Mirakel, Samt und Gold

22. März 2019 - 15:05 | Martin Schmidt

Wunderbarliche Güter, Preziosen, Farbräusche: Das Diözesanmuseum St. Afra Augsburg zeigt in seiner aktuellen Sonderausstellung »König, Bürger, Bettelmann« Einblicke in die Sakralkunst von Heilig Kreuz.

Die Sonderausstellung »König, Bürger, Bettelmann – Treffpunkt Heilig Kreuz« (22. März bis 30. Juni 2019) macht den reichen Schatz an Altarbildern, Skulpturen, Fresken, Paramenten (kirchlichen Textilien) und liturgischen Geräten von Heilig Kreuz erstmalig der Öffentlichkeit zugänglich. Die historische Stiftskirche im Herzen Augsburgs – an der, versteckt und verwinkelt gelegen, man eben doch schnell und unbemerkt vorbeigelaufen ist – war tatsächlich einst Ziel von »König, Bürger, Bettelmann« (der Titel spielt auf den alten Kinderabzählreim »Kaiser, König, Edelmann / Bürger, Bauer, Bettelmann« an). Das Anliegen aller: das »Wunderbarliche Gut« zu sehen, eine wundertätige Hostie, die sich offenbar in eine Ausformung von Fleisch und Blut verwandelt hatte. In und um Heilig Kreuz entstand ihretwegen eine über 800-jährige Verehrungs- und Wallfahrtsgeschichte.

Grün, ockergelb und goldgefasstes Holz
Das historische Sujet der Ausstellung packt das Diözesanmuseum in ein frisches Expositons-CI, das Katalog, Flyer und Rundgangstafeln sich in einem durchgehenden Design aus Grasgrün und Ockergelb zeigen lässt. Das Farbspiel erweitert sich passend in den anthrazit- und blutroten Schaukästen und, trotz aller historischer Patina, den kleinen Farbräuschen mancher Exponate – wie gleich links am Eingang der Ausstellung, wo in einer Sinfonie aus Kobaltblau, Gold, Bordeaux und sogar Pinkblümchen eine knapp einen halben Meter hohe Klosterarbeit strahlt: eine Darstellung des »Wunderbarlichen Guts«, gefertigt aus Holz, Samt, Seide, Metallfolie sowie Goldspitze und Goldband. Herstellungsort: vermutlich Augsburg, um 1800. Neben dem Stück Handarbeit, in der selben Vitrine, blüht ein so genanntes Hauszeichen aus gold gefasstem Holz, auch es steht im Zeichen des Wunderbarlichen Guts.

Zwei rote Wallfahrtsfahnen aus rotem Seidendamast flankieren dann das Tor zur Ausstellung. Gleich einem Prozessionsteilnehmer betritt der Besucher einen aus Bildwänden gefertigten Gang, der direkt zu einer Vitrine mit zwei Ostsensorien (Schaugefäßen) für das Wunderbarliche Gut führt: die eine Monstranz ein spitz-architektonisches Truhenreliquiar aus Romanik und Gotik, die andere, gekrönt und von einem Tressenmantel behangen, aus der Zeit des Barock und des Rokoko. Ersteres Schaugefäß, entstanden um 1205 (womöglich in Augsburg), gilt als die früheste erhaltene Goldschmiedearbeit in der Fuggerstadt. Ebenso gibt es in der Stadt wohl kein Behältnis, das so oft verändert und ergänzt wurde wie dieses ursprünglich von Konrad von Lindau entworfene Werk.

Umgeben sind die beiden Ostsensorien (seit 2000 im Besitz des Museums) kreuzförmig von rund um die Wallfahrt entstandenen Andachts-, Spitzen-, Spickel- und Votivbildern. Die Spitzenbilder zeigen sich in Papier mit Blattsilber, die Spickelbilder zum Teil mit roter, grüner und goldener Folie versehen. Öl auf Holz die Votivbilder, Kupferstiche, teils auf gelber Seide, die Andachtsbilder. Dazu Mirakelberichte und sogar ein Hinterglasbild.

Jahrelange Vorbereitung, faszinierende Funde
Die drei Jahre lang vorbereitete Ausstellung zeigt aber auch einen großen Teil der Figurenausstattung des Hochaltars und der Seitenaltäre (geschaffen von den Gebrüdern Verhelst), die der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg entgingen – und von den Ausstellungsmachern tatsächlich wiederentdeckt und ins Diözesanmusem geholt wurden. Die verbliebenen, gefundenen Figuren des Hochaltars wurden für die Ausstellung fragmentarisch an einer Hochwand re-komponiert, ein luftiges Ensemble, in seiner Leerstellen-Schwebe nicht ohne eigenen künstlerischen Reiz, der bewirkt, dass der Betrachter den Altar im eigenen Geist neu erschafft.

Im Leopold-Mozart-Jahr 2019 liegt ein Augenmerk der Ausstellung – ohne, dass sie sich als Mozartausstellung einreihen ließe – auf den Musikalien aus Heilig-Kreuz. Nannerl hatte dem Kloster die kirchenmusikalischen Werke ihres Bruders Wolfgang Amadeus Mozart hinterlassen, der eine besondere Verbindung zu Heilig Kreuz hatte. So gibt es in der Sonderausstellung auch einen in Geheimschrift beginnenden Brief Leopold Mozarts an seinen Sohn Wolfgang Amadeus zu sehen – und natürlich auch einen Brief des Sohns an den Vater. Des Weiteren zum Teil Notenblätter und Partituren von W.A. Mozart. Aber nicht nur Mozart: auch Joseph Haydn und Matthäus Fischer haben ihre Spuren hinterlassen, die man in »König, Bürger, Bettelmann« bewundern kann.

Kaseln, Rubens & Handschuhe
Das Panoptikum der Ausstellung umfasst viel Weiteres: Messgewänder – Kaseln in weißem Ornat, in Rosa, in Grün –, Altarbilder, Ölskizzen, eine Silbertrompete, Messkelche, aus versilbertem Kupferblech getriebene Büsten, Pontifikalhandschuhe und mehr. Dazu Werke von Georg Petel (1601/02–1634) und Peter Paul Rubens (1577–1640) sowie Burkhard Engelberg, Jörg Seld, Johann Matthias Kager, Johann Georg Bergmüller und Joseph Mages. Insbesondere das 17. Jahrhundert, so wird in der Ausstellung deutlich, war – trotz des Bildersturms der Reformation – ein Blütejahr der Kunst für Kirche und Stadt. Als Teil der Ausstellung zählen auch einige Kunstwerke, die vor Ort in der katholischen Heilig-Kreuz-Kirche und im Augsburger Dom zu besichtigen sind.

Die gewaltige Leistung, die die Ausstellungsmacher bewältigten, wird auch klar angesichts dessen, dass es tatsächlich keine Sekundärliteratur zu Heilig Kreuz gibt, auf die man zurück greifen konnte. Dies löst nun ein vier Zentimeter dicker Ausstellungskatalog ein, der stolze 2,75 Kilogramm Gewicht aufbringt und auf 550 Seiten mit reichem Bildanteil eben nicht nur ein erstmaliges wissenschaftliche Kompendium abgibt, sondern auch den Laien und Interessierten hervorragend in das Sujet einführt. Aufgepasst heißt es lediglich bei den die Sonderausstellung begleitenden Flyern. Es gibt derer zwei – einen zur Ausstellung selbst und einen zum Begleitprogramm – und auf den ersten flüchtigen Blick sind beide sowohl bezüglich in Design, Format und Aufmachung schnell zu verwechseln beziehungsweise nicht als zwei unabhängige Info-Angebote zu erkennen.

Die Ausstellung geht bis 30. Juni 2019 und wird von einem reichen Rahmenprogramm begleitet, online einsehbar unter:
www.museum-st-afra.de/service/veranstaltungen/article/koenig-buerger-bet...

Die Öffnungszeiten des Diözesanmuseums St. Afra sind Dienstag bis Samstag 10 bis 17 Uhr, Sonntag 12 bis 18 Uhr (Karfreitag, Ostersonntag und Pfingstsonntag geschlossen).
www.museum-st-afra.de

Unser Bild zeigt ein Ensemble aus Mitra, Ziborium und einem Paar Pontifikalhandschuhe, Exponate der Sonderausstellung »König, Bürger, Bettelmann – Treffpunkt Heilig Kreuz«. | Foto: Martin Schmidt

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