»Mit mir selbst energisch«

20. Oktober 2020 - 10:39 | Dieter Ferdinand

Im Kulturhaus abraxas las der Schauspieler Matthias Klösel den Bericht des Auschwitz-Überlebenden Ludwig Frank.

Gerald Fiebig, der Leiter des Kulturhauses abraxas, erinnerte daran, dass dieses Haus von der NS-Wehrmacht als Offiziersheim für die Kasernen in Kriegshaber erbaut wurde. Er erwähnte das vielfältige jüdische Leben in Augsburg, woraus für das abraxas eine Verpflichtung erwachse.

In Vertretung von Dr. Barbara Staudinger, der Direktorin des Jüdischen Museums Augsburg Schwaben, sprach Souzana Hazan über das Leben von Ludwig Frank. Er wurde im Jahr 1900 in Augsburg in eine jüdische Familie geboren und »war einer von zwei Augsburger Überlebenden von Auschwitz«, so Frau Hazan.

Ludwig Frank wurde 1938 verhaftet, 1939 aus dem KZ Dachau entlassen, auf dem Weg von Lyon in die Schweiz verraten und schließlich nach Auschwitz deportiert. 1946 schrieb er einen Brief an Verwandte und Freunde über seine Leiden in den Vernichtungslagern: ein Dokument aus der Sammlung Gernot Römer. Dieses wurde, gelesen von Matthias Klösel (Foto oben, © JMAS/Ilya Kotov, klick hier zum Vergrößern), zum ersten Mal zur Gänze der Öffentlichkeit vorgestellt. Zum Prozess gegen Adolf Eichmann 1961 steuerte Frank schriftlich seine Erinnerungen bei. 1983 starb er im saarländischen Völklingen.

»Von der Sekunde an, in der ich verhaftet wurde, hatte ich keinen Glauben mehr ans Leben.« Das steht in Franks Brief. Vom Gestapo-Gefängnis kam er nach Drancy. Dort »beschäftigte ich mich im Geist mit einer Radiobotschaft von Thomas Mann von 42, in der er erklärte, dass an einigen Holländern Vergasungsversuche gemacht wurden.«

Am 3. November 1942 wurden die Gefangenen in plombierten Viehwägen nach Auschwitz gebracht. »Von jedem Transport gingen circa neunzig Prozent ins Gas.« Den Schluss der Kolonne »bildete ein Rote-Kreuz-Wagen, der die Gasbomben für die Vergasung enthielt.«

»Ich weiß, dass sich viele SS-Leute an den Frauen vergangen haben.« Den Frauen hatte man »den Kopf ganz kahlgeschoren, sie in Fetzen gehüllt«, ihnen alles genommen.

Ludwig Frank führte in der Schreibstube eine Anwesenheitsliste. Er bekam einen Mandelabszess. »Der Abszess ging auf, ich ging hinaus, spuckte aus und arbeitete weiter, trotzdem ich halbtot war. Da lernte ich an mir selbst, was Energie bewirkte und ich war in der Folgezeit mit mir selbst energisch und ich glaube, dass ich diesem Umstand mein Leben verdanken kann.«

Die jüdischen Häftlinge, die selektiert wurden, »fuhren manchmal unter den Klängen der Hatikwa, die sie sangen, ins Gas.« Ludwig Frank sah in Auschwitz viele jüdische Bekannte aus Augsburg.

»Im Februar 1943 wurden auch die Zigeuner aller unterworfener Staaten mit ihren Familien in Birkenau konzentriert.« Zehntausende wurden ermordet. »Im September 43 wurde ein jüdisches Familienlager in Birkenau geschaffen.« Am 7. März 1944 hatte Jan Masaryk, der Verteidigungsminister der tschechischen Exilregierung, Geburtstag. »Da wurden Tausende von braven Tschechen ins Gas geführt. Es waren derer circa 17.000.« Ab März 1944 »kamen circa 800.000 ungarische Juden ins Lager. Man hat fast jeden Tag 20.000 verbrannt.«

»Was wir am eigenen Körper erlebt haben, ist nicht schilderungsfähig.« Am 12. Januar 1945 begann der Todesmarsch mit enorm vielen Opfern. »Ende Januar kamen wir dann im KZ in Mauthausen an, mussten zwei Tage und zwei Nächte im Freien übernachten.«

Frank arbeitete später in der KZ-Außenstelle Ebensee. In den Bergen waren Munitionsfabriken verborgen. »Wir mussten unzählige Stollen graben, alles mit der Hand.« Zuletzt erhielt Frank »mit einem Eisenstab einen Schlag auf das linke Bein und bekam eine furchtbare Phlegmone.«

Am 6. Mai 1945 wurde das KZ Mauthausen durch die Amerikaner befreit. Frank fuhr nach Paris. »Mein Schutzengel ist mir auch auf der ganzen Fahrt treu geblieben, und so erreichten wir am 26. Mai Paris.« Am 15. Juni »kam der glücklichste Tag meines Lebens. Da kamen meine liebe Schwägerin und mein lieber Bruder aus Lyon. Da hatte ich die Gewissheit, dass auch sie leben und ich weinte furchtbar vor Freude.«

Im KZ Mauthausen war Ludwig Frank ein Dokument abgenommen worden, das er »als teures Andenken bewahren wollte. Eine schöne Frau aus Prag, Suse Reich, schrieb mir zehn Minuten vor ihrem Tode durch Gas einen erschütternden Brief... mit dem Schlusssatz: ›Sollte doch noch ein Wunder geschehen und ich aus diesem Krieg mit dem Leben davon kommen, woran ich keinesfalls glaube, dann werde ich versuchen, mich mit Dir zu vereinen, wo du auch seist.‹«

Foto Mitte, © Familie Cullmann, klick hier zum Vergrößern – Familie Frank, 1911, von links: Ludwig, Herta, Mutter Barbara (genannt Betty), Siegfried, Rosa 

Foto unten, © Familie Cullmann, klick hier zum Vergrößern – Ludwig Frank an Weihnachten 1979 bei Familie Mader in Neusäß

www.jmaugsburg.de

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