Das ist mein Land, den Anspruch gebe ich nicht auf!

18. Februar 2017 - 12:44 | Susanne Thoma

Kulturelle Highlights und viele emotionale Momente bei der Gründungsfeier des Augsburger Regionalverbandes der Sinti und Roma.

Die meisten der Sinti und Roma sind heute sesshaft. Marcella Reinhardt, die frisch gebackene Regionalvorsitzende des Augsburger Verbandes, begrüßte die Gäste beim Festakt deshalb wohl aus Tradition mit »Liebe Reisende«. Zahlreich waren die Geladenen in das Augsburger Rathaus gekommen, darunter viele sehr junge Leute. Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats der Sinti und Roma, appellierte an alle demokratischen Kräfte, den Rechtsstaat und unsere Werte gegen alle verfassungsfeindlichen Bestrebungen entschlossen zu verteidigen. Er sprach von der Gefährlichkeit, die der Rechtspopulismus mit sich bringt. »Nicht nur für uns als Minderheit nehmen Diskriminierungen und Angriffe wieder zu. Das Projekt Demokratie als Ganzes ist gefährdet!« Für sein Bekenntnis »ich bin Heidelberger, das ist mein Land, diesen Anspruch gebe ich nicht auf!«, erhielt er anhaltenden Applaus.

Frederika Brand berichtete als eine der wenigen noch lebenden Augsburger Zeitzeug*innen von ihren Erlebnissen im Konzentrationslager Dachau. Als junges Mädchen konnte sie zusammen mit einer Schwester in den Wald flüchten und entkommen. Ihre Familie blieb aber zurück und wurde ermordet. Zunächst noch gefasst, später zunehmend verzweifelter, sprach sie sehr detailliert über ihr Schicksal und die Grausamkeiten, die sie und andere erleben mussten. Welch leidvolle Geschichte! 500 000 Sinti und Roma wurden während der NS-Zeit vernichtet. Das Programm war eindeutig: Auch der letzte »Zigeuner« musste nach Ansicht der Rassenideologen systematisch ausgerottet werden. Die Erschütterung der Gäste im Saal war zu spüren. 70 Jahre sind es her und noch immer sind die Wunden nicht verheilt. Frederika Brand sagt, sie hat vergeben, aber vergessen wird sie nicht. Damit das Vergessen nicht statt findet, setzt sich Marcella Reinhardt für ein Augsburger Dokumentations- und Bildungshaus zum Thema Holocaust ein. Sie will vor allem die Jugend über die schrecklichen Gräueltaten informieren. Als Ort für ihr Vorhaben soll die »Halle 116« im Sheridan-Park dienen. Das Gebäude war unter dem NS-Regime als Zwangsarbeiterbaracke und Außenstelle des Konzentrationslagers Dachau genutzt worden.

Einen sehr würdigen Rahmen erhielt der Festakt durch die Musik von Nico Franz aus Langweid, der vom »Familie Prinz Ensemble« aus Memmingen und der Pianistin Junko Podwojewski begleitet wurde. Der 20-jährige Violinist Nico Franz wurde bereits mit neun Jahren in das Augsburger Sinfonie-Orchester aufgenommen und wirkte dort 4 Jahre lang mit. Nach mehreren Meisterkursen studiert er seit 2013 am Leopold Mozart Zentrum der Universität Augsburg. Erst kürzlich erhielt er den 1. Preis des Jugend-Musik-Förderpreises Allgäu. Eine Auszeichnung in diesem Wettbewerb erhielt auch Elias Prinz, der virtuos mit seiner Gitarre glänzte. Das Repertoire an diesem Abend bestand unter anderem aus Musik von Ernest Bloch Nigun und John Williams Thema aus »Schindlers Liste«. Der elegante junge Künstler Nico Franz zeigte ein unglaublich leidenschaftliches Spiel auf höchstem Niveau, während Fotos von Überlebenden der Vernichtungslager und deren Familien gezeigt wurden. Emotionaler konnte es kaum sein.

Weitere Positionen

17. Februar 2019 - 14:59 | Martin Schmidt

Soundblast »Glaspalast«: Augsburgs Indie-Label »Kleine Untergrund Schallplatten« (KUS) legt seine erste Compilation vor. Eine Rezension

12. Februar 2019 - 16:54 | Renate Baumiller-Guggenberger

Im 4. Sinfoniekonzert der Augsburger Philharmoniker wurde es mit Humperdinck, Kerschek und Bartók mehr als »Märchenhaft«.

anselm_kiefer_frauen_der_antike_erinnye_cornelia_2004_2006_gips_stacheldraht_natodraht_190_x_210_x_160_cm_onlinebild.jpeg
7. Februar 2019 - 8:25 | Bettina Kohlen

Im Augsburger Glaspalast, einem Industriegebäude von 1910, sind neben zahlreichen Büros auch einige Orte der Kunst zu finden. Darunter die Galerie Noah und das Kunstmuseum Walter, wo ab dem 9. Februar Werke von Anselm Kiefer präsentiert werden.

6. Februar 2019 - 8:47 | Jürgen Kannler

Am 8. und 9. Februar präsentieren die Absolvent*innen der Fakultät für Gestaltung an der Hochschule in Augsburg ihre Abschlussarbeiten bei der Werkschau 18/19. Ein Interview mit Dekan Daniel Rothaug

5. Februar 2019 - 12:24 | Dieter Ferdinand

Das Staatstheater Augsburg bringt im martini-Park die Oper »Werther« von Jules Massenet zur Aufführung.

5. Februar 2019 - 9:37 | Renate Baumiller-Guggenberger

Der vierteilige Tanzabend »Missing Link« feierte Premiere in der neuen Brechtbühne im Gaswerk.

5. Februar 2019 - 9:22 | Iacov Grinberg

Der Kreativmarkt, der in Augsburg am 2. und 3. Februar nun schon zum dritten Mal stattfand, bot allerhand Kreatives für Bastler.

Wolfgang Lettl_selbstportrait_2004
2. Februar 2019 - 18:06 | Bettina Kohlen

Die aktuelle Lettl-Ausstellung im Schaezlerpalais kam durch eine Entscheidung des Stadtrates zustande.

2. Februar 2019 - 9:04 | Jürgen Kannler

Ein Gespräch mit den Grandhotel Cosmopolis-Aktivistinnen Micha Kfir und Susa Gunzner-Sattler über Wege aus der Krise.

1. Februar 2019 - 12:30 | Martin Schmidt

Stefan Schulzkis neue CD »Chamber Music«: ein schillernder Klassik-Avantgarde-Crossover.