Literatur

Migration oder Aus-/Einwanderung

Gino Chiellino
22. April 2016

Seit mehr als hundertfünfzig Jahren wird in Italien der Terminus »Emigrante« verwendet, wenn über ausgewanderte Italiener geschrieben und/oder gesprochen wird. Emigrante bezeichnet wie Studente oder Presidente jemanden, der dabei ist, eine zeitbegrenzte Handlung zu vollziehen. Es gibt Studenten, die ewig studieren, und Präsidenten, die immer wieder gewählt werden, aber früher oder später hören selbst sie auf, Studenten oder Präsidenten zu sein. Nur die italienischen Auswanderer sind seit 1870 dazu verpflichtet, sich als ewige Pendler zwischen hier und dort oder dort und hier zu verstehen. Den Versuch, eine korrektive Unterscheidung zwischen Emigrante und Emigrato an meinem Geburtsort durchzusetzen, habe ich schnell aufgegeben. In der Tat war der Versuch von vornherein zum Scheitern verurteilt, denn bei der Prozession zu Ehren der örtlichen Schutzpatronin werden bunte kleine Zettel in die Luft geworfen, auf denen z.B. zu lesen ist: »Heilige Madonna del Carmine, schütze unsere Emigranten überall in der Welt!« Dass Mitglieder der Gemeinde Carlopoli sich im Lauf der letzten hundertfünfzig Jahre überall in der Welt niedergelassen haben und dass sie selten zu einem Besuch zurückkehren, wird die Madonna wohl wissen, aber selbst sie wehrt sich gegen diese sprachliche Lebenslüge ihrer Anvertrauten nicht. Angesichts einer solchen Erfahrung überrascht mich die um sich greifende Frequenz nicht, womit Migration und ihre Derivate durch die deutsche Sprache geistern.

Ich erkläre mir die hohe Beliebtheit des Wortes »Migration« mit deren Wesen an sich. Migration ist ein Erlebniswort, d.h. ein Wort, das etwas vermittelt, das zugleich ganz neu ist und doch längst vertraut war, sodass von dem Neuen keine Herausforderung, Verunsicherung ausgeht. Nach dem Motto: Migration ist halt Migration, du und ich wissen es schon lange. Ein Erlebniswort hat ferner ein ungeahntes Potenzial in sich. Es erlaubt z.B. selbst inkompetenten Sprechern, mit absoluter Sicherheit mitzureden, denn man weiß ja, vorüber man redet. Aber wenn man die Ewigsprecher beiseitelässt, worüber reden diejenigen, die sehr bemüht, sogar ernsthaft über Migration reden wollen?

Wenn zur Madonna gebetet wird, sie möge die Mitglieder der Gemeinde schützen, die sich überall in der Welt niedergelassen haben, und diese zugleich als Emigranti bezeichnet werden, wird ein trügerischer Wunsch geäußert. Man wünscht sich, die getroffene Entscheidung, aus der Gemeinde auszuwandern, sei noch nicht vollzogen, d.h., sie gehören nach wie vor zur Gemeinde. Solange ihre Entscheidung als nicht vollzogen angesehen wird, braucht man sich keine Gedanken über Ursachen und Folgen ihrer Auswanderung zu machen, und somit vermeidet man es, den eigenen Anteil der Verantwortung für die Auswanderung auf sich zu nehmen. Die Verwendung des Erlebniswortes »Migration« mit oder ohne Aggregate in einem Einwanderungsland wie Deutschland soll unter anderem ein Gefühl der Leichtigkeit, des Vorübergehenden, der Abwesenheit von unangenehmen Erfahrungen suggerieren. Aufgrund seiner zeit- und ortsbestimmenden Angabe lässt ein Wort wie »Einwanderung« keinen Spielraum für trivialisierende Einbildungen offen. 

Bei mir hat es lange gedauert, aber endlich habe ich es geschafft: Ich rede nur noch von Aus-und Einwanderung, d.h. von Aus- und Einwanderern. Dabei habe ich festgestellt, dass ich mich besser verstehen kann, seitdem ich zwischen Auswanderung  und Einwanderung klar unterscheide. Auswanderung ist eine vollendete, jedoch zu verarbeitende existenzielle Handlung, die in der eigenen Herkunftssprache und Kultur stattgefunden hat. Einwanderung ist eine unvollendete, offene Gegenwart, die in einer neuen Kultur und Sprache täglich ausgelebt wird. Die Einbildung, dass mit dem Erlebniswort »Migration« eine geglückte, ja sogar glücksbringende Synthese von Aus- und Einwanderung stattgefunden hat, hilft nicht weiter, höchstens bis zum nächsten Erlebniswort.

Wie gesagt, für Einwanderer ist es vernünftig, Deutsch richtig und gut zu lernen. Unvernünftig ist die damit verbundene Hoffnung, hinterher könne man sich mit den Staatsbürgern des Landes verstehen. In der Tat versteht man sich nicht, weil man die gleiche Sprache spricht: Gesprächspartner verstehen sich, weil sie sich verstehen wollen und einem dabei keine Erlebniswörter in den Mund legen wollen.

»Deutsch richtig und gut« lautete der Titel der Fibel, mit der sich Chiellino 1970 in Düsseldorf Deutsch beibringen wollte. Der interkulturelle Literaturwissenschaftler, Dichter, Essayist, Herausgeber und Übersetzer wurde unter anderem mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis für sein lyrisches Werk ausgezeichnet. Das neueste Buch Chiellinos, »Interkulturelle Literatur in deutscher Sprache: Das große ABC für interkulturelle Leser«, erschien beim Verlag Peter Lang, Bern.

www.chiellino.com

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