Von Menschen und Masken

15. April 2019 - 13:51 | Renate Baumiller-Guggenberger

Erneut alles aus Männerhand: Premiere des vierteiligen Ballettabends »Dimensions of Dance. Part 2« im martini-Park.

Was passiert, wenn Menschen ihre Masken fallen lassen und ihr Antlitz preisgeben? Welche Bedeutung hat unsere Mimik für die Außenwelt, die unser ganzes Wesen darin zu erkennen sucht. Gesichtsmasken, ob aus transparentem Plastik oder aus elastischem Zellophan, spielten eine tragende Rolle im neuen Werk »yourFACE« und entfalteten ihr  knisternd inszeniertes Eigenleben. Eingekreist wurden Formen menschlicher Kommunikation, Identitätsfindung, das Hineinschlüpfen in die Kleider bzw. die Rolle eines anderen, das Ausgeliefertsein in Extremsituationen und die Suche nach der eigenen Kraftquelle. In raffinierten Lichtinszenierungen wurden immer wieder Körper auf und von der Bühnenfläche geschleift, entfalteten sich zum Sounddesign von Djeff Houle dynamische, Kräfte zehrende, aber immer spannungsreiche tänzerische Interaktionen (großartig hier Marcos Novais!) – geprägt und beseelt von innovativem, teils rabiat wirkendem Bewegungsvokabular und philosophisch-spirituellen Impulsen. Gar nicht so leicht, all die Ideen, die das neue Werk bündelte, beim erst- bzw. einmaligen Betrachten schlüssig zu dechiffrieren. Der Amerikaner Peter Chu widmet sich interdisziplinären Tanzformen, in denen er die Ausweitung der körperlichen Grenzen des Tanzes ins Visier nimmt. Definitiv hinterließ Gastchoreograf Chu mit seinem für das Staatstheaterensemble choreografierten Werk den stärksten Eindruck der »Dimensions of Dance. Part 2«, die diesmal bewusst den Körper selbst und erneut die stilistische Vielfalt ins Zentrum stellen wollte.

Ballettchef Fernando rahmte den vierteiligen Ballettabend mit zwei Kreationen, die er aus Hagen nach Augsburg importierte. Zum Einstieg steuerte er zu den von Kai Adomeit in Augsburg eingespielten »Goldberg-Variationen« feinsinnig und virtuos auf Spitze gestellte »Tanzminiaturen« bei. Filmisch eingefangene Impressionen aus dem Probenalltag im neuen Ballettsaal, der die Tänzer offenkundig motiviert, kombinierte er mit neoklassisch komponierten Doppel-Duetten und -Quartetten, um den musikalischen Kosmos von Bachs berühmten Klavierwerk mit tänzerischer Transparenz und Klarheit einzufangen, um die Interpreten immer wieder geistreich aus der Balance fallen zu lassen.

Die Geheimnisse einer lichtvollen, musikalisch expressiv aufgeladenen »Nacht«-Atmosphäre erkundeten im Finalstück die endlich etwas farbenfroher gewandeten Paare und Passanten, die sich zufällig zur homogenen »Masse« formten, sich geometrisch abgezirkelte Räume schufen, um nach einigen Längen ins nebulöse Licht des Bühnen-Jenseits abzutauchen. Nach den starken Eindrücken, die im Jahr 2016 der »Soto Danza«-Abend mit vier Werken des spanischen Choreografen Cayetano Soto hinterlassen hatte, enttäuschte dessen Stück »Beginning After« mit gähnender Leere, so dass man (zumindest die Rezensentin) gelangweilt die Augen schloss, um wenigstens die wundervollen Händel-Arien zu genießen. Was auch immer er mit der körpersprachlich sperrigen Befragung der Erinnerung »bewegen« und ausdrücken wollte, erhellte nicht einmal der verzweifelte Blick ins Programm. Oder doch? »Die Wahrheit ist nur dann ein angenehmer Aufenthaltsort, wenn man sie akzeptiert oder bewusst nach ihr sucht«. Ach je! Wie immer gab es am Ende frenetischen Jubel der Zuschauer, den sich die Compagnie mit diesem vierfachen tänzerischen Hochleistungsakt in jedem Fall verdient hat! Eine fragende Anmerkung zum Schluss: Wann dürfen in Augsburg endlich wieder auch kreative Choreografinnen – von denen es jede Menge gibt – unter Beweis stellen, wie aktuell und aufregend modernes Tanztheater aus weiblicher Hand sein kann?  
 
Weitere Termine unter:
https://staatstheater-augsburg.de/dimensions_of_dance_part_2  

Foto: Jan-Pieter Fuhr

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