Politik & Gesellschaft

Das ist mein Land, den Anspruch gebe ich nicht auf!

Susanne Thoma
18. Februar 2017

Die meisten der Sinti und Roma sind heute sesshaft. Marcella Reinhardt, die frisch gebackene Regionalvorsitzende des Augsburger Verbandes, begrüßte die Gäste beim Festakt deshalb wohl aus Tradition mit »Liebe Reisende«. Zahlreich waren die Geladenen in das Augsburger Rathaus gekommen, darunter viele sehr junge Leute. Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats der Sinti und Roma, appellierte an alle demokratischen Kräfte, den Rechtsstaat und unsere Werte gegen alle verfassungsfeindlichen Bestrebungen entschlossen zu verteidigen. Er sprach von der Gefährlichkeit, die der Rechtspopulismus mit sich bringt. »Nicht nur für uns als Minderheit nehmen Diskriminierungen und Angriffe wieder zu. Das Projekt Demokratie als Ganzes ist gefährdet!« Für sein Bekenntnis »ich bin Heidelberger, das ist mein Land, diesen Anspruch gebe ich nicht auf!«, erhielt er anhaltenden Applaus.

Frederika Brand berichtete als eine der wenigen noch lebenden Augsburger Zeitzeug*innen von ihren Erlebnissen im Konzentrationslager Dachau. Als junges Mädchen konnte sie zusammen mit einer Schwester in den Wald flüchten und entkommen. Ihre Familie blieb aber zurück und wurde ermordet. Zunächst noch gefasst, später zunehmend verzweifelter, sprach sie sehr detailliert über ihr Schicksal und die Grausamkeiten, die sie und andere erleben mussten. Welch leidvolle Geschichte! 500 000 Sinti und Roma wurden während der NS-Zeit vernichtet. Das Programm war eindeutig: Auch der letzte »Zigeuner« musste nach Ansicht der Rassenideologen systematisch ausgerottet werden. Die Erschütterung der Gäste im Saal war zu spüren. 70 Jahre sind es her und noch immer sind die Wunden nicht verheilt. Frederika Brand sagt, sie hat vergeben, aber vergessen wird sie nicht. Damit das Vergessen nicht statt findet, setzt sich Marcella Reinhardt für ein Augsburger Dokumentations- und Bildungshaus zum Thema Holocaust ein. Sie will vor allem die Jugend über die schrecklichen Gräueltaten informieren. Als Ort für ihr Vorhaben soll die »Halle 116« im Sheridan-Park dienen. Das Gebäude war unter dem NS-Regime als Zwangsarbeiterbaracke und Außenstelle des Konzentrationslagers Dachau genutzt worden.

Einen sehr würdigen Rahmen erhielt der Festakt durch die Musik von Nico Franz aus Langweid, der vom »Familie Prinz Ensemble« aus Memmingen und der Pianistin Junko Podwojewski begleitet wurde. Der 20-jährige Violinist Nico Franz wurde bereits mit neun Jahren in das Augsburger Sinfonie-Orchester aufgenommen und wirkte dort 4 Jahre lang mit. Nach mehreren Meisterkursen studiert er seit 2013 am Leopold Mozart Zentrum der Universität Augsburg. Erst kürzlich erhielt er den 1. Preis des Jugend-Musik-Förderpreises Allgäu. Eine Auszeichnung in diesem Wettbewerb erhielt auch Elias Prinz, der virtuos mit seiner Gitarre glänzte. Das Repertoire an diesem Abend bestand unter anderem aus Musik von Ernest Bloch Nigun und John Williams Thema aus »Schindlers Liste«. Der elegante junge Künstler Nico Franz zeigte ein unglaublich leidenschaftliches Spiel auf höchstem Niveau, während Fotos von Überlebenden der Vernichtungslager und deren Familien gezeigt wurden. Emotionaler konnte es kaum sein.

Weitere Positionen

27. November 2021 - 9:00 | Manuel Schedl

Die erste Kunstausstellung im 2019 sanierten Wittelsbacher Schloss in Friedberg widmet sich unterschiedlichen Aspekten der Zeit in Kunst und Kunsthandwerk und glänzt mit großen Namen von Philipp Otto Runge bis Salvador Dalí.

26. November 2021 - 18:00 | Anna Hahn

Cornelia Funkes Erfolgsroman »Tintenherz« ist das aktuelle Familienmärchen zur Weihnachtszeit des Staatstheaters. Es ist spannend, düster, lustig und voller Liebe.

26. November 2021 - 13:20 | Anna Hahn

Die Comic-Autorin Lisa Frühbeis erhält heuer den 62. Kunstförderpreis der Stadt Augsburg in der Kategorie Literatur. Dazu herzlichste Gratulation! Eine sehr gute Entscheidung der Stadt, findet Michael Moratti. Ein Gastbeitrag mit Lesetipps.

25. November 2021 - 10:30 | Juliana Hazoth

Am 10. November fand in der Stadtbücherei eine Lesung mit anschließendem Gespräch mit der in Paris geborenen Autorin Elisa Diallo und dem Schweizer Autor Thomas Meyer statt. Unsere Literaturredakteurin Juliana Hazoth traf im Vorfeld der Lesung Thomas Meyer und sprach mit ihm über sein Buch »Was soll an meiner Nase bitte jüdisch sein?«.

24. November 2021 - 8:00 | Juliana Hazoth

Im dritten Anlauf gelang dem Staatstheater schließlich die Premiere von »Die Kunst des Wohnens« und begeisterte damit das Publikum.

23. November 2021 - 12:04 | Juliana Hazoth

Das multimediale Theaterensemble Bluespot Productions bringt mit »WYZCK-20« einen Klassiker auf die Bühne, dessen zentrale Frage nach dem Wert des Menschen nie an Aktualität verliert.

22. November 2021 - 18:00 | Juliana Hazoth

Regisseurin Lilli-Hannah Hoepner inszeniert in »Mary Page Marlowe« die Suche nach einem erfüllten und selbstbestimmten Leben.

22. November 2021 - 10:01 | Renate Baumiller-Guggenberger

Konzertant und in ungarischer Originalsprache (mit deutschen Übertiteln) präsentierte Augsburgs GMD Domonkos Héja im 2. Sinfoniekonzert am Dienstag und Mittwoch nach Mozarts Jupitersinfonie die einaktige Oper Herzog Blaubarts Burg.

18. November 2021 - 10:00 | Thomas Ferstl

Nach den Erfolgsserien »House of Cards« und »Haus des Geldes« sorgen neue Haussagas nun wieder für Furore. Projektor, die a3kultur-Filmkolumne von Thomas Ferstl im November.

18. November 2021 - 9:37 | Iacov Grinberg

In der Augsburger Staats- und Stadtbibliothek wurde die Ausstellung »Sole Survivors & Rare Editions« mit unikalen, seltenen und illuminierten Inkunabeln aus dem Bestand der Bibliothek eröffnet.