Mein Freund, der Baum

23. März 2020 - 9:57 | Gast

Der Wald bot schon immer Schutz, war und ist ein schier unerschöpfliches Füllhorn an Nahrung und Leben. Seit Menschen ihn als Ressource entdeckten, musste er viel ertragen. Von Björn Kühnel

Vor über 50 Jahren besang die Bardin Alexandra melancholisch den Tod ihres Freundes von Kindestagen an, eines Baums: »Mein Freund, der Baum, ist tot, er fiel im frühen Morgenrot.« Was wie ein kitschiges Schlagerklischee anmutet, ist doch viel mehr. Die Sehnsucht nach der Verbrüderung mit der Natur ist ja nicht erst seit der Klimaveränderung eine tiefe, schon seit jeher leben die Menschen in und vor allem mit der Natur. Dass der Baum vorrangig als Inbegriff der Flora gilt, ist kein Wunder. Keine andere Pflanze ist so dominant und verletzlich zugleich, bietet so viel: Zuflucht und Schutz, Standhaftigkeit und Schönheit, Geschichte und Geschichten.

Und die wohl ausgeprägteste Form des Baumdaseins ist der Wald. Der Deutschen liebes, viel besungenes und bedichtetes Refugium. Sich erstreckend über Berge und Täler bot der Wald schon immer Schutz, war und ist ein schier unerschöpfliches Füllhorn an Nahrung und Leben. Ohne die Arbeit der Wälder wäre die Atmosphäre unserer Welt für uns nicht zu gebrauchen, die Bäume hauchen uns im wahrsten Sinne des Wortes Leben ein. Nicht aus Zufall erscheint uns ein Spaziergang durch den Wald als Kur und Wohltat für die Seele. Tief durchatmen, den Geruch der verschiedensten Aromen der Natur aufsaugen, was gibt es Entspannenderes? Und den Erzählungen lauschen, die uns die Bäume zuflüstern. Dankenswerterweise haben wir in unseren Regionen (noch) relativ verbreitet Wälder, dies ist nicht weltweit so. Seit Menschen den Wald als Ressource diverser Art für sich entdeckten, musste dieser »Freund« viel ertragen und wurde teils fast ausgerottet. Kann sich noch jemand Griechenland, überhaupt den Mittelmeerraum als dicht bewaldetes Gebiet vorstellen?

Mit der Ausbreitung der Zivilisation und der damit verbundenen Urbanisierung durch das Römische Reich verkam der Wald von der Schutzzone zum Materiallager. Unzählige Waldflächen wurden gerodet, für den Hausbau, die Beheizung der Städte, die Flotte, das Militär … und natürlich kein Gedanke an Wiederaufforstung. Ähnliches passierte in Schottland, wo der Waldbestand auf 1 % seiner einstigen Fläche abgeholzt wurde. Die so romantischen, kahlen Highlands waren einstmals flächendeckend mit Urwäldern überzogen, dem heute fast in Vergessenheit geratenen »Caledonian Forest«. Ganz zu schweigen von den Untaten, die in neuester Zeit mit der grünen Lunge der Welt, dem Regenwald in Südamerika, passieren. Töten wir unseren menschlichen Bruder, ist es ein zu bestrafendes Verbrechen, verfahren wir mit unserem Bruder Baum ebenso, wird geschwiegen. Aber weg von diesen düsteren Gedanken, hin zu dem Wunder Wald, einem ganzen Universum, das es zu entdecken gilt.

Vor vielen Jahren hatte ich das Glück, in den österreichischen Alpenausläufern mit einem Naturführer durch ein Schutzgebiet voll üppigen Wachstums zu wandern. Er öffnete mir die Augen für die Faszination Wald noch weiter, für das Zusammenspiel unterschiedlichster Arten, die Einmaligkeit der Selbstregulierung der Natur. In einem »Urwald« stehen Bäume verschiedenster Art, Größe, Dicke und gestaffelten Alters nebeneinander. So hilft der eine dem anderen, es gilt mittlerweile als erwiesen, dass Bäume über ihre Wurzeln miteinander kommunizieren und sich sogar gegenseitig mit Wasser versorgen. Die starken helfen den jungen, noch schwächeren, für eine gemeinsame Zukunft. Zwischen den »Großen« wachsen »Kleine«, siedeln sich Farne, Moose, Pilze und Unmengen Mikroorganismen an. Altholz und sonstige abgestorbene Pflanzen dienen der natürlichen Düngung und die Biomasse erneuert sich von selbst. Bei klassischen Aufforstungen, wo über eine weite Fläche Bäume gleichen Alters und gleicher Sorte gepflanzt werden, funktioniert dies nur in geringem Maße. Bei Forstbesitzern, die über den Tellerrand schauen und nicht nur auf ihren Profit, erhält diese Einsicht inzwischen immer mehr Anerkennung, Abholzungen passieren nicht mehr flächendeckend, sondern in kleinen Zonen, damit sich der Wald erholen kann und im Schutz der kleinen Lichtung neue Bäume ganz ohne künstliche Nachpflanzung im Sonnenlicht (er)wachsen werden.

Auch muss dem Wild wieder verstärkt die Möglichkeit gegeben werden, auf Lichtungen, besser noch auf wilden Wiesen außerhalb des Waldes Nahrung zu finden, um den Verbiss an Jungpflanzen innerhalb des Forstes so gering wie möglich zu halten. Mit solchen Wiesen würde auch wieder ein Gabentisch für Bienen und jegliche anderen Arten ausgebreitet, ein perfekter Kreislauf, den der Mensch nun schon (zu) lange stört. Wie befriedigend war es bei meinem letzten Besuch des Botanischen Gartens, zu lesen, dass bei einem von einer Spinnmilbe befallenen Baum keine Gegenmaßnahmen ergriffen wurden, da man wohl seit Kurzem weiß, dass der Befall nur eine Saison betrifft und die angegriffenen und abgestorbenen Teile der Pflanze im darauffolgenden Jahr wieder austreiben bzw. nachwachsen – es also überhaupt keine Notwendigkeit gibt, mit Menschenhand einzugreifen. Schon als Kind war es mir immer ein großes Vergnügen, durch den Wald zu streunen, mich darin auszutoben, besondere Stecken, Steine, Blätter zu sammeln, und dabei überkam mich jedes Mal ein erhabener Schauer.

Ich möchte nicht pathetisch klingen, aber im Wald fühlte ich mich stets sicher und beschützt. Ich war Teil dieses Wunders: Natur. Der Wald, mein Freund … Welch schöner Gedanke, dass wir Menschen es schaffen könnten, in Freundschaft und im Einklang mit Flora und Fauna unsere Welt und damit nicht zuletzt uns am Leben zu erhalten.


Dieser Beitrag erschien in der a3regional-Ausgabe Frühjahr 2020 zum Thema HOLZ WILD WALD. Zum Download des Magazins als .pdf hier klicken.

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