Politik & Gesellschaft

»Menschen werden menschlicher, wenn man sie wie Menschen behandelt«

Gastautor

Jüdische Gemeinden sind kein einheitlicher Block. Niemand schreibt eine bestimmte Glaubensrichtung vor. Das machte Moritz Bauerfeind vom Jüdischen Museum Frankfurt/Main in seinem Vortrag über drei bayerische Reformrabbiner deutlich. Im 19. Jahrhundert bildeten sich verschiedene Strömungen heraus. Reformer hatten häufig einen schweren Stand. So erging es auch Samson Wolf Rosenfeld in Fürth, Isaac Loewi in Bamberg und Aron Guggenheimer in Kriegshaber.

In Schwaben war die jüdische Bevölkerung auf dem Land stärker vertreten als in den Städten. Aron Guggenheimer (1793 – 1872), Rabbiner in Kriegshaber, ersetzte in der Synagoge die Pulte durch Bankreihen, predigte in Deutsch und setzte sich für eine Jüdisch-Theologische Fakultät ein. Immerhin konnte er in der Stadt Augsburg als jüdischer Religionslehrer in St. Anna und St. Stephan wirken. Trotz teils heftiger interner Auseinandersetzungen verstand er es, die Gemeinde zusammenzuhalten und eine Spaltung zu vermeiden.

Isaak Loewi (1803 – 1873), einem promovierten Kabbalisten, ging es um »Bildung des Verstandes, Veredelung des Herzens«. Er arbeitete in Fürth in einer mehrheitlich konservativen jüdischen Gemeinde. Ihm wurde mangelnde Distanz zu Kirche und Christen vorgeworfen, weil er Brücken bauen wollte.

Immer wieder mischte sich der Staat in interne Angelegenheiten der jüdischen Gemeinden ein, auch zur Frage, welche Voraussetzungen Rabbiner erfüllen müssten, um gewählt zu werden.

»Das Füllhorn«, die erste jüdische Zeitschrift in deutscher Sprache, wurde von Samson Wolf Rosenfeld (1780 – 1862) gegründet. Sie befasste sich mit Alltagsfragen, auch mit Politik und forderte volle Gleichberechtigung für Jüdinnen und Juden. Am 19. März 1835 erschien ein Artikel »In Sachen der Juden«. Ein Professor Krug in Leipzig schrieb darin:

»Die Christen haben ja in den früheren Jahrhunderten die Juden fast überall durch die härtesten Bedrückungen und schmählichsten Misshandlungen genötigt, sich von denen abzusondern, die sie auf so unchristliche Art von sich stießen. … Barer Unsinn ist es, pflichtmäßigen Bürgersinn von denen zu fordern, denen man keine Bürgerrechte zubilligt, und noch unsinniger, Liebe von denen zu fordern, denen man so lange mit Hass und Verachtung begegnet ist. Es wird aber eine Zeit kommen, wo kein vernünftiger Mensch sich mehr wundern wird, wenn ein guter Bürger, sei er Christ oder Jude, von seinen Mitbürgern zum Bürgermeister gewählt wird.« (Schreibweise der heutigen angepasst, df)

Moritz Bauerfeind wies darauf hin, dass die jüdische Emanzipation letztlich nicht voll erreicht wurde. Die Existenz des alten Judentums war mit der Schoa beendet. Im Blick auf die heutige Weltlage und die politische Entwicklung in Deutschland und Europa sagte Bauerfeind: »Heute gibt es wieder zu viel Reden über eine Leitkultur.«


Während der Dauer der Ausstellung »Eine Erinnerung ist eine Erinnerung ist eine Erinnerung?« ist die ehemalige Synagoge Kriegshaber, Ulmer Straße 228, von Donnerstag bis Samstag von 14 bis 18 Uhr sowie sonntags von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Das Jüdische Kulturmuseum bietet ein umfangreiches Begleitprogramm mit Geschichts- und Kreativ-Workshops für Schulklassen sowie Führungen und Vorträgen an. Das komplette Angebot im Überblick finden Sie unter: www.jkmas.de/2018/01/erinnerung-ausstellung-kriegshaber/

Foto oben (Franz Kimmel): 1627 wurde in Kriegshaber ein israelitischer Friedhof angelegt, 1720 die Synagoge eingeweiht. Sie ist die älteste erhaltene Synagoge im Regierungsbezirk Schwaben. Im Erdgeschoss wohnte zeitweise der Rabbiner. 2014 wurde das sanierte Gebäude als Zweigstelle des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg-Schwaben wieder eröffnet.

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