Metamorphose mal anders

28. Mai 2016 - 22:12 | Iacov Grinberg

»Wie Philemon und Baucis sich verloren haben«: Ausstellung von Lane Ziegler in der Galerie Extrawurst

Der Mythos über Philemon und Baucis ist vielen in Deutschland bekannt, aber nicht als ein Teil der Metamorphosen von Ovid, sondern weil Goethe ihn in Faust II erwähnt und Bertolt Brecht ihn als Grundlage für sein Werk »Der gute Mensch von Sezuan« benutzt hat. Die junge Augsburger Künstlerin Lane Ziegler spielt auch mit diesem Mythos.

Die Götter haben das alte Ehepaar Philemon und Baucis, das immer noch in tiefer Liebe verbunden ist und nie ohne einander leben wollte für ihre Großzügigkeit und Gastfreundschaft belohnt, indem sie am Ende ihres Lebens in zwei Bäume, die aus einer Wurzel wuchsen, verwandelt wurden. Eigentlich lebt das Paar in einer ärmlichen Hütte am Stadtrand. Die Künstlerin schrieb daraus das Drama »Philemon und Baucis – Eine moderne Metamorphose«, in dem die Protagonisten ein altes Ökopärchen sind, das aus Protest eine Hütte mitten in einem Einkaufszentrum bewohnt. Das Drama operiert auf vielen Aussageebenen. Die Metamorphose besteht in der Demenzerkrankung der Protagonisten, die allmählich alles vergessen. Das Stück wurde ein paar Jahre zuvor schon an der Universität Augsburg von Studenten aufgeführt. Die Künstlerin spielte auch mit und hat dabei die beste schauspielerische Leistung erbracht. Die Ausstellung basiert auf diesem Drama und dieser Aufführung.

Für eine nicht eingeweihte Person ist die Ausstellung auf den ersten Blick kaum verständlich. In einem Raum sind Holzschnitte ausgestellt, deren Benennungen etwas Gemeinsames mit dem Titel der Ausstellung haben. In anderen Räumen sind Fotos von abgesägten Baumstämmen und verschiedenen Baumstümpfen zu sehen. Ganz gesondert liegen erklärende Texte – ein gefaltetes Blatt DIN A4 mit einem Text, der mit blauen Tinten in Schriftgröße 9 gedruckt ist. Es ist schwer, ihn zu lesen, aber ohne ihn sind die Verbindungen der verschiedenen Teile der Ausstellung, ihre gemeinsame Linie, gar nicht verständlich. Im russischen Volksmund sagt man in solchen Fällen: »Fünf Pfennig – fünf Pfennig – fünf Pfennig – und wann ist eine Mark zusammen?»

Für mich ist diese Ausstellung ein Paradebeispiel dafür, dass Künstler ihre künstlerische Arbeit machen sollen. Die Vorstellung ihrer Arbeiten für das breite Publikum in einer Ausstellung braucht jedoch einen Spezialisten, einen Kurator. Die Künstler sehen ihre Arbeiten mit den Augen eines Schöpfers, sie verstehen Hintergründe, Andeutungen, Verbindungen eines jeden Aspekts miteinander. Ein fremder Betrachter sieht alles mit seinen Augen, er kennt diese Bezüge in der Regel nicht. Daher gelingen Ausstellungen, welche die Künstler selbst organisieren, nur selten, selbst wirklich gute Arbeiten hinterlassen bei den Betrachtern oft keinen entsprechend guten Eindruck.

Liebe Künstler! Verlassen Sie sich bei der Organisisation Ihrer Ausstellungen nicht nur auf Ihre eigene Sicht! Holen Sie mindestens noch eine Person mit »frischem Auge« dazu. Seien Sie mit dem Betrachter Ihrer Produkte barmherzig, verbergen Sie nicht vor den Zuschauern den ganzen Sinn und die ganze Bedeutung ihrer Arbeiten in unergründlichem Dunkel!

Die Ausstellung läuft bis zum 19. Juni.
www.galerie-extrawurst.de

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