtung zu leben und darin zu agieren. Zu sagen, dass wir hier in einem Utopia leben und alles gut ist, ist natürlich Unsinn. Nichtsdestotrotz ist der Versuch, sich dieser Vorstellung anzunähern, eine Herausforderung, der man sich immer wieder stellen sollte.

Bei Ihrer Eröffnungsrede sprachen Sie davon, dass der Titel »Friedensstadt« nicht nur eine »sinnentleerte Worthülse« sein sollte.
Diese Bezeichnung wurde zuletzt beim Besuch der AfD-Chefin Frauke Petry im Februar ganz groß an das Verwaltungsgebäude geschrieben. In diesem Zusammenhang wurde eine Resolution zur Friedensstadt Augsburg beschlossen. Um das Ganze auf den Weg zu bringen und die ersten Schritte zu diskutieren, laden wir nun am 4. August um 17 Uhr zu einem ersten Treffen in den »Taubenschlag«: Was sollte in einer solchen Resolution stehen? Welche Ziele sind damit verbunden? Wer ist an der Erstellung beteiligt? Die entscheidende Frage ist letztlich jedoch, welche Relevanz das Papier haben wird. Unter anderem bei diesem Thema wird sich zeigen, ob der Titel »Friedensstadt« mehr ist als nur eine Worthülse.

Erstmals hat das Friedensfest eine eigene Festivalzentrale. Ist das Konzept des »Taubenschlags« am Moritzplatz bislang aufgegangen?
Wir wollten ursprünglich eine Infozentrale zu Antidiskriminierung, an der wir ab und zu auch Veranstaltungen ermöglichen können, die Aktualität haben und nicht mehr den Weg ins Programmheft geschafft haben. Dass sich daraus ein »Mut-Laden« und ein so lebendiger »Taubenschlag« mit einer eigenen Programmschiene und einer eigenen Crew um Simson Hermann entwickelt haben, ist großartig! Diese Zentrale steht für den Mut zur Improvisation! Das ist kein routinierter Veranstaltungsort im herkömmlichen Sinne, sondern ein Probierfeld. Und er spricht auch die jungen Leute an. In diesem Sinn ist das Konzept aufgegangen.

Das komplette Friedensfest-Programm gibt es online unter:
www.augsburg.de/kultur/kulturthemen/frieden
Das tagesaktuelle Angebot im »Taubenschlag« lesen Sie auf:
www.facebook.com/taubenschlag.gfconcept

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