Mischehe oder interkulturelle Lebensgemeischaft?

18. November 2018 - 8:40 | Gino Chiellino

Für seine Kolumne »Deutsch richtig und gut« hat Gino Chiellino Begriffe gesucht, die er paarweise umschreibt, um zu zeigen, wie er sie anders versteht als seine Gesprächspartner. Teil 21.

Im Juli des Jahres 1978 bin ich zum italienischen Konsulat in München gefahren. Dort wollte ich mir die zweisprachigen Unterlagen für das anstehende Aufgebot in Carlopoli/Italien und auf dem Augsburger Standesamt besorgen. Auf die Rou­tinefrage »Worum geht es?« antwortete ich: »Um die deutsch-italienischen Unterlagen für das Aufgebot einer Mischehe.« Der fragende Angestellte ging in sich wie ein Mensch, der darüber nachdenkt, ob er aussprechen darf, was in ihm wegen des Gehörten aufkommt. Mit unbeteiligter Stimme, frei von jedem belehrenden Unterton, reagierte er dann auf meine Antwort mit der knappen Feststellung: »Jede Ehe ist eine Mischehe. Oder haben Sie mal jemanden erlebt, der oder die sich selbst heiratet?« Angesichts seiner zurückhaltenden Sprechweise nahm ich die Anmerkung auf meine Antwort ohne Widerrede hin.

Wieder auf der Straße, mit dem Unterlagenumschlag in der linken und dem Autoschlüssel in der rechten Hand, war mir das Gespräch als Teil eines Behördengangs aus dem Sinn. Seit Langem weiß ich aber, dass gerade die Anmerkung des italienischsprachigen Angestellten zum Wort »Mischehe« meinen Umgang mit der deutschen Sprache grundlegend verändert hat. Bis dahin wäre ich nie auf die Idee gekommen, die Sprache meiner deutschen Freunde und Bekannten, in der ich mich aufgenommen fühlte, infrage zu stellen. Nach der Frankfurter Spracherfahrung begann ich, ohne mir dessen bewusst zu sein, auf das ungute Gefühl zu achten, das manche deutschsprachigen Sätze in mir auslösten. Da ich keine Erklärung dafür hatte, führte ich das Gespürte auf meine Sprachkenntnisse zurück. Erst bei dem Titel »Ganz unten« von Günter Wallraffs Buch (1985) begann das von mir gepflegte Erklärungsmuster zu schwächeln. Ich fragte mich, warum keine Gegenstimme zu vernehmen war, weder in den Massenmedien noch bei Lesungen. Um mit meinem Sprachunbehagen anders als zuvor umgehen zu können, habe ich mir damals folgendes Gedicht geschrieben:

Die Einladung
Mit Verkleidung, bitte!
stand auf deiner Einladung.
Ich habe mich entschieden
als Wallraff zu kommen.
Niemand wird mich
als Gastarbeiter erkennen.

Es war ein erster hilfloser Versuch, mich gegen eine aussperrende Sprache zu wehren, die das Leben der Einwanderer nach dreißig Jahren auf Drecksarbeit und Ausbeutung reduzierte, als ob die Einwanderer in den ersten drei Jahrzehnten ihrer Anwesenheit in der Bundesrepublik nichts gewagt hätten, um ihre Lage zu verändern. Heute erkläre ich mir eine derartige Sprach- und Wahrnehmungsverfehlung eher mit einem unzulässigen Tausch bei dem Umgang mit den Einwanderern. Um die Fremdheit zu überwinden, die die Einwanderer einem Einheimischen zumuten, erklärt dieser sich mit ihnen solidarisch. Er setzt sich für sie ein, ohne zu wissen, wer sie sind. In der Tat, ohne die beschützende Solidarität der türkischen Betriebsarbeiter wäre Günter Wallraffs Maskerade sehr schnell dahin gewesen. Das Argument, dass der Schriftsteller durch die Reportagen auf die Lage der Einwanderer aufmerksam machen wollte, ist deswegen sehr links geraten, weil die deutsche Öffentlichkeit bestens darüber informiert war. Die Reportagen haben eher die voyeuristische Erwartung der Einheimischen in Bezug auf die Fremden befriedigt. Die wollte man sich zwar vom Hals halten, zugleich aber zuschauen, wie sie lebten.

Trotz der einfühlsamen Anmerkung des Konsulatsangestellten und des Wiederkommens des Sprachunbehagens bei Gesprächen mit Freunden und Bekannten ist es für mich keineswegs leicht gewesen, das Wort »Mischehe« zu vermeiden. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis ich für mich eine Alternative gefunden habe. Dies hat damit zu tun, dass der Begriff »Mischehe« zwei Voraussetzungen für das Gelingen eines Alltagsgesprächs bestens erfüllt: Knappheit und Vagheit. Der Begriff »Mischehe« ist knapp und vage zugleich. Damit wird die Abweichung von der Norm – Ehe gegen Mischehe – überdeutlich formuliert und zugleich erlaubt er dem Gesprächspartner positive bis rassistische Auslegungen seines Inhalts, um das Gespräch ohne Konflikt weiterführen zu können. Jeder weiß, worum es geht, und keiner nimmt Anstoß daran, dass der Gesprächspartner ein anderes Bild im Kopf hat. Ein solches Sprachvorgehen wird von den Gesprächspartnern deswegen in Kauf genommen, weil sie zur Norm gehören oder weil sie sich nicht zutrauen, von der Norm abzuweichen, oder weil ihnen die Sprachkompetenz fehlt, um sich gegen die Norm zu stellen.

Ich selbst habe mich daran gewöhnt, weder von Mischehe noch von Ehe zu reden, sondern von interkultureller Lebensgemeinschaft. Ich gebe zu, mein Gegenvorschlag ist weder knapp noch vage, genau wie eben das interkulturelle Leben es nicht ist. Mit interkultureller Lebensgemeinschaft möchte ich Begriffe wie »Ehe« und »Familie« als autoritäre Konstrukte vermeiden und eine nach vorne orientierte Gemeinschaft aus Eltern, Kindern und Enkelkindern ansprechen.

Wie gesagt, für Exilierte, Einwanderer und Flüchtlinge ist es vernünftig, Deutsch richtig und gut zu lernen. Unvernünftig ist die damit verbundene Hoffnung, hinterher könne man sich mit den Staatsbürgern des Landes verstehen. Sprachmodelle oder gut gemeinte Angebote von Freunden und Bekannten zu übernehmen, mag dem Fremden aus der Sprachlosigkeit heraushelfen. Sie können aber auch verhindern, dass man den Weg zu seinem Leben in der Fremde findet.

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